1.8. Subjektive Weltbilder statt einer objektiven Welt

Ich schreibe dieses Online-Buch, weil dahinter eine Hoffnung steht, die mir heute von kaum zu überschätzender Bedeutung zu sein scheint:

Intelligente und gutwillige Menschen sind von den unterschiedlichsten, einander widersprechenden Glaubensbekenntnissen – im weitesten Sinne – überzeugt; für die einen gibt es dieses, und für die anderen jenes; Regentänze, Higgs-Teilchen, Determinismus, Gynoide, Verschwörungstheorien, Teufel, andere Welten, Unfehlbarkeit, zehn Dimensionen, Götter, Evolution, Seelenreisen, Dogmen, Wahrsager, ein drittes Geschlecht, Dharma, Aliens, Freiheit, Voodoozauber, Urknall, Dialektik, ewige Wahrheiten, Zufall usw.

Vieles davon widerspricht sich natürlich gegenseitig; aber ganz abgesehen davon:

Könnten denn Menschen mit so vielen völlig differenten Glaubensbekenntnissen leben, wenn es die eine ojektiv-reale Welt gäbe? Dann verhielte es sich in Wirklichkeit so und so – aber nichtsdestotrotz glauben wir nahezu, was auch immer uns in den Sinn kommt?

 

Mit anderen Worten:

Wir – das heißt, die erwachsenen und angeblich gesunden Abendländer um die zweite Jahrtausendwende – glauben zumeist, vom physikalischen Kosmos als einer solchen wirklichen Welt zu sprechen, während alle anderen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart aus unserer Sicht nur über bloße Weltbilder verfügen. Das sind Vorstellungen im Bewußtsein, die nur irrtümlich als Abbilder der Welt geglaubt werden – wovon aber bei vielen, besonders exotischen Weltbildern kaum die Rede sein kann. Unser Weltbild ist dagegen weitgehend adäquat, und die anderen Varianten stellen bestenfalls Vorstufen dar oder sollten eher unter „Mythen“ geführt werden.

Diese heute weit verbreitete Einstellung halte ich jedoch selbst für einen Mythos; es ist derjenige vom Fortschritt als der großen modernen „Metaerzählung“ (Jean-François Lyotard), die – wie könnte es auch anders sein – natürlich uns zur absoluten Krone der Schöpfung Evolution macht und deshalb nur allzugerne geglaubt wird.

 

Ich bin dagegen fest überzeugt, daß wir keine Ausnahmekultur sind und unsere angeblich objektiv-reale Welt ebenfalls nur einem Weltbild entspricht – wie bei jedem anderen auch. Alle Weltbilder haben ihre Vor- und Nachteile; weder sind sie nahezu gleichwertig im Sinne von Paul Feyerabends „anything goes“, noch befindet sich ein wahres Weltbild darunter, das die objektiv-reale Welt adäquat wiedergibt – weil sie gar nicht existiert.

Mit unserem Verzicht auf die Welt stehen wir in der Nachfolge beispielsweise von David Hume, George Berkeley, Arthur Schopenhauer, Ernst Mach oder Johannes Volkelt, folgen aber weder ihnen noch Ernst von Glasersfelds Radikalen Konstruktivisten oder den Neuen Realisten um Markus Gabriel, sondern meinen vier oben bereits genannten Lieblingsautoren.

 

Vor gut zehn Jahren habe ich mit dem Buch „Ursprüngliche Wirklichkeit“ eine Hinführung zu deren sehr avantgardistischen, das traditionelle Denken sprengenden Ansatz vorgelegt, die insbesondere (exakt-)wissenschaftsgläubigen Lesern helfen sollte, Michel Henrys „Philosophie des Johannesevangeliums“ besser zu verstehen. Die ersten 100 Seiten davon könnte ich Ihnen heute noch gutens Gewissens empfehlen, den Rest nicht mehr; an seine Stelle tritt das vorliegende Buch.

Nach einigen tastenden Ausbruchsversuchen in der Zwischenzeit bin ich also „reumütig“ zu meinen früheren Wurzeln zurückgekehrt. 

 

Traditionell Denkende könnten formulieren:

1. Andere Kulturen haben die Welt schlecht abgebildet.

2. Dadurch sind sie zu einem falschen Weltbild gelangt.

3. Nur wir – soweit uns das bekannt ist – bilden die Welt adäquat ab.

4. Allein unser Weltbild gibt somit Wissen von der Welt wieder.

5. Es kann nur ein wahres Weltbild geben, das somit objektiv sein muß.

6. Ohne vorgebene Welt (und vielleicht einen seienden Gott) gibt es auch keine Wahrheit.

7. Letztere besteht in der adäquaten Repräsentation der Welt (und vielleicht Gottes).

8. Sie ist also für sämtliche Menschen immer und überall die gleiche.

 

Wir würden etwa folgendermaßen korrigieren:

1. Worin unterscheidet sich Konstruieren von (hinreichend) schlechtem Abbilden?

2. Ohne Welt gibt es weder wahre noch falsche Weltbilder.

3. Wir vermeiden den überheblichen Bruch unserer Tradition; alle Kulturen konstruieren.

4. Kein Weltbild stellt Wissen von einer Welt dar – weil es keine gibt.

5. Alle Weltbilder sind subjektiv und können partiell intersubjektiv sein.

6. Ohne Gott gibt es gar nichts; aber eine Welt ist auch für die Wahrheit nicht erforderlich.

7. Meine Wahrheit besteht darin, hier und jetzt dem eigenen Leben gerecht zu werden.

8. Sie ist also – mit der traditionellen Wahrhet – unbedingt, aber – im Gegensatz zu ihr – subjektiv und situationsabhängig.