1.5.2. Erkennungen als Wissungen oder Anschauungen

Im letzten Abschnitt haben wir die Wahrnehmungen und Vorstellungen zu den Wissungen zusammengefaßt; nun kommen noch die sinnlichen Anschauungen hinzu und bilden gemeinsam mit jenen die Erkennungen.

Bezüglich der Anschauungen sind fünf Punkte besonders wichtig.

 

1. Die neue Entität soll Assoziationen zu Kant wecken; bei ihm besteht die Erfahrung in der Einheit von sinnlicher Anschauung sowie geistigem Begriff, und sein Diktum, daß Anschauungen ohne Begriffe blind und Begriffe ohne Anschauungen leer seien, ist mehr als treffend. Mittels dieser Einsicht wollte Kant alle „Hirngespinste der rationalistischen Metaphysik aus der Philosophie sowie Theologie verbannen“.

Wir ersetzen Kants Erfahrungen durch Wahrnehmungen und übernehmen auch seine Einheit nicht:

Wahrnehmungen sind unbestreitbare Anschauungen – Daß –, die wir „auf den Begriff bringen“, indem wir sie auf eine bestimmte Weise interpretieren oder einodnen – Was. 

 

2. Die Anschauungen sind blind, weil wir sie als rein sinnliche nicht bezeichnen, sondern höchstens benamen können – so wie „Moritz“ den Moritz. 

Das sind zwei völlig verschiedene Sachverhalte; das Wort „Sonne“ bezeichnet die Sonne, und CR7jt ist der Name von . . .? Der Name verrät es uns nicht; wir müßten eine Vereinbarung darüber treffen, wen oder was der Name anvisiert; so wie Eltern es tun, wenn sie überlegen, wie ihr Baby heißen soll. Aber das ist Willkür, und deshalb gehören Namen nicht zur Sprache; diese wird nicht von Menschen vereinbart, sondern genau umgekehrt stiftet sie Intersubjektivität.

Die Anschauungen sind zwar diskret – wie die Wissungen –, werden aber dennoch nicht gewußt – wie das Leben.

 

3. Traditionell gelten Daß, Sein oder Existenz als äquivalent mit der Wirklichkeit.

Das ist bei uns völlig anders; wir müssen die Unbestreitbarkeit der Anschauungen bzw. des Daß der Wahrnehmungen auf der einen Seite ganz deutlich von der Wirklichkeit Gottes – des Ursprungs sowie Lebens – auf der anderen Seite unterscheiden; die beiden haben nichts miteiander zu tun.

 

Wir sollten jedoch auch verstehen, weshalb es sich so verhält: 

Aus den traditionellen Seienden werden bei uns die Wahrnehmungen; sprechen wir jenen aber ihre Wirklichkeit ab – weil es keine Welt gibt –, können auch die Wahrnehmungen nicht wirklich sein, sondern sie sind lediglich partiell unbestreitbar.

Das rührt von den Anschauungen her, aber wir wissen absolut noch nicht, worin diese bestehen könnten, wenn das Leben diesbezüglich ausscheidet.

 

4. Vorstellungen sind rein geistig, weil ihnen die unbestreitbaren sinnlichen Anschauungen fehlen. Das bedeutet freilich nicht, daß sie in Begriffen bestehen müßten – und damit letztlich gar keine „richtigen“ Vorstellungen wären; diesen asymptotischen Grenzfall reiner Begriffe gibt es fast nur in der Logik und Mathematik.

Zumeist malen wir uns die Begriffe in irgendeiner Form aus, so daß sich die Vorstellungen als Einheit von Begriff und Ausmalung ergeben. Wie anschaulich und bunt letztere auch immer sein mag; die Ausmalung hat nichts mit der Sinnlichkeit – von Anschauungen – zu tun, sondern ist rein geistig wie der Begriff.

 

5. Schließen wir die Augen, entfallen unsere Sehungen.

Das Daß der Sehungen besteht in visuellen Anschauungen.

Schließen wir die Augen, müssen folglich die Dasse aller visuellen Sehungen vollkommen weg oder inexistent sein.

 

Traditionell ist das sehr anders; bei geschlossenen Augen sehen wir die Sonne natürlich nicht (mehr), aber nur sehr wenige unserer Zeitgenossen werden bestreiten wollen, daß sie sich trotzdem immer noch an ihrer richtigen Stelle befindet. Es interessiert die Sonne überhaupt nicht, ob wir sie anschauen, weil sie als Seiendes der Welt vollkommen unabhängig von uns ist.

Die Anschauungen sind jedoch solche der Subjektivitäten, und wenn wir sie nicht anschauen, gibt es sie natürlich nicht.

Wir nehmen, mit anderen Worten, nicht die Ur-Sonne wahr und erzielen damit eine Anschauung dieser Ur-Sonne – so als gäbe es letztere auch ohne unser Wahrnehmen , sondern die Anschauung bildet das Daß der Sonnen-Wahrnehmung – und entfällt somit ohne unser Wahrnehmen.

 

Die Frage, wo und wie die Sonne die Nacht verbringt, ist also unsinnig, weil eine Sonne, nach der man sich so erkundigen könnte, ein Urbild sein müßte. 

Für uns existiert sie nur als Wissung; eine Wahrnehmung scheidet in der Nacht aus, und die entsprechende Sonnen-Vorstellung entnehmen wir dem Weltbild. Es ist sicherlich bei uns allen heliozentrisch, könnte aber auch ganz anders sein; wir bleiben dabei, bis wir ein Weltbild finden, mit dessen Hilfe wir mehr Fragen leichter beantworten können.

 

Wir haben uns lediglich noch von der Engführung auf das Visuelle zu befreien.

Bemühen wir unseren Geist, führt das zu Begriffen.

Bemühen wir unsere Sinne, führt das zu Anschauungen; aber wir müssen sie eben auch bemühen; bei geschlossenen Augen gibt es keine Sehungen.

Ich habe absichtlich „Geist“ und nicht „Gehirn“ geschrieben; absichtlich „Sinne“ und nicht „Sinnesorgane“, denn ohne Seiende können wir auch weder Gehirne noch Sinnesorgane voraussetzen. Das sind Objekte, und wir haben noch keine Ahnung, worin diese bestehen und wie sie zustandekommen; dann können wir aber auch nicht sinnvoll darüber sprechen oder sie gar zum Erklären benutzen.

Geist und Sinne stellen keine Objekte, sondern subjektive Vermögen dar – unter anderem auch zur Bildung von Objekten. Fehlten jene gäbe es auch diese nicht – und damit weder Gehirne noch Sinnesorgane; ohne Seiende sind sie nur sekundär oder abgeleitet.