1.8.1. Konsequenzen aus unserem Verzicht auf die Welt

Veranschaulichen wir uns die gewaltige Differenz zwischen dem traditionellen und unserem Denken einstweilen an einer zwar sehr einfachen, aber deutlichen Konsequenz:

Wenn ein Subjekt stirbt, gibt es traditionell einen Körper weniger in der Welt, was darin freilich auch nicht die geringste Rolle spielt. Selbst wenn wir Menschen ausstürben, hätte dies für den physikalischen Kosmos praktisch keine Konsequenzen, würde von ihm gar nicht bemerkt und noch weniger betrauert.

 

Ohne Welt – in unserem Ansatz also – können in ihr auch keine Körper verschwinden; sie entziehen sich aber trotzdem; wo?

Natürlich dort, wo sie sich zuvor befunden haben, nämlich allein im Bewußtsein der den Verstorbenen nahestehenden zurückbleibenden Subjekte.

 

Wir sehen absolut noch nicht, wie sich eine weltlose Wirklichkeit konsistent denken lassen soll; ich hoffe aber, daß bei einer solchen Konzeption der Subjekte eine positive Antwort auf die „Frage nach dem Wozu“ (Robert Spaemann und Reinhard Löw), Warum oder Sinn unseres Lebens möglich wird.

Auf der Basis einer objektiv-realen Welt halte ich das für nahezu ausgeschlossen.

 

AD: „Ja; das wäre gewiß positiv; wird jedoch ohne Welt nicht alles möglich? Jeder denkt, was er will; oder auch gar nicht, aber das ist ohnehin alles belanglos.“

Dieser skeptische Einwand trifft mich nicht.

Sie setzen mit der Tradition unausgesprochen voraus, daß die Wahrheit unserer Wissungen durch den Vergleich mit der Welt festgestellt wird. Nun nehmen wir letztere weg – und damit scheinbar nicht nur alle Kontrollmöglichkeiten, sondern die Wahrheit selbst.

Aber Ihre Voraussetzung stimmt nicht; noch nie hat jemand seine Wissungen mit der Welt verglichen. Zum einen wüßten wir gar nicht, wie das überhaupt möglich sein sollte – man kann auch nicht Äpfel und Birnen zusammenzählen –, und zum anderen wurde die Existenz der Welt immer nur behauptet.

Es lassen sich lediglich Wissungen untereinander vergleichen; diese mit jener; die Wissung Erdkugel mit der Wissung Erdscheibe; Äpfel mit Äpfeln. Die Moderne hat nicht erkannt, daß die Erde eine Kugel ist, sondern diese Wissung der Scheiben-Wissung vorgezogen.

 

AD: „Aber wir sehen doch zum Beispiel von der Raumstation aus, daß die Erde tatsächlich eine Kugel ist!“

Nein; das kann prinzipiell niemand feststellen; von woaus auch immer.

Die Spiegelung an der Kugel ist eine konforme Abbildung der Mathematik oder Geometrie, die das Innere einer Kugel in ihr Äußeres transformiert und umgekehrt. Tun wir das bei unserer Erde, gelangt deren Stofflichkeit nach außen und das Weltall mit seinen Sternen wird zu ihrem Innen; deswegen „Hohl-“ oder „Innenwelttheorie“.

Man kann relativ leicht zeigen, daß ausnahmslos alle Experimente bei beiden Modellen zu den gleichen Ergebnissen führen – einfach weil die Experimente ebenfalls gespiegelt werden können. Die Winkel bleiben identisch, Geraden gehen in Geraden über usw. Hier liegen also nicht zwei verschiedene Wirklichkeiten vor, sondern lediglich zwei mathematische Darstellungsweisen einer unbekannten Wirklichkeit, die völlig gleichwertig sind, so daß nicht zwischen ihnen entschieden werden kann.

Vor 100 Jahren behaupteten sogenannte „Hohlwelttheoretiker“ daß die Erde wirklich das Weltall enthielte. Das stimmt dann natürlich nicht; sie betrachteten ihre Wissungen irrtümlich als solche von der Wirklichkeit.

Aber wenn wir die gegenteilige Überzeugung teilen, begehen wir natürlich den gleichen Fehler – nur auf der anderen Seite.

(Für eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema empfehle ich zm Beispiel Roman Sexl, einen leider sehr früh vestorbenen Theoretischen Physiker aus Österreich.)

 

Zurück zum roten Faden:

Unsere Wissungen besitzen keine Ursachen, so daß auch unter diesem Aspekt die Welt nicht benötigt wird.

Wir entscheiden das „richtig“ bzw. „unrichtig“ der Wissungen nicht anhand von Ursachen, sondern aus Gründen, und die entspringen unserer Vernunft.

