1.5.1. Wissungen als Wahrnehmungen oder Vorstellungen

Traditionell gibt es nur eine (Art von) Wirklichkeit, denn zwischen Subjekten und Objekten besteht kein prinzipieller Unterschied; beide sind Seiende.

Im metaphysischen Explikationismus kommt ebenfalls nur eine (Art von) Wirklichkeit vor; freilich mit einer ganz anderen Begründung: Es existiert nur ein einziger Geber oder Gott, so daß die gesamte Wirklichkeit aus ihm hervorgehen und in der seinigen bestehen muß.

In einer frommeren Sprache heißt das:

Gott kann nicht irgendetwas – über sich – offenbaren, sondern nur sich selbst oder seine eigene Wirklichkeit, und diese verstehen wir als unser Leben. Es entspricht der immanenten – im Bewußtsein befindlichen – Transzendenz oder demjenigen Teil Gottes, den wir bereit waren, uns schenken zu lassen. 

 

„Das ist ja spannend!

Für Sie besteht die Offenbarung Gottes in ihm selbst, und deshalb können wir die (Einheit von Erlösung und) Schöpfung als eine Gabe des Lebens und damit relativ problemlos als Selbst-Hingabe Gottes verstehen; wir leben, weil er sich selbst für uns geopfert hat. Dann benötigen wir freilich auch keine Erlösung von der ‚Erbsünde‘ mehr . . .

Die Tradition hat es da mit ihrem Glauben an die Welt viel schwerer; wenn sie von Schöpfung spricht, kann das nur die Welt sein oder zumindest muß sie dazugehören. Nun läßt sich aber die Welt schwerlich als Selbst-Hingabe Gottes verstehen, so daß die selbstverschuldeten Probleme in der Verkündigung vorherzusehen sind.

‚Selbstverschuldet‘, denn wieso sollte die Welt keinen Götzen darstellen? Wir beten nicht vordergründig zu ihr, glauben aber fester an die Welt als an alles andere . . .“

 

Ja; das war sehr gut; aber den Gedanken, die Wirklichkeit von der Welt auf das Leben zu übertragen, müssen wir erst noch ein wenig plausibilisieren.

Unser Leben kann kontur- oder formlos erfolgen, wofür Dösen oder geistige Abwesenheit Paradebeispiele darstellen. Wir leben natürlich, aber „es ist gar nichts“ oder wir wissen zumindest nicht(s) davon und rückblickend existieren deshalb auch keinerlei Spuren; wir hatten einen „Riß im Film“.

Sie werden sich kaum an Ihr Zähneputzen heute morgen erinnern; alles routinemäßige Handeln geschieht in diesem Sinne; Laufen, Kochen oder Autofahren. Bei der ungegenständlichen Meditation besteht das Ziel explizit darin, diesen Zustand zu erreichen; Babys und Tiere kennen zumindest anfangs gar keinen anderen und bewegen sich darin – wie wir im traumlosen Schlaf.

 

Das entspricht meines Erachtens dem primären Leben; es ist zunächst einmal „Riß“, und nur von daher läßt es sich erklären. Das Leben bildet keine Sache, die – von den Biologen möglicherweise – gewußt werden könnte, sondern entspricht einem kontinuierlichen Fluß, der niemals ge-, sondern immer „nur“ bewußt – und deshalb auch weder wiß- noch erinnerbar – ist.

Nur auf seiner Grundlage sind auch die sekundären diskreten „Sachen“ möglich. Bei ihnen sprechen wir von Ereignungen, die erst und allein durch den Fluß des Lebens möglich werden. Jeder Versuch, letzteres von seinen Ereignungen – speziell Wissungen – her verstehen zu wollen, kommt also „immer schon“ oder „ursprünglich zu spät“ (Derrida) und muß scheitern.

In den Ereignungen erfolgt das Leben nicht länger „nur“ bewußt, vielmehr wird es sich seiner selbst bewußt, das heißt, daß es – nicht von, sondern – sich weiß; Ereignungen bilden ein Sich-selbst-Gewahrwerden des Lebens.

Das ist automatisch mit Selbstbewußtsein – im philosophischen, nicht psychologischen Sinne – verbunden; in den Ereignungen werden auch wir Subjektivitäten uns unserer selbst bewußt – ohne dadurch etwas von uns zu wissen.

 

Wir müssen nicht nur verschiedene Ereignungen unterscheiden, sondern benötigen auch darüber hinaus noch einige Fachbegriffe. Die nachstehende Abbildung, die sich aus derjenigen in 1.3.3. ergibt und bereits ein wenig vorgreift, soll Ihnen helfen, nicht vollkommen den Überblick zu verlieren.

