1.5. Grundgedanke des Buches

Der Glaube an die eine objektive Welt wurde nahezu allen von uns seit der Kindheit indoktriniert und ist damit zu einer so festen Überzeugung geworden, daß wir kaum auf die Idee kommen, ihn anzuzweifeln. Aber dieser Glaube ist keineswegs selbstverständlich und läßt sich problemlos durch den Übergang zu einem jeweils subjektiven Weltbild ersetzen.

Als Resultat unseres bisherigen Lebens verfügen wir über ein solches; es entspricht dem Status quo sämtlicher Mitteilungen, die uns bisher erreicht haben, verarbeitet und nicht wieder vergessen wurden. Einiges davon glauben wir, und dadurch wird dieser akzeptierte Bereich des Weltbilds für uns möglicherweise zum Wahrnehmbaren.

 

In den aktualen Wahrnehmungen treffen wir auch im metaphysischen Explikationismus auf reale oder dinghafte Objekte. Wir wissen absolut noch nicht, wie sie zustandekommen; klar ist bisher lediglich, daß sie aus den Subjektivitäten in derem jeweiligen Bewußtsein hervorgehen müssen.

Die Tradition kann das nicht nachvollziehen und denkt von einer angeblichen Welt her. Deshalb muß sie diese Objekte – die als solche ungeandert beibehalten werden – von der Gegenseite aus interpretieren; dann erscheinen sie aber irrtümlicherweise nicht als Konstruktionen der Subjektivitäten, sondern als Abbildungen der Seienden. Einerseits ändert sich gar nichts – die Objekte – und andererseits alles – die Betrachtungsweise.

 

Häufig fügt man traditionell die Nicht-Seienden zu den Seienden der Welt hinzu und erweitert letztere damit zu den Urbildern. Aber auch sie müssen abgebildet werden, denn ansonsten wären es keine Urbilder, sondern reine Phantastereien.

Wir können uns die Problematik der Nicht-Seienden leicht an der Idee der Gerechtigkeit in einer Diktatur verdeutlichen. Einerseits ist hier kein Urbild vorhanden, das sich abbilden ließe; andererseits muß es aber existieren, wenn die Gerechtigkeit im Sinne des Sokrates ein – Paradebeispiel von – Urbild sein soll.

Traditionell gibt es im Weltbild also eine Dreiteilung – Seiende, Nicht-Seiende und Phantastereien –, so daß es stets fraglich bleibt, ob Grenzfälle wie Osterhasen und Weihnachsmänner, Marsmenschen oder Yetis zu den Nicht-Seienden oder zu den Phantastereien gehören.

Aber uns kann das gleichgültig sein, weil wir beide ebenso ablehnen wie die Seienden. Die entsprechenden „Begriffe“ sind in unserem Weltbild enthalten, und nur weil sie das tun, können wir auch „nein“ zu ihnen sagen. 

 

„Mir ist seit meiner von Kindheit von der Welt und dem Teufel erzählt worden. Würde ich (an) letzteren glauben, hätten Sie damit wohl keinerlei Probleme; das ist meine freie Entscheidung. Aber bei der Welt reagieren Sie allergisch; nur das nicht! Warum dieser Unterschied?“

Sie werfen hierbei zwei Dinge durcheinander, die nahezu nichts gemeinsam haben; aber Ihr Einwand war sehr konstruktiv.

Ist Ihnen von der Welt – ebenso wie vom Teufel – erzählt worden, stehen Sie in beiden Fällen vor der Frage, ob Sie das glauben; wenn „ja“ wären vielleicht auch entsprechende Wahrnehmungen möglich. In diesem Falle reagiere ich auch keineswegs allergisch, denn eine solche Welt wäre nicht die traditionelle.

Bei letzterer bestände nicht die Freiheit, die Welt zu glauben bzw. nicht zu glauben, sondern wir müßten sie einfach hinnehmen, weil sie unabhängig von uns wäre und wir uns den Kopf daran einstoßen könnten. Es gäbe dann nur eine Freiheit innerhalb der Welt und keine zu ihr.

