1.5.1. Die traditionellen Subjekte

Die Tradition lehnt sich sehr stark an die Sprache an und betrachtet alles, was ist, – grammatisch richtig – als Seiendes; mehr müssen wir hinter diesem Begriff nicht suchen. Ihr zufolge besteht die Wirklichkeit in oder aus den Seienden.

Die Subjekte bilden einen Teil von ihnen; den anderen und größeren stellen die Objekte. Zu ersteren gehören Menschen und vielleicht auch Tiere, Pflanzen oder Roboter. Die Worte ‚“Subjekte“‚ oder gar „Personen“ stehen mitunter hoch im Kurs, und viele legen Wert darauf, daß wir es bei ethischen Fragen nicht mit bloßen Objekten, sondern mit Subjekten zu tun haben

Aber das ist allzuhäufig nur ein belangloser Streit um Worte, denn diese angeblichen Subjekte sind im Kern ebenfalls nur Objekte, da sie als Körper bzw. von ihnen her verstanden werden; wie wir soeben gesehen hatten.

 

Weil es theologisch – und häufig auch philosophisch – unhaltbar zu sein scheint, (zumindest menschliche) Subjekte als bloße Körper zu betrachten, stattet man sie gegebenenfalls mit einem Innen aus – Seele, Psyche, Geist . . . –, so daß die traditionellen Subjekte als Individuen in der Einheit von Körper und Innen bestehen. Paradigmatisch können wir hierbei an René Descartes denken, der dieses Modell mit res extensa sowie (allein beim Menschen) res cogitans „more geometrico“ sauber zu begründen versuchte.

Im mittelalterlichen Theater nannte man ein solches Vorgehen den „deus ex machina“:

„Wir haben ein Problem; es geht nicht weiter, so daß eine Rettung erfunden werden muß.“

 

Wir werden für diese Erfindung stets den Begriff des Bewußtseins benutzen, weil damit – anders als bei Geist bzw. Seele oder Psyche – sämtliche hochtrabenden resp. frommen Assoziationen entfallen, die in unserem Zusammenhang eher in die Irre führen würden.

Mit dem Innen oder Bewußtsein hat die Tradition jedoch mehr Probleme geschaffen als gelöst; drei von ihnen seien kurz angedeutet:

 

Zunächst steht das traditionelle Denken vor der Schwierigkeit, klären zu müssen, wie und wo ein „räumlich“-materieller Körper mit einem un-„räumlich“-immateriellen Innen wechselwirken soll. René Descartes entschied sich – nicht begründet, sondern verzweifelt – für die Zirbeldrüse (Epiphyse) als dasjenige Organ, in dem seine beiden Substanzen angeblich aufeinandertreffen (können).

Dieses Körper-Bewußtsein-Problem ist meines Erachtens prinzipiell unlösbar; mit dem traditionellen Denken entfällt es jedoch zum Glück, wie wir bald sehen werden.

 

Des weiteren sind uns die Bewußtseine anderer Individuen natürlich völlig verschlossen oder unzugänglich, so daß wir bei allen Tieren, bei Embryonen oder Komatösen und vielleicht sogar Pflanzen vor der Frage stehen, ob sie ein Innen besitzen. 

Irgendwann in der Zukunft könnten wir gar unsicher werden, ob ein Mensch oder Roboter vor uns steht. Hat letzterer vielleicht auch ein Bewußtsein? Ist er dann gar ein Mensch?

Begründete Antworten scheinen ausgeschlossen zu sein, obwohl sie insbesondere an den Grenzen des Lebens überaus wichtig wäre. Ab wann gehört zu einer befruchteten Eizelle ein Innen, und wann dürfen wir die Herz-Lungen-Maschine guten Gewissens abschalten? Müssen wir beim Herztod bleiben, oder dürfen wir – um Organtransplantationen zu ermöglichen – zum Hirntod wechseln?

 

Auch diese Fragen lassen sich partout nicht begründet beantworten; meines Erachtens jedoch lediglich, weil sie völlig falsch gestellt sind.

Wer glaubt, daß eine befruchtete Eizelle lebt oder gar einen Menschen darstellt, ist Materialist, weil er das Leben mit komplexer Biochemie gleichsetzt. Das könnte dennoch richtig sein; ich verstehe meine Aussage nicht als Gegenargument, sondern schreibe dies nur so deutlich, weil die Annahme, die befruchtete Eizelle sei bereits ein Mensch, sogar in kirchlichen Kreisen heute noch sehr gängig ist. Natürlich fühlt man sich dann gemüßigt, eine unsterbliche Geist-Seele hinzuzuerfinden.