 

 

Totalität
{ Schöpfer und Schöpfung }
aufgehob. Vergangenheit(a)        
sinnlich
       
– geistig
       

 

   ∈

  Gegenwart
aufgehobene Vergangenheit(i)
zeitlich vor dem Bewußtsein Bewußtsein
nicht beschreibbar beschreibbar i. w. S.
aktual unendlich potentiell unendlich

 

   ∋

  subjektiv
         
Gott oder Transzendenz Immanenz
Daß  
wirklich unwirklich
benennbar      
kontinuierlich      
total intersubjektiv      
gedeutet als Was:      
Träger oder Geber der Totalität      
     
transzendente Transzend.     immanente Transzendenz       
gedeutet als Was:   gedeutet als Was:      
Ursprung   Leben      
    leiblich      
    „ein Fluß“      
         
    Ereignungen
    diskret
    Erlebungen Erkennungen 
    Beschreibungen i. e. S.  Anschauungen    
      Daß    
      „einzelne Eisblöcke“    
      sinnlich    
      unbestreitbar    
      bewußt    
      benambar    
       gedeutet durch Was:    
      Wissungen
      „einzelne Punkte“
      gewußt
      bezeichenbar
          Wahrnehmungen    Vorstellungen
        bestreitbar
        geistig
            Begriff  
Ausmalung
        Was wllkürlich

 

Abbildung 1.5.1.-1

 

Wir beginnen mit den Wissungen und unterscheiden daran zwei Arten; Wahrnehmungen sowie Vorstellungen.

Erstere enthalten mit den Anschauungen eine unbestreitbare Komponente, die dem traditionellen Daß oder Sein entspricht, und bestehen aus ihr sowie deren begrifflicher Interpretation – dem Was oder Wesen. Mit anderen Worten betrachten wir Anschauungen als . . .; an die Stelle der Punkte gehört ein Begriff, und auf diesen Begriff bringen wir die gegebene Anschauung.

Die Vorstellungen sind dagegen pure „Interpretation“, so daß uns jede von ihnen letztlich vor die Frage stellt, ob wir sie glauben oder nicht-glauben, anerkennen oder ablehnen bzw. für möglich oder unmöglich halten. Sie bestehen in der Einheit von Begriff und Ausmalung, so daß letztere bei den Vorstellungen ungefähr an die Stelle der Anschauungen bei den Wahrnehmungen tritt.

 

Durch ihr unbestreitbares Daß weisen die Wahrnehmungen – anders als die Vorstellungen – über sich hinaus.

„Und das hat die Tradition dazu bewogen, die Seienden der Welt als Wahrgenommene zu erfinden?

Sehr richtig; wir bestreiten nicht den fundamentalen Überschuß der Wahrnehmungen über die Vorstellungen, sehr wohl aber, daß er sich mit etwas Sinnleerem erklären läßt. Deshalb wechseln wir mit der Wirklichkeit von der Welt zu Gott bzw. dem Leben. Ein angebliches Vorhanden-Sein, das sich nicht verstehen läßt, weil es einem Schweben im Nichts oder einem Sprung aus ihm – im Urknall – entspricht, hilft uns nicht weiter.

 

Noch ein Hinweis sollte hilfreich sein.

Alle Vorstellungen sind als solche offen für ein „ja“ bzw. „nein“ und erfordern unsere Entscheidung. Bei Feld- oder Osterhasen halten wir das vielleicht für unsinnig, aber das war doch nicht immer so; irgendwann in unserer Kindheit haben wir festgelegt:

„(An) Feldhasen glaube ich, (an) Osterhasen nicht.“

Traditionell sagt man stattdessen die Floskel, daß es in der Welt Feld-, aber keine Osterhasen gibt.

 

 

  Feldhasen Osterhasen                                                                             
Wahrnehmungen unbestreitbares Daß
unbestreitbares Daß
 
Vorstellungen „ja“ oder „nein“? „ja“ oder „nein“?  

 

Abbildung 1.5.1.-2

 

Da wir nicht (mehr) an Osterhasen glauben, können sie für uns unmöglich zu Wahrnehmungen – mit einem unbestreitbaren Daß – werden.

Kommt mir morgen beim Spaziergang ein Hase entgegen mit einem angemalten Ei unter der linken Vorderpfote und den Pinsel in der rechten, bleibt mir wohl der Mund offen – und ich korrigiere wahrscheinlich meine bisherige Überzeugung.

 

Für uns gibt es nur Wissungen; wir versuchen, logisch sauber mit ihnen zu arbeiten, aber das erweist sich als schwierig, weil es nicht üblich ist und damit unserem alltäglichen Sprachgebrauch widerspricht.

Traditionell Denkende verfügen natürlich ebenfalls nur über (die gleichen) Wissungen. Sie machen es sich aber sehr leicht, indem sie eine Welt von Seienden als zu diesen Wissungen gehörige Referenten erfinden, so daß die Wissungen angeblich solche von den Seienden darstellen.

Wir haben bisher keine Osterhasen gesehen; Feldhasen sehr wohl, aber auch sie nicht abgebildet.

 

„Wissungen lassen sich bezeichnen.

Aber wenn ich etwas erzähle und dabei ein Ihnen unbekanntes Fremdwort benutze, zum Beispiel ‚Paralipomenon‘; was bezeichne ich dann, wenn es keine Urbilder gibt?“

Eine Leerstelle oder potentielle Wissung in meinem Weltbild, die sich durch Rückfragen im allgemeinen leicht füllen läßt. Der Platz ist bereits vorhanden oder durch all die anderen Begriffe vorbereitet; ich wußte lediglich nicht, daß das Paralipomenon an seine Stelle gehört.