1.5. Subjekte

Bei beiden Ansätzen, das heißt, sowohl für die Tradition als auch in unserer Form der Postmoderne können wir die Subjekte auf die gleiche Weise definieren:

Sie sind als Bewußthaber die Träger der Bewußtseine; jedes Subjekt besitzt ganz allein für sich sein eigenes, subjektives Bewußtsein.

 

Aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Die Tradition weiß bei den Subjekten recht genau, wovon sie spricht – nämlich von Körpern, die ein Bewußtsein haben –, und zweifelt höchstens in Einzelfällen, ob das vorliegende Exemplar nun wirklich zu den Subjekten gehört oder nicht; Hasso, der Patient an der Herz-Lungen-Maschine, eine befruchtete Eizelle oder der Roboter „Tiktok“. 

Wir haben dagegen nicht die geringste Ahnung davon, worin Subjekte als Bewußthaber bestehen, und wissen somit lediglich, was wir nicht wissen.

 

Das ist wie bei Gott oder jedem sonstigen Geheimnis:

Es zu wissen, heißt lediglich, daß seine Benennung – beispielsweise „Gott“, „Ursprung“, „Transzendenz“ oder „Quell der Wirklichkeit“ also – bekannt ist. Wir können es leugnen oder – durch „Superschlauheit“ – als Geheimnis zerstören, aber nicht lüften; es ist nicht herauszubekommen, wer oder was der Ursprung ist. 

Auch Subjekt oder Bewußthaber fungieren in diesem Sinne bei uns nur als Benennungen. Vielleicht kommt heraus, daß wir uns – durch die Nähe zu oder als Ebenbilder von Gott – selbst ein Geheimnis sind, wie die Mystiker häufigt gesagt haben.

 

Ich kann als Subjekt – völlig unabhängig davon, wer oder was ich bin – nur dem eigenen Bewußtsein angehören.

Von dessen Außerhalb weiß ich partout nichts.

Natürlich können wir uns dort alles Mögliche und Unmögliche vorstellen; zum Beispiel daß A dem Außerhalb angehöre – wofür auch immer dieses A nun stehen mag.

Zum einen ist das eine Vorstellung A innerhalb unseres Bewußtseins.

Zum anderen bildet das Außerhalb unserem Ansatz zufolge nicht nur die Wirklichkeit, sondern sogar deren (einzigen) Quell. Wir denken uns dieses Außerhalb also nicht aus; es ist uns zwar nicht gegeben, aber vorgegeben und läßt uns keinerlei Freiheitsgrade.

Absolut nichts verbindet folglich die Vorstellung A mit dem Außerhalb. Warum sollte sich jene also auf dieses beziehen?

 

AD: „Damit haben Sie gezeigt, daß das Bilderverbot unnötig ist. Nicht wir sollen, sondern wir können uns kein Bild von Gott machen; auch Vorstellungen oder Begriffe sind Bilder in diesem Sinne.“

Ja; aber wir müssen den Gedanken noch ein wenig verallgemeinern, denn in einer weniger frommen Formulierung gilt er für alles jenseits der Wissungen:

Sie befinden sich eo ipso in unserem Bewußtsein. Die Tradition geht davon aus, daß sich die Wissungen auf die Wirklichkeit beziehen können, und letztere in diesem Fall das Gewußte, den Referenten oder das Wovon der Wissungen bildet.

Das halte ich für grundfalsch; es gibt nichts Gewußtes, keine Referenten oder kein Wovon, denn sie entsprächen dem Blablabla, das wir oben besprochen hatten.

 

Nochmals:

Was verbindet die Vorstellung A im Bewußtsein mit der Wirklichkeit in dessen Außerhalb?

AD: „Unser Denken oder die Kraft des Geistes.“

Das behauptet die Tradition; ich bezweifle es sehr stark, denn auch das Denken oder die Geisteskraft sind an unser Bewußtsein gebunden und können diese Verbindung somit nicht herstellen.

 

Die Tradition weiß, wer die Bewußtseine besitzt: die entsprechenden Körper; menschliche, tierische und vielleicht sogar pflanzliche.

Was dieses „besitzt“ bedeuten soll, weiß sie jedoch kaum und hilft sich damit, das Bewußtsein als das Innen der Körper zu bezeichnen – womit freillich gar nichts gesagt wird. Diese Schwierigkeit ist als Leib-Seele- oder Körper-Bewußtsein-Problem bekannt. Ich bin überzeugt, daß es – durch den Körper als Bewußthaber – falsch gestellt und deshalb unlösbar ist; zum Glück tritt es bei uns nicht auf.

 

Hier liegen die Verhältnisse umgekehrt; wir kennen die Bewußthaber nicht, wissen aber, worin das Bewußthaben besteht:

Das Bewußtsein ist

– das Hier und Jetzt, für das wir Verantwortung tragen;

– die Situation, zu der wir uns verhalten;

– die Frage, auf die wir antworten;

– die Talente, die wir verwalten, oder

– die Gabe, die wir – so oder so – weitergeben.

Bewußthaben heißt dann, Diener des Bewußtseins zu sein.