„Ich bin für die Wissung A, weil das besser zur Wissung B paßt“, „weil non-A widersprüchlich wäre“, „weil ich bei C ganz ähnlich denke“, „weil dadurch auch D verständlich wird“, „weil das logisch ganz sauber ist“ usw.

So versuchen wir, ein möglichst kohärentes Weltbild zu erzielen, in dem jeder Grund von anderen Gründen gestützt wird, so daß das gesamte Weltbild sich selbst zu tragen scheint.

Seine Übereinstimmung mit einer angeblichen Welt wurde und wird 1000-fach behauptet, ist aber nie festgestellt worden, weil das unmöglich wäre, selbst wenn die Welt existieren würde. 

 

Ohne Welt gibt es auch keinen gegenwärtigen Irrtum, denn er wäre widersprüchlich:

Wir können nicht von bestimmten Wissungen überzeugt sein und zugleich wissen, daß sie nicht stimmen. Eventuelle Fehler werden erst rückblickend deutlich, nachdem uns andere Wissungen eines Besseren belehrt haben.

Wenn beispielsweise ein Dürstender in der Wüste Wasser sieht, täuscht er sich nicht, denn es fehlt jeglicher Maßstab, um dies feststellen zu können; er sieht Wasser; Punkt! Wüßte er, daß es sich um eine Fata Morgana handelt, würde er kein Wasser sehen, sondern vielleicht Steine.

Aus seinem Weltbild folgt, daß er Wasser trinken und damit sein Leben retten kann; also versucht er das wie selbstverständlich.

Mißlingt es ihm, besteht darin eine neue Erfahrung, anhand derer er im Nachhinein erkennt, daß es sich zuvor um eine Fata Morgana gehandelt haben muß; Fehler gibt es lediglich rückblickend.

 

Bei der häufig anzutreffenden und auch von mir genutzten Formulierung, unsere Weltbilder seien Konstruktionen, bitte ich, Folgendes zu beachten:

Viele von Ihnen werden sagen „Ich habe nie eine Wahl gehabt“ (Friedrich Nietzsche) oder „irgendetwas konstruiert“; das behaupte ich auch nicht.

Konstruktion bildet für uns einfach den Gegenbegriff zur Abbildung – einer angeblichen Welt – und soll lediglich zum Ausdruck bringen:

Subjektive Weltbilder repräsentieren zum einen nichts ihnen Vorgegebenes, sondern stellen Originale dar, die also irgendwie hergestellt, erschlossen oder ausgedacht – eben konstruiert – worden sein müssen.

Zum anderen benötigt jedes Weltbild – im Gegensatz zur Welt – einen Besitzer, den Weltbildhaber. Ob er persönlich an der Entstehung seines Weltbilds beteiligt war, also mit-konstruiert hat, können wir dabei auf sich beruhen lassen; das spielt keine Rolle und behaupte ich auch nicht.   

„Das ist kostruiert“ heißt also lediglich, es wurde nicht abgebildet, ist primär und nicht sekundär.

 

AD: „Sie werfen den Traditionalisten vor, sie könnten nicht begründen, daß unsere Wahrnehmungen in Abbildungen von Seienden bestehen sollen und würden das nur behaupten. Aber können Sie rechtfertigen, daß es sich bei den Wahrnehmungen um Konstruktionen handelt?“

Ihre Argumentation klingt zwingend, enthält aber meines Erachtens einen Denkfehler.

 

Ich beginne mit einem simplen Beispiel.

Unsere Vorfahren haben Wege gefunden, Oliven essen zu können; das ist bei dieser Frucht nicht selbstverständlich, sondern eher ein kleines Wunder. Und das, beschreibt ein Mythos, verdanken wir der Göttin Athene, die die Menschen die erforderliche Aufbereitung der Oliven gelehrt hat.

Wer diese Erklärung für wahr hält, dem kommt sehr wohl eine Begründungspflicht zu.

Wer die Argumentation nicht glaubt, steht jedoch keineswegs vor der Aufgabe, sie zu widerlegen. Müssen wir uns denn um die Privatmeinung von Frau Müller kümmern? Warum denn gerade um sie? Herr Meyer sagt auch etwas.

 

Der Athene-Mythos entspricht dem traditionellen Glauben an abbildbare Seiende; wer ihn für wahr hält, möge seine Überzeugung bitte begründen.

Mit meinem „Konstruieren“ vertrete ich noch keine anderslautende, aber ebenso konkrete Müller-Meinung, sondern betone lediglich, mich von dem traditionellen Ansatz zu distanzieren; ich glaube weder an Athene noch an Seiende. Das bedarf keiner Rechtfertigung, sonder dafür genügt es, mich um eine andere Erklärung zu bemühen.