1.3. Der Ursprung – das Bewußtsein und dessen Außerhalb

Wenn wir vom Außerhalb des Bewußtseins hören, kommt uns vielleicht als erster Gedanke in den Sinn, es müsse sich dabei um Unbekanntes handeln, das vielleicht zukünftig zumindest stückchenweise noch erfahren werden kann. Unreflektiert steckt dahinter wohl die Vorstellung, das Bewußtsein befinde sich „räumlich“ neben seinem Außerhalb; schon das Wort „Außerhalb“ deutet ja auf ein solches Nachbarschafts-Bild hin.

Ich bin jedoch überzeugt, daß es vollkommen falsch ist und durch ein Verhältnis der Ermöglichungdes Bewußtseins durch sein Außerhalb – ersetzt werden muß.

 

Woher kommt mein Bewußtsein?

Ich kann nicht ehrlich glauben, es selbst hervorgebracht zu haben; weder bin ich ein Gott noch der Baron Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Wenn unser Bewußtsein ausnahmslos alles aktual Gegebene umfaßt, ist meines Erachtens nur eine einzige sinnvolle Antwort möglich:

Unser subjektives Bewußtsein kann nur aus seinem Außerhalb hervorgehen, während dieses sich selbst trägt.  

 

Um einzusehen, daß eine solche Aussage nicht absurd sein muß, wenden wir uns kurz dem mathematischen Unendlich zu.

Traditionell gilt das weitgehend als unproblematisch; es ist ganz simpel die Negation des Endlichen. Natürlich gibt es unendlich viele Zahlen, „Raum“ sowie „Zeit“ können unendlich ausgedehnt sein, und selbstverständlich ist Gott für die Gläubigen unendlich groß, weise, gerecht usw. 

Dagegen war zumeist auch klar, daß die Anzahl der Sandkörner an der Ostsee zwar gewaltig, aber nur endlich ist; im Prinzip lassen sie sich zählen, und irgendwann wird man einmal fertig damit.

 

Wir können das Unendliche jedoch nicht einfach als Negation des Endlichen verstehen, sondern unterscheiden (zumindest) das aktuale vom potentiellen Unendlich.

Was letzteres bedeutet, veranschaulichen wir uns am besten anhand der natürlichen Zahlen. Das sind Denk-Werkzeuge; nutzen wir sie nicht, liegen sie nicht irgendwo – beispielsweise im Werkzeugkasten „Zahlenreich“ – herum, sondern sie existieren nur auf Abruf; wenn wir aktual zählen oder rechnen. Geschieht das nicht, bleiben die Zahlen unbewußt; dann bestehen sie nur potentiell.

Wir können zählen, solange wir wollen; niemals wird eine Grenze oder letzte Zahl erreicht, an der wir „anstoßen“, aber nichtsdestotrotz bleiben die Zahlen immer endlich. Diese beiden Eigenschaften faßt unser Begriff zusammen:

Aktual endlich – wie lange auch immer wir rechnen oder zählen –, jedoch potentiell unendlich – ohne Grenze.

 

Unendlich viel „größer“ – die Mathematiker sagen dafür „mächtiger“ – als das potentielle ist das aktuale Unendlich. Wie sollen wir das verstehen? Mehr als immer weiter zählen zu können, ist doch gar nicht möglich? Doch!

Wenn wir vom potentiellen Unendlich etwas wegnehmen oder subtrahieren, wird es kleiner bzw. weniger; anschaulich gesprochen ist der verbleibende Rest nur noch so groß, als hätten wir beim Zählen schon früher aufgehört. Das scheint uns selbstverständlich, weil wir es ausnahmslos mit Endlichem bzw. potentiell Unendlichem zu tun haben. Wir baggern am Ostseestrand einen Kubikmeter Sand weg; der fehlt dann natürlich.

Beim aktual Unendlichen verhält es sich anders; ihm kann beliebig – potentiell unendlich – viel entnommen werden; es behält exakt seine aktual unendliche Mächtigkeit, verliert nichts und wird nicht schwächer, ärmer oder gar alle.

 

aktuales Unendlich   –   1 000 . . . 000   =   (das gleiche) aktuale Unendlich

aktuales Unendlich   –   potentielles Unendlich   =   (das gleiche) aktuale Unendlich

X   –   potentielles Unendlich   =   X  

 

Es ist wohl schon deutlich, wie wir dieses mathematische Modell nutzen können:

Das Bewußtsein entspricht dem potentiellen und sein Außerhalb dem aktualen Unendlich. Die beiden stehen weder „räumlich“ nebeneinander noch verhalten sie sich zueinander wie das bereits bzw. noch nicht Gegebene, sondern ihr Wechselspiel erfolgt zeitlich und ist wesentlich komplexer.

 

Um es bereits ein wenig zu verstehen, führen wir den Begriff des Ursprungs ein; er ist synonym mit den Begriffen Gott oder Transzendenz; am anschaulichsten wäre vielleicht Quell aller Wirklichkeit – der eigenen sowie jeder fremden.

In unseren obigen drei Gleichungen entspricht der Ursprung stets der rechten Seite; beispielsweise also dem X.

Nehmen wir mit unserem endlichen Bewußtsein B potentiell unendlich viel von ihm weg – linke Seite –, fehlt dem Ursprung absolut nichts: X – B = X

Vielleicht leidet Gott empathisch mit uns, wenn wir unglücklich sind – das wäre eine ganz andere Frage, die uns jetzt nicht interessiert –, aber Gott leidet nicht dadurch, daß jeder von uns als sein eigenes Bewußtsein aus ihm hervorgeht.

 

 

Ursprung                                                                                       
Gott  
Transzendenz  
Quell der Wirklichkeit  
X  
       
Außerhalb des Bewußtseins Bewußtsein  
aktual unendlich potentiell unendlich  
X – B
B
 

Abbildung 1.3.

 

Diese Zeichnung ist problematisch, denn allem Augenschein zum Trotz müssen die beiden gelb unterlegten Flächen – X sowie X – B – übereinstimmen:

Nur wenn das Außerhalb unseres Bewußtseins mit Gott zusammenfällt, können wir zum einen unsere Behauptung, in Gott zu leben, wörtlich aufrechterhalten.

Zum anderen ist unser Bewußtsein nur in der oder durch die Wirklichkeit Gottes denkbar; es gibt keine andere Quelle.

Gott muß also nicht nur selbst das Außerhalb unseres Bewußtseins bilden, sondern zugleich auch dessen Innerhalb ermöglichen.

 

Wir können dieses Problem auch so formulieren:

Gott ist allgegenwärtig, das heißt, es gibt keinen leeren Platz neben ihm und damit auch keinen für unser Bewußtsein.

Die jüdische Mystik löst das Problem in ihrer Kabbala durch einen Selbstverzicht Gottes, den Zimzum. Gott schafft in sich selbst Platz für uns; ohne eine solche Selbstbeschränkung, -verleugnung, -erniedrigung oder -hingabe wären wir nicht möglich.

Theologisch muß zu dieser Kenosis natürlich auch irgendwie die Menschwerdung Gottes gehören; wir werden versuchen, (sie) in diesem Sinne weiterzudenken.