1.9. „Unphilosophische“ Hilfestellung

Was ich in diesem ersten Teil geschrieben habe, scheint mir persönlich glasklar und evident zu sein. Trotzdem mache ich immer wieder die Erfahrung, daß manche Zuhörer mich mit großen fragenden Augen anschauen und offensichtlich gar nicht verstehen (können), wovon ich überhaupt spreche. Ihnen versuche ich nochmals zu helfen und drücke mich dabei bewußt „unphilosophisch einfach“ aus.

 

Dort ist die Sonne als eine Wahrnehmung; sie ist Ihnen ebenso möglich wie mir.

„Wir müssen nur hinschauen, um sie zu sehen“, ist richtig und verführt zu dem Gedanken, daß sich dort an sich, das heißt, völlig unabhängig von unserem Hinschauen noch eine – andere – wahrnehmbare Sonne befindet.

 

Wer so und damit traditionell denkt, benötigt also zwei SONNEN; zum einen die Wahrnehmung oder Abbildung Sonne, die es ohne unser Wahrnehmen natürlich gar nicht gäbe, und zum anderen die davon unabhängige urbildliche oder wahrnehmbare Sonne, die auch ohne uns Menschen schiene, dies der Evolutionstheorie zufolge schon vor Jahrmilliarden tat und unsere Wahrnehmung Sonne erst ermöglicht; ohne Sonne keine Sonne.

Blicken wir auf die Sonne an sich (Urbild), so ergibt sich die Sonne für uns (Abbild).

Einerseits müßte das zwingend sein.

Andererseits sehen wir aber nie doppelt, so daß uns immer nur die Wahrnehmung Sonne gebeben ist. Niemand hat jemals die Sonne gesehen; wir schauen zu ihr hin, kommen aber „immer schon zu spät“ für sie, denn es zeigt sich uns „bereits“ die Sonnen-Wahrnehmung.

Somit haben wir insbesondere keine Möglichkeit des Vergleichs, der unsere Sonne tatsächlich als ein (adäquates) Abbild der Sonne ausweist. 

 

„Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn sie nicht dort wäre“, stellt einen Standard-Einwand gegen meine Ansicht dar. Er wirkt aber nur so überzeugend, weil seine Formulierung das problematische Abbilden überspielt:

Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn die Ur-Sonne nicht dort wäre, und das Abbilden ist der Weg, der von ihr zur Wahrnehmungs-Sonne führt. Jene wurde zwar niemals gesehen, sondern lediglich – als einfachste Erklärung der Sonne – erfunden, aber alle traditionell Denkenden sprechen von ihr.

 

Was soll das sein, diese Sonne?

AD: „Na das dort oben!“

Nein; das ist die Sonne; wäre es die Sonne, könnten wir sie nicht sehen.

Sie behaupten die Sonne als Wahrnehmung von der Sonne, ohne daß diese ominöse Sonne selbst eine Wahrnehmung darstellen würde, und obwohl sie nur ausgehend von der Wahrnehmung Sonne erfunden wurde, um diese erklären zu können.

Wie auch immer das Verhältnis dieser beiden SONNEN gedacht werden mag: Die Sonne ist reines Seemannsgarn, ein philosophisches Glaubensbekenntnis, das durch nichts zu rechtfertigen ist.

 

AD: „Doch, das ist es, denn durch die ‚Erfindung‘ der Sonne – wie Sie es leider nennen – läßt sich die Wahrnehmung Sonne mittels der physikalischen Theorie des Sehens wunderbar erklären. Bei Ihnen muß die Sonne dagegen ‚vom Himmel gefallen‘ sein.“

Das ist sie nicht; natürlich habe ich noch verständlich zu machen, wie die Wahrnehmung Sonne entstehen kann; aber dafür müssen die traditionell Denkenden erklären, wo ihre Sonne herkommt. Erst dann können sie mit ihrer Hilfe die Wahrnehmungs-Sonne ableiten. Vor einem Herkunfts-Problem stehen wir also beide.

