1.3.2. Gott als subjektive Verstehenshilfe

Typisch für kultisches Gerede sind etwa Sätze der Form: „Ich glaube, daß Gott dreifaltig ist, kann es aber nicht verstehen, weil es sich um ein Geheimnis handelt.“ Das geht völlig daneben, weil dieser Satz zumindest zwei gravierende Fehler enthält:

Zum einen den oben genannten; was wir nicht verstehen, können wir auch nicht glauben.

Und zum anderen ist die Dreifaltigkeit kein Geheimnis; sie kann lediglich dazu werden und tut dies genau in dem Maße, wie wir uns darum bemühen, sie zu verstehen; dann – als gewordenes Geheimnis – können wir sie auch glauben

 

„Ist das noch katholisch?“

Zum einen verstehe ich Ihre Frage gar nicht richtig. Soll das bedeuten, daß bestimmte Glaubenssätze blind für wahr gehalten werden müssen? Dann bin ich – Gott sei Dank – natürlich nicht katholisch.

Zum anderen interessiert mich das auch herzlich wenig; mir geht es um die Wahrheit und nicht um irgendein Katholisch-Sein – was auch immer das bedeuten mag. Jesus sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, nicht aber „ich bin Katholik“. Ich bin nicht Christus, aber wir sollten ihm nachfolgen und nicht katholisch sein; „pharisäisch“ hätte das damals wohl geheißen.

 

Das bedeutet meines Erachtens unter anderem, wie soeben deutlich werden sollte, bei keiner Antwort auf die Frage nach Gott stehenzubleiben, um sich von ihr als dem bloßen Staus quo den weiteren Blick verstellen zu lassen. Vielmehr geht es darum, die gefundenen Antworten als eine Durchgangsstufe zu verstehen, die neue Fragen aufwirft und Denk-Möglichkeiten oder -Horizonte eröffnet. Wer nach dem „Denken“ nicht mehr Fragen hat als zuvor, hat nicht gedacht.

Ludwig Wittgenstein formuliert das so:

„Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)“

 

Christen gehen davon aus, daß Gott ihnen im Leben hilft; vielleicht auch beim Denken. Ich bin einverstanden, lege aber großen Wert darauf, meine Zustimmung auf den Akt des Denkens zu beschränken und nicht auf seine Inhalte zu übertragen:

(Der wahre) Gott führt uns – als Heiliger Geist – vielleicht zu ungeahnten Einsichten, überraschenden Zusammenhängen und genialen Theorien; viele Autoritäten werden dem aufgrund ihrer eigenen Erfahrung kaum widersprechen wollen.

Aber als Bestandteil von Überlegungen – Grund, Ursache, Ziel, Medium oder was auch immer – kann der wahre Gott uns unmöglich helfen, denn er ist unbegreiflich. Sämtliche Erklärungen, die durch seine Einbindung leichter oder verständlicher werden, als sie es ohne Gott sind, müssen also falsch sein. Das Unbegreifliche kann uns nicht helfen, irgendetwas zu durchschauen.

„Gelingt es uns doch“, haben wir Gott als allmächtigen Zauberer mißbraucht, um die Lücken oder mangelnde Stringenz unseres Denkens zu überspielen. Da man mit einem solchen Gott natürlich alles „erklären“ kann, läßt sich mit ihm gar nichts erklären.

 

Wir müssen in diesem Zusammenhang zwei Betrachtungsweisen unterscheiden.

Als objektive Begründung oder Sinngebung sind Aussagen der Form „Das war Gott“, „hat er so gewollt“ oder „ist seine Strafe“ nicht nur leeres kultisches Gerede, sondern zumindest bei der Interpretation persönlicher Katastrophen durch Außenstehende meines Erachtens sogar mehr als pervers.

Gibt dagegen jemand seine eigenen Erfahrungen mit diesen Worten wieder, dann ist das etwas völlig anderes; er erklärt nichts und möchte das auch gar nicht, sondern versucht, sein Leben zu verstehen. Dagegen ist nicht nur nichts einzuwenden, sondern der Versuch, es zu tun, wäre geradezu bösartig, weil er wiedergefundenen Seelenfrieden zerstören könnte.

Wer den Tod eines nahen Menschen ebenso wie das Hören von Musik oder das Betrachten eines Sonnenaufgangs – nicht im Kopf, sondern – in seinem Herzen als Gotteserfahrung erleben kann, ist doch nur zu beneiden.

Aber kein Außenstehender darf oder kann uns vorgeben, was wir wie zu erfahren haben.

 

In diesem Sinne versuche ich, alle leeren Behauptungen, Widersprüche, Belanglosig- und Unsinnigkeiten zu vemeiden; auch oder vielleicht besonders diejenigen, die in einem „frommen“ Sprachgebrauch alltäglich sind. Denn in diesen Fällen wird häufig etwas „geglaubt“, nicht nur bevor es verstanden wird, sondern was gar nicht verstanden werden kann.

Daß ich etwas für falsch, belanglos oder unsinnig halte, ist jedoch allein mein Problem.

Wer mir also widersprechen und gern eine „frömmere“ Sprache haben möchte, soll bitte das Buch beiseite legen und liebend gerne an seinen Überzeugungen festhalten; es wird nicht „besser“. Ich möchte niemandem seinen Seelenfrieden rauben, der ihn besitzt – darin besteht vielleicht das, was mit „Sünde“ gemeint sein könnte –, sondern lediglich einigen von den vielen helfen, die ihn wegen eines überholten „Denkens“ längst verloren haben.

 

Daß die Kirchen leer(er) werden, liegt gewiß daran, daß die Menschen nicht mehr glauben wollen. Aber zu dieser meistens vorwurfsvoll gemeinten Binsenweisheit hätte ich zwei kritische Einwende:

Haben die Menschen im MIttelalter geglaubt? Gab es damals Alternativen zum „Glauben“? Kann man überhaupt glauben, ohne ein hinreichend entwickeltes Freiheitsverständnis zu besitzen, das zumindest in der katholischen Kirche heute noch weitestgehend fehlt?

Des weiteren können wir nur das ehrlich wollen, was uns tatsächlich als wünschenswert erscheint. Würde die „Frohe Botschaft“ für uns tatsächlich als Frohe Botschaft erkenntlich, wollten wir sie natürlich auch. Heißt sie jedoch nur so, und es ist nicht das drin, was außen draufsteht, dann ist der Vorwurf, die Menschen wollten nicht mehr glauben, höchst fragwürdig. Warum sollten sie auch?

Damit meine ich natürlich nicht nur die individual-ethisch verengte – insbesondere sexuelle – Droh-Botschaft, sondern viel mehr noch die weitgehende Beschränkung auf eine binnenkirchliche Sondersprache. Letztere gehört zwar – noch – zum Deutschen, bleibt aber dennoch „Kirchenlatein“, das weder mit der Sprache der Arbeiter noch mit der der Intellektuellen in Verbindung steht. (Gut lesbar und empfehlenswert ist ist in diesem Zusammenhang „Phrase unser“ von Jan Feddersen und Philipp Gessler.)