1.8.3. Psychisch „Kranke“ und wir

Ohne Welt befinden wir uns alle in der Situation eines psychisch „Kranken“:

Daß er mit einem ganz speziellen subjektiven Weltbild zurechtkommen muß, erkennen wir bei ihm – vielleicht unter großem Bedauern – an, bestreiten aber, daß es uns ebenso geht.

AD: „Nein; das läßt sich keinesfalls so einfach gleichsetzen! Wir sehen doch bei psychisch ‚Kranken‘, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit der wirklichen Welt steht.“

Tut mir leid, aber das sehen wir prinzipiell nicht, sondern höchstens, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit unserem eigenen Weltbild steht – das wir möglicherweise als adäquates Abbild einer angeblichen Welt mißverstehen.

 

Zweifellos gibt es einen relativ engen Zusammenhang zwischen unserem Weltbild und der psychischem Gesundheit; andernfalls wären Seelsorge oder Psychotherapie weder möglich noch nötig.

Wer mit seinem Weltbild sehr gut und glücklich leben kann, hat wohl mitunter die Aufgabe, denjenigen zu helfen, die unter ihrem Weltbild oder seinetwegen leiden. Sie können ihr befreienderes Weltbild mit den Leidenden teilen, es ihnen mit-teilen und sie daran teil-haben lassen.

Weltbilder sollen die Fülle des Lebens ermöglichen; Ängste verringern, Hoffnung wecken, Mut machen und ein gesundes Selbstbewußtsein bewirken. Aber da sie ohne Welt prinzipiell nicht wahr sein können, weist weder die „Gesundheit“ auf ein wahres noch die „Krankheit“ auf ein unwahres Weltbild hin. 

 

Das Kriterium, das uns von den psychisch „Kranken“ unterscheidet, besteht keineswegs in der „Gesundheit“ – niemand weiß, was das sein soll –, sondern allein darin, daß wir zur Mehrheit gehören und diese beschlossen hat, – nicht sich selbst, sondern – die Minderheiten als „krank“ zu betrachten und gegebenenfalls deren Weltbilder als unsinnig abzutun.

Um diese Entscheidung zu rechtfertigen, erklären wir das eigene Weltbild zur Wahrheit, behaupten eine entsprechende objektiv-reale Welt dahinter und glauben selbst (an) unsere Konstruktion.

 

Vielleicht sind wir nur „gesund“, weil uns Clever- oder Coolness, Robust- und Abgebrühtheit weniger leiden lassen. Möglicherweise sperren wir gerade die Falschen weg; würde Sensibilität als ein Maß für psychische „Gesundheit“ anerkannt, könnten sich die Rollen teilweise vertauschen.

Für unsere nahezu als selbstverständlich geltende Überzeugung, das adäquate(re) Weltbild zu besitzen, dürften fünf Gründe besonders wichtig sein:

 

1. Zunächst möchten wir ganz einfach unser Weltbild als adäquates Bild von der Welt verstehen. Wer weiß nicht allzugern, „wie es wirklich ist“?

 

2. Des weiteren wünschen wir uns Sicherheit, und diese scheint nicht zuletzt dadurch gewährleistet, daß wir auf möglichst viele Fragen sowohl eindeutige als auch einfache Antworten geben können.

Es gibt sogar eine „Faszination des Primitiven“, die wir beispielsweise bei politischen oder sportlichen Massenveranstaltungen mitunter ungeschminkt erleben.

 

3. Unsere Technik bildet die Anwendung der exakten Wissenschaften, und daß wir technisch unglaublich erfolgreich sind, scheint zu beweisen, daß die exakten Wissenschaften die Welt adäquat wiedergeben.

In diesem Satz ist ein Denkfehler enthalten; richtiggestellt müßte er fortgesetzt werden mit den Worten „. . . wenn es letztere gäbe“.

Sie werden im allgemeinen unterschlagen, weil die Existenz der Welt als selbstverständlich gilt. Wäre dem so, würde die Technik tatsächlich die Richtigkeit der exakten Wissenschaften beweisen; das scheint mir nahezu unbestreitbar.  

