1.5.6. Erfahrungen und Erlebungen

Erfahrungen ist ein zwiespältiger Begriff; zum einen wird er häufig speziell in den Naturwissenschaften anstelle der Wahrnehmungen benutzt, zum anderen gibt es auch Erfahrungen, die eher dem glatten Gegenteil und damit unserer Lebenswirklichkeit entsprechen; beispielsweise Sehnsucht, Freude, Langeweile, Orgasmen, Aufregung oder Sympathie.

Die naturwissenschaftlichen Erfahrungen sind für uns in den Wahrnehmungen integriert, und bei den subjektiven sprechen wir besser von Erlebungen; das ist assoziativ recht günstig.

Traditionell unterscheiden sie sich dadurch grundlegend von den Wahrnehmungen, daß die Erlebungen nicht als Abbilder objektiver Urbilder verstanden werden können. Natürlich ist das auch nicht nötig, weil hier keine erklärungsbedürftige Intersubjektivität besteht. Haben mehrere Subjektivitäten zugleich Kopfschmerzen oder Angst, dann ist das keine Intersubjektivität, sondern „Zufall“.

 

Erlebungen sind nicht nur keine Wissungen, sondern zwischen beiden besteht der folgende gewaltige Unterschied.

Bei ersteren sind Irrtümer ausgschlossen; auch deswegen lassen sich Erlebungen schwerlich als Abbilder verstehen. Freuen wir uns, kann das niemand begründet bestreiten; „du hast dich aber zu freuen“ geht ebensowenig.

Wissungen müssen dagen stets falsch sein können; die Möglichkeit von Fehlern gehört zum Begriff; garantiert richtiges „Wissen“ ist kein Wissen. 

Darauf wies schon Wittgenstein in seinen „Philosophischen Untersuchungen“ hin. Er ging dort insbesondere auf Schmerzen ein und schrieb explizit, daß wir sie erleben oder haben, aber nicht wissen – weil eine Täuschung ausgeschlossen ist. 

 

Erlebungen sind keine vom Leben – Referenten gibt es nicht –, sondern im Leben. Die Erlebungen sind vollständig in das Leben integriert und damit sowohl zeitlich als auch kontinuierlich  wie dieses.

Damit existieren keine einzelnen Erlebungen – wie Wissungen –, so daß das Leben auch nicht aus ihnen bestehen kann.

Aber wir  können unser – eo ipso eigenes – Leben beschreiben, und dieses Beschreiben stellt nicht das Leben als Ganzes vor Augen – das ist „unbeschreiblich“ –, sondern erzeugt einzelne Erlebungen.

Das Beschreiben unseres Lebens ist die Herstellung von Erlebungen.

 

In den Erlebungen wird das Leben zwar einerseits nicht auf den Begriff gebracht, denn dann würde es sich um Wahrnehmungen handeln.

Andererseits gibt es – wegen des erforderlichen Beschreibens – dennoch ohne Begriffe auch keine Erlebungen. Wir beschreiben zwar vordergründig mit Worten, aber nicht mit irgendwelchen sinnleeren Buchstabenkombinationen, sondern nur mit „richtigen“ Worten, die Begriffe bezeichnen.

Damit spreche ich weder Babys noch Tieren ab, daß sie beispielsweise „Schmerzen“ haben, das heißt, leiden oder sich unwohl fühlen. Ganz im Gegenteil; es kann bei ihnen noch viel schlimmer sein, weil die „Schmerzen“ keine bloße Erlebung im größeren Leben darstellen, sondern vielleicht dem ganzen Leben entsprechen. Ohne Sprache entgleitet der Unterschied zwischen Leben und Erlebung.

Den kennen nur wir; und schon das Wissen, daß nicht „alles nur noch Schmerz ist“, andert die Situation für uns Erwachsene wohl grundlegend zum Positiven.   

 

Wer über differente Vorstellungen verfügt, kann sein Leben auch anders beschreiben.

Die Vorstellungen sind zwar nur unwirklich, aber ohne sie gäbe es auch keine Beschreibungen unseres wirklichen Lebens.

Ist ein junger Mann frisch verliebt, beschreibt er seine Angebetete vielleicht als „Flamme“, „Sonnenschein“ oder „Goldstückchen“. 

Beim Bezeichnen sind wir direkt auf den entsprechen Begriff bzw. die Wissung gerichtet; „Flamme“ bezeichnet beispielsweise die Flamme im Kamin.

Der junge Mann will nicht sagen, daß seine Geliebte im Kamin, sondern vielmehr in seinem Herzen brennt. Sie bildet die Flamme seines neu gefundenen Lebens, und das versucht er darzustellen.

 

„Jetzt macht es bei mir ein wenig Klick:

Wer sein Leben anders beschreibt, lebt auch anders, weil dieses Beschreiben mittels der eigenen Vorstellungen bereits einen integralen Teil des Lebens bildet.“

Sehr schön; dieses Beschreiben kann in gewaltigen epischen Werken erfolgen; Marcel Prousts autobiographischer Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wäre ein Paradebeispiel hierfür.

Aber das ist nur das eine Extrem; das andere besteht in den Fakten wie Geburtsdatum, Schulanfang usw., mit deren Hilfe wir unser Leben – zwar nicht sonderlich gut, aber – auch beschreiben können und die häufig mit ihm verwechselt werden.

Zwischen diesen beiden Extremen befinden sich unsere alltäglichen Beschreibungen, in denen wir von Wetter, Gesundheit, Essen usw. sprechen.

 

Wir können natürlich nur das eigene Leben beschreiben; das gilt selbstverständlich auch für Marcel Proust und alle anderen Schriftsteller. Lernen wir beim Lesen Fakten, die in der Beschreibung eines anderen Lebens eine Rolle spielen, dann mag das ganz interessant sein, hilft uns aber kaum weiter. 

Viel wichtiger wäre es hingegen, sich selbst in den schriftstellerischen Werken wiederzufinden und dadurch das eigene Leben mit anderen Augen als bisher sehen zu können.

 

In Abbildung 1.5.1.-1  hatten wir bereits

– die Wahrnehmungen mit den Vorstellungen zu den Wissungen,

– die Wissungen mit den Anschauungen zu den Erkennungen und

– die Erkennungen mit den Erlebungen zu den Ereignungen 

zusammengefaßt.

 

Meine Wortbildungen mit der Endung „-ungen“ wirken sicherlich oft etwas gewaltsam. Aber sie sind sehr hilfreich; wir erkennen daran stets, daß von der subjektiven Bild-Seite die Rede ist.

Ihre objektive Gegenseite gibt es nur traditionell; sie umfaßt angeblich das Erkannte, Verstandene, Vorgestellte usw

Mißverständnisse sind in diesem Sprachspiel praktisch nur bei dem Gewußten möglich. Es meint bei uns, daß die Wissungen gewußt werden – im Gegensatz zu dem „nur“ bewußten Leben sowie den „nur“ bewußten Anschauungen – und hat nichts mit einem traditionellen Gewußten zu tun.

Das Bewußtsein bildet die Einheit von – in diesem SinneGe- und Bewußtem; seine Bezeichnung erfolgt einseitig zugunsten des letzterem und ist damit nicht ganz glücklich, aber historisch so gewachsen.