„Das war nicht gut, denn ich kann mir den Kopf an jedem Felsen einstoßen; also gibt es die traditionelle Welt.“

„Das war gut, denn Sie stoßen sich den Kopf nicht an der Welt ein, sondern an Ihren Wahrnehmungen; bzw. potentiellen Wahrnehmungen, wenn es keine Absicht gewesen ist.“ 

 

Ich kann das so deutlich formulieren „nicht an der Welt“, weil die Aussage, es gäbe letztere, unverständlich bleibt.

„Wieso? Sie bedeutet, daß die Welt vorhanden ist.“

Und was meinen Sie damit? 

„Daß sie existiert oder wirklich besteht.“

Damit haben Sie nichts erklärt, sondern lediglich andere synonyme Worte eingeführt, die ebenso nichtssagend sind. Eine Welt, von der wir sagen, sie sei gegeben, existent, wirklich, vorhanden oder bestehend, schwebt frei im Nichts – ich hatte Ihnen oben versprochen, darauf zurückzukommen – und kennt weder ein Warum noch Woher oder Wohin.

Die Moderne versucht, diese Fragen innerweltlich zu beantworten – heute insbesondere mit der Evolutionstheorie. Aber das geht natürlich nicht, weil sich damit nur dieser Welt-Zustand auf jenen zurückführen läßt, das Woher und Wohin der Welt als ganzer jedoch gar nicht in den Blick kommt.

Wir können erklären, wie aus B ein A wird, aber nicht woher beide kommen; führen wir dafür C ein, wiederholt sich das Problem lediglich.

Und selbst wenn die Welt „vom Himmel gefallen“ sein soll, dann benötigen wir eben ihn – den Himmel –, denn aus nichts wird auch nichts.

 

Um dieses Schweben der Vorhandenheit im Nichts zu „erden“, haben wir – nicht für die Welt, sondern für das Leben – den Begriff Gottes bzw. der Transzendenz eingeführt und können damit die Subjektivitäten und ihr Leben grundlegen oder fundamentieren.

Das soll beileibe kein Gottesbeweis sein, denn so verhält es sich nur in meinem Weltbild, das heißt, ich bekomme es nicht anders hin, das Leben widerspruchsfrei und damit auch begründet zu denken. Deswegen interessiert mich ganz gewaltig, ob noch andere Möglichkeiten bestehen; bekannt ist mir keine, und ich bezweifle sie auch sehr stark.

Sollte das zutreffen,hätten wir eine saubere Definition des Gottes-Begriffs:

Er ist derjenige, ohne den gar nichts existiert, das heißt, dieser Gott bildet die Antwort auf Heideggers Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“. Gott muß also sich selbst hervorbringen und bei allem anderen das Zustandekommen zumindest ermöglichen. Der letzte Satz gibt kein (synthetisches) Wissen von Gott wieder, sondern nur die (analytische) Konsequenz unserer Definition.

 

Eine Antwort auf jegliche Frage muß dem Weltbild angehören; wir haben also das Was der Transzendentalien im Blick.

Von ihrem Daß können wir – wie  immer – nicht sprechen; sauber formuliert müßte ich also sagen:

Beim gegenwärtigen Stand meiner Überlegungen verstehe, denke oder interpretiere ich (den wahren) Gott als Träger oder Geber der Totalität; das könnten wir als dritttes Beispiel unseren Transzendentalien hinzufügen.

Mir gefällt es so gut, daß ich versucht bin, dieses Deuten-als in eine Identität umzuwandeln: „(Der wahre) Gott ist die Antwort auf die Seinsfrage.“

Aber wir tun es nicht, weil ich mir gut vorstellen kann, daß in der Vergangenheit andere Gottes-Bilder, die wir heute belächeln, für ihre Vertreter ähnlich verführerisch oder überzeugend waren; vielleicht sogar der alte Mann mit dem Bart einmal.