1.8.2. Drei Arten von Subjektivität

Wenn jenseits aller Überheblichkeit unsere Gleichstellung mit sämtlichen anderen Subjekten der Geschichte, Regionen oder Kulturen rechtens ist – und ich vermag es nicht, das guten Gewissens anzuzweifeln –, besteht meine zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Hoffnung darin, daß unter der Oberfläche der uns trennenden Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse eine gemeinsame Wirklichkeit existiert, die ursprünglicher ist als alle Differenzen. Damit würden sich letztere als lediglich medial bedingt erweisen und könnten folglich überwunden werden.

Mit „medial“ meine ich, daß unsere Differenzen nur durch Kultur, Zeit, Sprache, Religion, Umwelt, Gender, Mentalität, Wissungen oder andere Äußerlichkeiten zustandekommen.

Diese noch völlig offene allen Subjekten gemeinsame – und damit total intersubjektive – Wirklichkeit würde von keinem einzigen Weltbild adäquat beschrieben werden und wäre somit natürlich insbesondere nicht unser physikalischer Kosmos.

 

Die traditionelle Welt ist nicht total intersubjektiv, sondern objektiv, weil sie gar keine Welt für uns, sondern eine Welt an sich darstellt, die keine Zuschauer oder Betrachter benötigt. Schaut sie einer an, so ist das völlig belanglos und berührt sie gar nicht; die Welt wäre ohne Beobachter – von deren Körpern abgesehen – die gleiche.

In unserem Ansatz ist dagegen ausnahmslos alles subjektiv, aber wir müssen drei Arten von Subjektivität unterscheiden:

 

1. Das Bewußtsein ist rein subjektiv; jedes Subjekt besitzt nur das seinige und verfügt über keinerlei Zugang zu einem anderen Bewußtsein.

Natürlich können die Inhalte verschiedener Bewußtseine übereinstimmen; aber da das von niemandem festgestellt oder gar bewirkt werden kann, ist eine solche Kongruenz völlig irrelevant, hat nichts mit Intersubjektivität zu tun und kann nicht einmal unter „Zufall“ abgebucht werden – weil sie niemals und nirgends in Erscheinung tritt.

 

2. Unser Zusammenleben beweist, daß eine partielle Intersubjektivität möglich sein muß; wir können uns teilweise verständigen.

Innerhalb des Bewußtseins bleibt dies ausgeschlossen, da es rein subjektiv ist; als Sphäre der partiellen Intersubjektivität kommt somit nur das Unbewußte infrage.

 

3. Die totale Intersubjektivität betrifft allein die erhoffte grund-legende Wirklichkeit, die sich außerhalb sowohl des Bewußtseins als auch des Unbewußten befindet.

 

Somit läßt sich bereits ein wichtiger Grundgedanke unseres Ansatzes formulieren:

Um trotz des vor uns stehenden postmodernen Pluralismus der Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse in Frieden menschlich zusammenleben zu können, wäre eine alle Subjekte verbindende und von ihnen unabhängige Wirklichkeitnatürlich wünschenswert, jedoch – möglicherweise sogar notwendig.

Leider folgt daraus absolut nichts hinsichtlich ihrer Existenz; wir leben ebensowenig im Wunschkonzert wie in der Welt. Aber erst oder nur wenn wir den Glauben an letztere aufgeben, besteht überhaupt die Möglichkeit, sinnvoll nach einer solchen alle Subjekte tragenden und vereinenden, das heißt, total intersubjektiven Wirklichkeit zu suchen.

 

Die traditionell angenommene Welt kann diese Aufgabe nicht erfüllen, weil sie nur an sich, aber nicht für uns, objektiv und nicht (total) intersubjektiv ist. Daß sie uns hervorgebracht haben soll, ist kein Beweis des Gegenteils, sondern – anerkanntermaßen – Zufall.

Diese Welt schert sich nicht um uns; wir müssen sie ganz ohne ihre Hilfe möglichst adäquat abbilden, um darin überleben zu können, so daß das Ergebnis in Kampf und Konkurrenz besteht.

Ließe sich vernünftigerweise anders als sozial-darwinistisch oder „kapitalistisch“ denken, wenn wir das Zufallsprodukt einer Welt wären, die uns absolut gleichgültig gegenübersteht? Für die zwischen Mondmagma und uns Menschen kein prinzipieller Unterschied existiert?

 

Für unsere obigen Ausführungen zur Wahrheit bedeutet dies:

Schon vor über 2500 Jahren soll der ägyptische Pharao Psammetich I nach der „wahren“ Sprache gesucht haben. Er verurteilte gut ernährte und gepflegte Babys dazu, nicht angesprochen zu werden, um herauszufinden, in welcher – dann natürlich „ursprünglichen“ oder „wahren“ – Sprache sie von sich aus reden würden. (Die Geschichte geht weiter: Babys, die nur auditiven Kontakt zu Ziegen hatten, sollen lediglich soetwas wie „bek, bek . . .“ von sich gegeben haben.)

Das verlangt uns heute nur noch ein Kopfschütteln ab; natürlich gibt es keine wahren Sprachen.

 

Aber diese selbstverständliche Einsicht müssen wir ernstnehmen und verallgemeinern:

Wahre Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse existieren ebensowenig, denn auch sie sind noch zu „oberflächlich“, das heißt, der Sprache von soeben zu nahe und damit noch zu relativ. Für die Wahrheit müssen wir „tiefer“ bohren – bis zu der erhofften total intersubjektiven Wirklichkeit –, um alle nur mediale Relativität hinter uns zu lassen.

Auch Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse stellen für die Wahrheit lediglich Medien dar und enthalten sie nicht; sie möchten die Wahrheit vielleicht ausdrücken, darstellen oder repräsentieren, sind sie aber nicht selbst.

 

Die Wahrheit – um die wir uns bemühen – ist absolut und nicht relativ.

Alle „Wahrheiten“, die man haben kann, die von den verschiedensten Seiten in Geschichte und Gegenwart als Wahrheiten behauptet wurden oder werden, müssen relativ, weil medial bedingt sein. Jeder, der fest an dergleichen glaubt, ist Relativist – und dabei vom glatten Gegenteil überzeugt.

Speziell Christen sollten hierüber nicht erschrecken, denn sie könnten das schon seit 2000 Jahren wissen: „Das Wort ist Fleisch geworden“ – nicht Buch, Bekenntnis, Lehre, Glaubenssatz oder -schatz und schon gar nicht – relatives – Dogma.