1.5.8. „Wort Gottes“

„Viele Christen verstehen die Bibel in einem engeren Sinne als das Wort Gottes. Wenn ich Sie recht verstehe, ist das aber ausgeschlossen, denn auch dort können – wie in jeder Schrift – nur menschliche Wissungen aufgezeichnet sein.“

Dem stimme ich 100%-ig zu und bin mir auch sehr sicher, daß die allermeisten denkenden Theologen das heute so sehen.

 

Gott hat sich uns selbst geschenkt und nicht (nur) irgendetwas mitgeteilt, das Menschen dann – mehr oder weniger wörtlich – als Bibel aufgeschrieben haben. Bei sehr vielen Stellen insbesondere im Alten Testatment wäre es mir ehrlich gesagt auch höchst unangenehm, wenn das von Gott stammen sollte; Rache, Totschlag, Frevel, Zorn, Eifersucht . . .

Letztlich so normal wie die heutige Physik entstanden ist, müssen wir uns das meines Erachtens auch bei der Bibel vorstellen. Es geht hierbei lediglich um viel Wichtigeres; nicht um irgendwelche Dinge, sondern um uns selbst und unser Leben.

Im Verlaufe der Geschichte Israels haben die Menschen versucht, ihre entscheidenden Erfahrungen mit dem Leben, mit Liebe, Leid und Tod, Sehnsucht oder Erfüllung zu reflektieren. Über Jahrhunderte hinweg haben sie ihre Überlegungen weitererzählt, später auch aufgeschrieben, sich widersprochen, korrigiert, gestrichen oder erneut aufgenommen und erweitert.

So ist im Laufe der Zeit eine Ideensammlung entstanden, der man ihre wechselvolle Genese ansieht. Es handelt sich hierbei also nicht um einen festen widerspruchsfreien Kanon, sondern um ein Zeugnis für das menschliche Ringen um eine adäquate Vorstellung vom Dies- und Jenseits.

Die Bibel ist nicht Gottes letztes Wort; vielmehr gibt sie den Staus quo menschlichen Reflektierens vor 2000 Jahren wieder, und letzteres setzt sich zum Glück seitdem – als Theologie oder auch mit unseren Überlegungen hier – fort.

 

Schauen Sie sich als Paradebeispiele hierfür das Buch Hiob oder den Propheten Amos an und beachten Sie einfach, daß JHWH ursprünglich nur der Gott von ein paar unbedeutenden Nomaden war, die kaum ein Leben nach dem Tod kannten.

Nicht zuletzt die Erfahrungen der Menschen im Umfeld des Juden Jesus von Nazareth führten nochmals zu einem gewaltigen Umdenken – zumindest bei einem sehr kleinen Teil der Israeliten:

„Ob die Gottes-Vorstellung, die sich bei uns bisher herausgebildet hat, vielleicht doch auf alle Menschen bezogen werden muß?“ „Wir sehnen uns unter der Römischen Besatzung nach Gerechtigkeit; die gibt es aber nicht ohne ein Leben nach dem Tod.“ „Dieser Jesus sagt eigentlich das, was wir alle erhoffen; wenn man ihm nur glauben könnte . . .“ „Eigentlich zu schön, um wahr zu sein!“

„Probieren wir einfach einmal, ob unser Leben mit dieser Gottes-Vorstellung – wenn wir sie denn glauben können – erfüllter und lebenswerter wird.“

 

Daß ich hier nicht zu profan denke, zeigt sich an Jesus selbst, wenn wir die Geschichte in Mt 15, 21 – 28 ernstnehmen dürfen:

Eine Nicht-Jüdin bittet Jesus, ihrer kranken Tochter zu helfen. Er glaubt, nur zu den Juden gesandt zu sein, und seine Antwort ist mit „beleidigend“ sehr positiv charakterisiert: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen.“ Das ist aus heutiger Sicht unverschämt; Jesus braucht dringend Nachhilfeunterricht in Ethik, die fremde Frau erteilt ihm diesen, und Jesus erweist sich als überraschend schnell lernfähig.

Regina Groot Bramel schrieb hierzu anstelle Marias einen „Brief an ihren Sohn“, in dem es unter anderem heißt:

„. . . wo war die Erinnerung an deinen liebenden Vater, und wieso mußtest du mit Gottes Gnade geizen? . . . Zum Glück sind dir da die Augen aufgegangen, und du hast dich auf deine Herkunft und Kinderstube besonnen. Sonst wäre ich persönlich auf den Plan getreten; das kannst du glauben!“

 

„Ich verstehe; Ihr Gott ist eine wundervolle Projektion, die Sie sich nur allzugerne als Wirklichkeit wünschen würden.“

Natürlich ist er das auch; ich will nicht wahrhaben oder glauben müssen, daß die Erniedrigten dieser Erde einfach Pech gehabt und zur falschen Zeit am falschen Ort gelebt haben sollen.

Evidenterweise kann niemand wissen, ob es einen solchen Gott der Gerechtigkeit gibt; „‚Gott‘ stellt ein Sehnsuchts- oder Hoffnungswort dar“ (Magnus Striet).  Aber aus der Tatsache, daß er auch eine Projektion oder Wunschvorstellung ist, folgt doch nicht, daß er nur das sein kann und somit eine Illusion bleiben muß. Warum soll es gegen die Existenz Gottes sprechen, daß sie mit unserer Hoffnung übereinstimmt? Wenn er uns vergöttlichen will, müssen wir auf ihn hin angelegt sein.

Möchten Sie, daß Ihr Zug pünktlich ankommt, bedeutet dies doch auch nicht, daß er mit Sicherheit Verspätung hat. Es gibt die Erfüllung von Wünschen; natürlich wissen wir immer erst hinterher, ob sie in einem konkreten Fall eintritt.

 

„Ohne Gottes-Wissungen der Menschen könnte sich in der Geschichte kein ‚Wort Gottes‘ herausgebildet haben. Wir wissen aber gar nicht, ob Gott überhaupt existiert. Die Gottes-Wissungen sind also einerseits unbestreitbar notwendig, stellen aber andererseits – Ihren eigenen Worten zufolge – keinen Gottesbeweis dar.

Was erfahren wir  Menschen also in den sogenannten Gottes-Wissungen?“

Wir erfahren darin „nur“ unser subjektives Leben – aber in einer absoluten Geborgenheit oder voller Hoffnung, die von manchen Menschen als Gottes-Erfahrung interpretiert wird.