Aber damit verabschieden wir uns von jedem vernünftigen gesellschaftlichen Dialog. Daß Joseph Smith das Buch Mormon aus den ihm von einem Engel gereichten Goldplatten übersetzt haben soll, die – wie die unsterblichen Geist-Seelen – leider unauffindbar sind, muß ja auch nicht jeder glauben.

 

Und schließlich, das dritte traditionelle Problem in diesem Zusammenhang, sind unsere Körper unabhängig voneinander; jeder von ihnen steht (bei gesunden Erwachsenen) – nicht nur im engeren Sinne des Wortes – auf eigenen Beinen und ist autonom.

Natürlich brauchen wir uns auf der Ebene des Tausches bzw. der Hilfeleistung, aber eben auch nur dort und nicht im Kern oder in der Tiefe unserer Existenz. Körper hängen nicht irgendwie zusammen, sondern sind völlig getrennt voneinander; hier endet mein Körper und dort beginnt der Ihrige; wir haben primär nichts miteinander zu tun. Und wer auf dem Tauschmarkt nichts bieten kann, mit dem haben wir auch sekundär nichts zu tun.

Ein eventuell hinzugefügtes Bewußtsein ändert daran nicht nur nichts, sondern potenziert den Körper-Individualismus eher noch.

Das macht zugleich die heutige Vormachtstellung der Ökonomie verständlich, denn sie ist die Wissenschaft von unseren einzigen Verbindungen. Hans Jonas schrieb in diesem Zusammenhang, daß „der Kapitalismus aus der Todsünde der Völlerei eine sozialökonomische Tugend“ gemacht habe.

 

Solange wir Subjekte als Individuen denken, das heißt, von ihren getrennten Körpern her – einerlei ob nun mit oder ohne Innen, bleiben hinsichtlich einer „Ethik“ nur moralische Appelle, die bei der – hoffentlich – weiterhin abnehmenden Angst vor Hölle, Tod und Teufel immer weniger fruchten werden.

Eine „Ethik“, die auf Angst basiert, ist aber ohnehin keine Ethik, sondern Unterdrückung.

Anders geht es jedoch traditionell nicht, weil sich keine Ethik – des Miteinanders, der Gemeinschaft oder gar Einheit – auf der Grundlage eines Weltbilds entwickeln läßt, das mit seinen völlig getrennten Subjekten jeglicher Intersubjektivität hohnspricht.

 

„Er ist wie Du“; das mag ja richtig sein; aber daraus folgt nicht unbedingt, daß ich „den Nächsten liebe wie mich selbst“, sondern möglicherweise nur, daß wir dann eben beide sehen müssen, wo wir bleiben, und vielleicht nicht einmal im gleichen Boot sitzen, sondern gegeneinander rudern.

Man könnte denken, Margaret Thatcher hätte das begriffen: „Ich kenne keine Gesellschaft; ich kenne nur Individuen!“

Das muß nicht das letzte Wort sein; ist es aber, solange wir die Subjekte als Individuen mißverstehen.

 

Letztere verbindet nichts miteinander außer – gegebenenfalls bestehender – gemeinsamer Interessen. Existiert mehr zwischen ihnen, hören die „Individuen“ auf, Individuen zu sein – so daß eine begründete Ethik möglich wird, die auf alle Appelle verzichten kann, weil offensichtlich ist, daß wir uns selbst schaden, wenn wir anderen nicht gerecht werden.

Daß dies tatsächlich stimmt, haben wir wohl alle schon des öfteren erfahren; beispielsweise bei jeder Gabe, die von Herzen kommt. Aber warum ziehen wir daraus nicht die logische Konsequenz, daß demzufolge unser Verständnis der Subjekte als Individuen falsch sein muß?

 

Weil wir nur innerhalb unseres Weltbilds denken können; darin sind die Subjekte nun einmal Individuen, und alles andere ist im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar.

Deswegen müssen wir den traditionellen Ansatz zumindest in dieser Hinsicht hinter uns lassen.

Es geht hier also nur scheinbar um moralische Fragen. Wenn wir das Gute im Sinne dessen, wofür wir verantwortlich sind, nicht – in irgendeiner Form – denken können, existiert es für uns gar nicht.

Natürlich ist „Liebe“ immer richtig; wer würde es wagen, das zu bestreiten? Aber sowie wir in einer konkreten Situation fragen, was das hier und jetzt bedeutet bzw. was unter den gegebenen Umständen aus Liebe zu tun ist, gehen die Überzeugungen zumeist gehörig auseinander – auch weil jeder nur innerhalb seines Weltbilds denken kann.