 

Aber was ändert unsere Klausel daran?

Existierte die Welt, wären unserem Handeln eindeutige Grenzen vorgegeben; „wenn Du das machst, knallt es“.

Ohne Welt könnten diese Grenzen viel weiter sein, so daß nahezu alles möglich sein müßte, was sich in unserem Weltbild als widerspruchsfrei erweist; auch einen „Himmel“ oder eine „Hölle auf Erden“. Dann bestätigt die erfolgreiche Technik aber gar nichts, sondern umgekehrt wäre es verwunderlich, wenn irgendetwas nicht machbar sein sollte – obwohl es doch keinen Widerspruch enthält. 

Ohne Welt fehlt, mit anderen Worten, der Kontrollmechanismus für alle denkbaren Weltbilder. Deren logisch saubere Konsequenzen müssen richtig sein, weil sie selbst den Weltbildern angehören; diese werden durch die Technik also nicht bestätigt, sondern weiterentwickelt.

Wie lange haben andere Kulturen mit ihren „falschen“ Weltbildern teilweise existiert? Das ägyptische Pharaonentum beispielsweise 3000 Jahre. Unser „richtiges“ Weltbild stellt uns dagegen bereits nach vier Jahrhunderten vor immer größer werdende Probleme.

 

AD: „Das mag theoretisch richtig sein, praktisch ist aber von keiner anderen Kultur jemand zum Mond geflogen.“

Und vielleicht wollte es auch keiner!

Nicht nur, was man tun, sondern auch was man wollen kann, hängt doch vom Weltbild ab. Andere Kulturen strebten vielleicht nach einem Kontakt mit ihren Göttern oder Ahnen; den haben sie möglicherweise erreicht, und wir wollen ihn gar nicht. Wenn die Ägypter beispielsweise unsere Sonne als ihren Gott Re verehrt haben, muß der Gedanke, hinfliegen zu wollen, einfach als absurd erscheinen.

Unsere diesbezügliche „Logik“ ist doch völlig verquer:

Alle wollten das, was wir können, haben es aber nicht geschafft – wodurch der Fortschritt zu und durch uns bewiesen wäre; q. e. d.

 

4. Viele Vorstellungen erscheinen uns als alternativlos, so daß wir scheinbar felsenfest von ihnen überzeugt sein müssen. Aber gegen die Annahme, Denknotwendigkeit müsse etwas mit Wahrheit zu tun haben, sprechen zumindest zwei sehr starke Argumente.

Zum einen resultiert die angedeutete „Evidenz“ möglicherweise aus unserer Einseitigkeit, Denkfaulheit, Ignoranz oder mangelnden Phantasie. Wer kreativer ist, intensiver überlegt oder mehr Zeit investiert, findet vielleicht noch ganz andere Antworten.

Zum anderen ist alles Argumentieren, Beweisen oder Widerlegen an unser subjektives Weltbild gebunden; Denken heißt, sich innerhalb von ihm geistig zu bewegen, denn kein einziger Gedanke, der nicht zum eigenen Weltbild gehört oder sich aus ihm ergibt, ist uns zugänglich.

 

Sämtliche Schlüsse oder Begründungen müßten also den Vermerk tragen „im Rahmen meines Weltbilds“, denn sie setzen dieses als unhinterfragbares Nonplusultra voraus. Unser Weltbild legt, anders formuliert, beispielsweise fest, was 100%-ig sicher bzw. absolut unmöglich ist. A muß und B kann nicht sein – in meinem Weltbild; letzteres, aber keine angebliche Welt, liefert die einzige Begründung.

Solange es keine Widersprüche enthält, führt natürlich kein Gedanke aus dem Weltbild heraus; das hat aber auch gar nichts mit seiner Bestätigung zu tun, sondern ist tautologisch.

 

5. Und schließlich suchen wir nach Gemeinschaft; was schon viele glauben, wird spontan favorisiert.

Wir wollen gerne von der Mehrheit denken lassen; das kann sie aber nicht; zu denken vermag nur der Einzelne.