Das traditionelle Denken ist somit das dubiosere, weil es etwas prinzipiell Unerreichbares oder nur Gedachtes voraussetzt. Daß Sie es wahrscheinlich umgekehrt erleben, resultiert nicht aus einer angeblichen Selbstverständlichkeit dieses Ansatzes, sondern aus 2 500 Jahren Gewöhnung – die wir mit nahezu jedem grammatisch sauberen Satz bestätigen und fortsetzen.

 

AD: „Ich verstehe Sie leider immer noch nicht.

Wir gehen spazieren und sehen in der Ferne über den Bäumen einen Turm; das ist unser Ziel, und in zwei Stunden sind wir dort. Während des Weges liegt höchstens die Sicht auf den Turm vor, das heißt, ein Abbild von ihm. Angekommen am Ziel haben wir den Turm selbst, können in ihm als dem Urbild hinaufsteigen und unseren Namen einritzen; beim Bild geht beides nicht.“

Das war alles richtig, hat aber mit unserem Problem nichts zu tun; Ihr Beispiel bietet kein Modell für das traditionelle Denken in Ur- und Abbild. Der entscheidende Unterschied besteht darin, daß am Ziel angekommen der wirkliche Turm ebenso Ihrem Bewußtsein angehört wie vorher bereits der Blick auf ihn; Urbilder dagegen befinden sich immer im Außerhalb des Bewußtseins.  

 

Der Allerwelts-Satz „Ich nehme einen Turm wahr“ wird im allgemeinen so verstanden, daß dort an sich ein Turm steht und wir ihn wahrnehmen. Dann wäre aber dieser Turm das Wahrgenommene, und indem wir ihn wahrnehmen oder abbilden, gelangen wir zu einer Wahrnehmung von ihm – dem wahrgenommenen, an sich oder unabhängig von uns existierenden Turm.

Die Formulierung „Ich nehme einen Turm wahr“ läßt sich also fast nur traditionell und damit falsch verstehen – im Sinne einer Verdopplung zu zwei TÜRMEN –; sie besagt dann, daß wir einen Turm wahrnehmen und als Turm-Wahrnehmung abbilden.

Wo soll sich denn dieser wahrgenommene Turm befinden?

AD: „Auf dem Berg natürlich; wo sonst?“

Nein; diese Antwort ist nicht natürlich, sondern problematisch, weil wir unseren TURM-Disput von soeben nun als BERG-Disput fortsetzen müßten:

Es gibt zwei BERGE; den wahrgenommenen Berg und die Wahrnehmung Berg. Der Turm steht auf dem Berg und beides sind Urbilder; der Turm steht auf dem Berg, und beides sind Abbilder . . .

 

Nehmen wir noch die Verstehungen als Beispiel, weil sie vielleicht einfacher sind; sie benötigen kein Verstandenes.

Während Sie jetzt lesen, will ich bei Ihnen ganz bestimmte Verstehungen bewirken, und irgendwelche werden sich auch tatsächlich einstellen. Welche das sind, kann ich nicht wissen; und welche Verstehungen ich bei Ihnen beabsichtigt hatte, ahnen Sie nicht; es gibt kein Verstandenes, sondern jeder hat immer nur seine eigenen Verstehungen.

Gefallen Ihnen die Ihrigen – weil sie gut in Ihr bisheriges Weltbild passen oder originell sind –, so denken Sie vielleicht, Sie hätten mich (richtig) verstanden. Aber das ist doch weder von Ihnen noch von mir feststellbar; Sie sind zufrieden; mehr bleibt hierbei nicht zu sagen.

Wenn bei Ihnen dagegen alles durcheinandergeht und Sie unzufrieden sind, glauben Sie vielleicht, mich nicht verstanden zu haben. Das ist natürlich möglich – es könnte aber auch sein, daß Ihre Verstehungen, obwohl sie Ihnen befremdlich vorkommen, exakt dem entsprechen, was ich Ihnen sagen wollte; Sie sollten vielleicht irritiert werden.

Und wenn Sie rückfragen möchten, kommt bei mir natürlich nicht das von Ihnen Gefragte an, sondern wiederum nur meine Verstehungen; es gibt kein Verstandenes.