1.5.2. Unsere postmodernen Subjekte

Wir behaupten nicht einfach, daß es irgendwelche Körper – im weitesten Sinne – gäbe, die ein Bewußtsein besitzen; dieser Satz ist nicht nur unüberprüfbar, sondern sogar unverständlich; was bedeutet „besitzen“ in dem Zusammenhang? Wir wissen nur, daß Körper entweder im Bewußtsein oder gar nicht sind. 

 

Das Bewußtsein wird kontinuierlich anders; nichts bleibt, wie es war, so daß wir auch nicht den geringsten Grund haben, von einem identischen Bewußthaber oder Subjekt auszugehen. Das wäre einer bzw. eines, bei dem ich gegenwärtig der gleiche bin, der ich bereits in der Vergangenheit war und in der Zukunft sein werde.

Aber wir müssen noch einen Schritt weitergehen:

Die soeben negativ beantwortete Frage, ob wir in der Zeit identisch seien, setzt doch immer schon voraus, daß wir überhaupt kontinuierlich in der Zeit existieren, das heißt, daß es uns bereits in der Vergangenheit gab und in der Zukunft noch geben wird. Nur wenn das so wäre, ließe sich nach unserer Identität fragen; das hatten wir übersehen und das Pferd gewissermaßen vom Schwanz her aufzäumen wollen.

 

Ich weiß keine Antwort; und wenn sich Vergangenheit sowie Zukunft außerhalb des Bewußtseins befinden, können wir auch keine wissen.

Solange uns jedoch jegliches Argument für unsere Kontinuität fehlt, dürfen wir sie auch nicht voraussetzen, so daß  die nachgeordnete Identitäts-Frage erst recht hinfällig wird. Wir behaupten natürlich auch nicht das Gegenteil, nämlich eine Diskontinuität des Subjekts, sondern sparen die Frage ehrlicherweise einfach aus.

 

Die gegenwärtigen Subjekte sind die Träger ihres gegenwärtigen Bewußtseins – und weitergehende Aussagen können wir nicht rechtfertigen.

Ich kann also beispielsweise nicht sinnvoll von meinem Bewußtsein in der Vergangenheit oder Zukunft sprechen. Wenn es mich dort vielleicht gar nicht gibt – weil ich nur in der Gegenwart und nicht „immer“ in der Zeit existiere –, mag es in Vergangenheit und Zukunft sehr wohl Bewußtseine geben, aber es können – ohne mich – unmöglich die meinen sein. 

„Mein“ Bewußtsein außerhalb der Gegenwart hat also nichts mit mir zu tun; es ist ebenso ein anderes Bewußtsein wie das gegenwärtige von Ihnen oder jedes andere fremde Bewußtsein.

Subjekte, könnten wir unsere Definition also verfeinern, sind eo ipso gegenwärtige Bewußthaber.

 

AD: „Es gibt keine Kontinuität – geschweige denn Identität – der Subjekte; einverstanden. Im Bewußtsein wird auch laufend alles anders; existiert aber dennoch wenigstens eine Kontinuität des Bewußtseins?“

Jein; die „Kontinuität des Bewußtseins“ ist meines Erachtens keine des Bewußtseins, sondern eine unserer – darin enthaltenen – Wissungen.

Stellen Sie sich vor, wir würden gekidnappt, betäubt und in einem anderen Erdteil ausgesetzt. Kämen wir wieder zu uns, würde die „Kontinuität des Bewußtseins“ ausbleiben, weil keinerlei Erinnerungen an das oder Bestätigungen von dem Früher existierten, um uns unsere jetzige Situation zu erklären.

Unser gegenwärtiges Bewußtsein wäre nicht kontinuierlich mit „unserem“ vergangenen Bewußtsein verbunden, weil sämtliche in beiden übereinstimmenden Wissungen fehlten.

 

Ein ganz klein wenig Philosophiegeschichte darf – und muß vielleicht – doch sein:

In der Postmoderne ist sehr viel die Rede vom „Ende“, „Abschied“ oder „Tod des Subjekts“.

Sofern damit das traditionelle gemeint ist, kann ich dem nur beipflichten. Wir werden bald sehen, weshalb sämtliche Seienden – die Objekte ebenso wie die Subjekte – undenkbar geworden sind. Das heißt, ich halte nicht die Subjekte – im Unterschied zu den Objekten – für absurd, sondern das ganze traditionelle Denken mit seinen Seienden.

Deswegen bemühen wir uns um ein anderes, postmodernes Subjekt, das nicht im übertragenen Sinne stirbt, sondern im wörtlichsten Sinne lebt.