1.2. Igel und Fuchs

Von Archilolos ist das Fragment „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel kennt eine große Sache“ überliefert.

Ich behaupte nicht, ein Igel zu sein, aber es ist letztlich eine einzige Idee, die mich seit 50 Jahren umtreibt. Provoziert wurde sie nicht zuletzt durch meine berufliche Arbeit an Grundfragen der Quantentheorie, und das Buch stellt den Status quo meiner bisherigen Entfaltung dieser Idee dar, die hoffentlich noch keine letzte Formulierung erreicht hat.

 Ich wechsle mitunter zur ersten Person Singular, ohne im weiteren nochmals darauf hinzuweisen. Darin kommt keine Egomanie zum Ausdruck, sondern mein Bemühen, mich möglichst verständlich auszudrücken.

 

1. Vom Außerhalb meiner Psyche kann ich absolut nicht(s) wissen und folglich auch keinen einzigen sinnvollen Gedanken darüber denken oder Satz dazu sagen. Sämtliche diesbezüglichen Annahmen sind sinnleer, willkürlich oder beliebig und entsprechen somit einem bloßen Blablabla, weil sie sich jeglicher Überprüfung entziehen.

Natürlich kann es unvorstellbar große Konsequenzen für unser Leben zur Folge haben, ob wir im Außerhalb des Bewußtseins entweder A oder non-A glauben. Aber nichtsdestotrotz läßt sich die entsprechende Annahme absolut nicht begründen. Wir leben dann eben anders; können auch einen Grund dafür nennen – wissen aber keinen.

 

AD: „Aber woher sollen wir dann überhaupt von A wissen?“

Wir besitzen alle irgendein subjektives Weltbild; Sie und ich zum Beispiel. Zwischen diesen Weltbildern bestehen sowohl viele Übereinstimmungen als auch möglicherweise große Differenzen. Das versteht sich von selbst, wie unsere Erfahrung lehrt, und ist auch völlig unproblematisch.

Der entscheidende Punkt besteht meines Erachtens darin, daß unsere Weltbilder nichts mit einer angeblichen objektiven Realität zu tun haben – können sie ja auch nicht, wenn es keine gibt, wie wir glauben –, sondern das Resultat unseres bisherigen Lebens darstellen. Wir haben gehört und gelesen, gesehen und nachgedacht oder wurden enttäuscht und überrascht; als Ergebnis all dieser Erfahrungen denken wir gegenwärtig so, wie wir gegenwärtig denken.

 

AD: „Und dafür existiert keinerlei Rechtfertigung?“

Aber sicher; sie besteht in meinem Leben; hätten Sie es gelebt, besäßen Sie auch mein Weltbild.

Was es nicht gibt, ist ein Beweis für seine Richtigkeit in traditionellen Sinne; eine „Rechtfertigung aus dem gegenwärtigen Stand heraus“ gewissermaßen. Hier stoßen wir vielleicht erstmals auf den Kerngedanken all unserer Überlegungen, daß die Tradition die Zeit nicht kennt oder zumindest nicht ernstnimmt; ihre „Zeit“ ist eine „zeitlose ZEIT“ (A. M. Klaus Müller). 

 

Zurück zu Ihrer Ausgangsfrage:

Wir wissen von A, sofern es zu unserem Weltbild gehört; in der Schule oder wo auch immer wurde uns vielleicht davon erzählt.

Traditionell stellt man sich nicht zuletzt Gott zumeist so vor; aber ein solcher „Gott“ ist – wie das gesamte Weltbild – nur eine menschliche Konstruktion und kann somit kein wirklicher Gott sein.

 

2. Ich habe also insbesondere auch keine Ahnung davon,

– zum einen wie sich mein Leben auf das Außerhalb meiner Psyche auswirkt, und

– zum anderen was von dort her in meine Psyche gelangt; erst wenn es sich bereits darin befindet, ist mir das Resultat zugänglich.

 

Obwohl mir beides sehr zwingend zu sein scheint, sehen viele Menschen das offensichtlich ganz anders. Sie

– haben sehr bestimmte Vorstellungen vom Außerhalb ihrer Psyche,

– sind von deren Richtigkeit felsenfest überzeugt und

– möglicherweise sogar bereit, Andersdenkende für deren widersprechende Annahmen zu töten; Inquisition, real existierender Sozialismus, Islamischer Staat . . . 

Die abstrusesten Bekenntnisse können also, wenn sie fanatisch als „wahr“ geglaubt werden, sowohl bei den „Gläubigen“ als auch bei den „Ungläubigen“ (über) das Leben entscheiden – obwohl sie einfach nur einem Blablabla entsprechen.

Viele Menschen sind leider überzeugt, das eine richtige Blablaba von jedem falschen unterscheiden zu können; hierbei ist es natürlich völlig belanglos, ob es sich dabei um religiöse, wissenschaftliche, politische, esoterische oder sonstige Blablablas handelt.

 

Das muß man sich einmal ernsthaft durch den Kopf gehen lassen:

Eine willkürlich-leere Annahme, die bzw. deren „Wahrheit“ durch absolut nichts zu rechtfertigen ist und völlig unbemerkbar durch ihr glattes Gegenteil ersetzt werden könnte – was möglicherweise zu einer Korrektur des Lebens führt –, kann weitreichende bis verheerende Folgen nach sich ziehen, wenn sie fanatisch geglaubt wird!

Wer annimmt, außerhalb seines Bewußtseins befinde sich ein Schwarzes Loch, daß uns am 29. Februar 2024 alle verschlingen wird, lebt höchstwahrscheinlich anders als „Ungläubige“.

 

AD: „Sie würden diesbezüglich also vorschlagen, nichts zu glauben, wofür keine Anzeichen innerhalb der eigenen Psyche sprechen?“ 

Ich würde Ihnen nur allzugerne zustimmen; aber leider ist die Wirklichkeit viel komplizierter, als Sie – Ihrer Frage entsprechend – zu vermuten scheinen:

Völlig unabhängig davon, ob sich das, was wir glauben nur innerhalb unserer Psyche befindet oder angeblich auch außerhalb von ihr lokalisiert sein soll, bestimmt es unsere Erlebungen mit.

Es gibt keine nackten Tatsachen oder reinen Fakten – wie sich die moderne Wisenschaft das am Beginn ihrer Entwicklung erträumt hatte –, sondern all unsere Erlebungen sind abhängig vom eigenen Weltbild. Es werden sich also stets hinreichend viele Hinweise auch auf unsere abstrusesten Überzeugungen finden lassen, so daß wir immer sagen können:

„Siehst du; ich habe es doch schon immer gewußt!

Das ist endlich der unbezweifelbare Beweis dafür, daß meine ‚Verschwörungstheorie‘ doch keine Verschwörungstheorie, sondern eine hellsichtige Diagnose der Wirklichkeit war.“

 

Nochmals ganz deutlich:

Ich bestreite damit keineswegs, daß ein Außerhalb meiner Psyche existiert – das wäre wohl auch mehr als absurd –, sondern sage lediglich, daß es mir gegenwärtig absolut unzugänglich ist.

Vielleicht – oder besser: hoffentlich – gelingt mir in Zukunft ein kleiner Zugang zu diesem gegenwärtigen Außerhalb.

Durch die ihr fehlende Zeit kann die Tradition Derartiges gar nicht denken; eine eventuelle Transzendenz muß dann der Immanenz als das ganz Andere statisch-dualistisch gegenüberstehen. Die Zeit des Übergangs reduziert sich notgesrungen auf den „Jüngsten Tag“, an dem „Gott alles neu machen wird“.