1.5.9. Das Bewußtsein und sein Außerhalb

Wir hatten oben den traditionellen Außen-Innen-Dualismus besprochen und angemerkt, daß sein Innen im Verlaufe der abendländischen Geschichte recht unterschiedliche Namen an- und Aufgaben übernommen hat.

Für uns ist dieser Dualismus indiskutabel; ohne das Außen der Welt und Gottes als einer Neben-Welt entfällt auch das Innen. Unser Bewußtsein stellt folglich keine erneute Namensänderung dar, sondern meint etwas völlig anderes; nämlich: 

Alles, was es in irgendeiner Form für uns gibt; das Bewußtsein ist das subjektive Ganze oder die persönliche Totalität. Es besteht im eigenen Leben mit der dazugehörigen Subjektivität sowie allen Ereignungen, insbesondere den Wissungen und Anschauungen.

 

Das Bewußtsein umfaßt also alles, was uns gegeben ist – das unverfügbare Leben –, sowie das, was wir daraus machen. Unsere Erinnerungen, Fakten, Pläne oder Witze gehören ebenso dazu wie jegliches Wohl- bzw. Unwohlfühlen, unser schlechtes Gewissen, jede Freude und Sympathie, alles Leiden oder Ängstigen. 

Zu allem, was sich außerhalb befindet, besitzen wir keinen Zugang; so ließe sich das Bewußtsein negativ definieren.

Und keine andere Subjektivität verfügt über einen Zugang zu meinem Bewußtsein.

Stehe ich zum Beispiel vor dem Eiffelturm und sage (etwas zu laut) „Oh, der Mittelpunkt von Frankreich“, so werde ich wohl sehr eigenwillig angeschaut und eventuell sogar abgeholt. Aber niemand, weder ein Geograph noch ein Psychologe oder Gehirnchirurg, kann begründeterweise anzweifeln, daß dies meine Sicht der Dinge darstellt.

 

„Sie behaupten also nicht, daß kein Außerhalb unseres Bewußtseins existiert, sondern lediglich, daß wir es prinzipiell nicht erreichen können?“

Richtig; wir wissen, daß sich zumindest der Ursprung im Außerhalb unseres Bewußtseins befinden muß. Aber wir können weder von diesem Außerhalb noch von seinem Übergang in das eigene Bewußtsein wissen, denn unsere Wissungen beginnen frühestens nach dem Übergang. Wir haben beispielsweise Wahrnehmungen, aber kennen nichts Wahrgenommenes; beim Lesen ergeben sich Ihnen Verstehungen – ohne Verstandenes.

Irgendwie verspüren wir scheinbar einen unbändigen Drang, das Außerhalb unseres Bewußtseins zu erreichen. Das würde jedenfalls verständlich machen, weshalb wir unsere Wissungen nur allzugerne mit Referenten versehen wollen.

 

„Mir fehlt ein bißchen das Verständnis für Ihre Logik. Sie erklären nicht, was das Bewußtsein ist und – Pardon – könnten es wohl auch nicht, legen aber Wert darauf, daß sich sämtliches Fühl-, Denk- oder Sagbare darin befindet. Was bringen Sie dann eigentlich hiermit zum Ausdruck?“

Mit dem Bewußtsein will ich lediglich deutlich darauf hinweisen, daß ausnahmslos alles uns Zugängliche subjektiv sein muß. Es ist uns zugänglich, weil es sich in unserem Bewußtsein befindet; deswegen kommt dieser Begriff in der Tradition nicht vor; sie versteht ihn gar nicht.

 

Beachten Sie bitte: Wir bestreiten die Existenz von Urbildern, anerkennen aber natürlich das Außerhalb des Bewußtseins; nur wissen können wir von letzterem nicht(s).

Wer davon ausgeht, das Außerhalb seines Bewußtseins auch nur im geringsten zu erkennen,

– verwickelt sich in den Widerspruch, Wissen von etwas zu beanspruchen, von dem er prinzipiell nicht(s) wissen kann, und

– macht damit dieses Außerhalb zu einer Hinterwelt:

„Es ist uns zwar nicht zugänglich, aber ich Pfiffikus kenne es trotzdem.“

Verrückt; niemand kann das verstehen oder hat es jemals verstanden, und dennoch denken fast alle Menschen in unserer Nähe so!

 

Letztlich entspricht unser Übergang vom traditionellen Denken zum metaphysischen Explikationismus einer „Kopernikanischen Wende“, die noch über diejenige von Kant hinausgeht. Haben Sie diesen „Seitenwechsel“ einmal bewältigt, werden Sie sich rückblickend wundern, wie Sie jemals anders – und so gutgläubig – denken konnten.

 

 

           Außen    
        traditionelles Denken
  Innen                                                                                   
     
  Abbilder der Seienden    
  „Ich Pfiffikus erkenne das!“    
  – Welt    
  – Gott    
  Seiende    

 

Abbildung 1.5.5.-1

 

 

            Außerhalb des Bewußtseins      
        metaphysischer Explikationismus
  Bewußtsein                                                                                                      
       
  – Leben
   
  wirklich    
       
  – Erkennungen
   
  unwirklich    
  ?    
  – Ursprung    
  –  . . . . . . . .
   

 

Abbildung 1.5.5.-2

 

Ich weiß, daß alle Vergleiche hinken, aber mitunter ist ein schlechtes Beispiel viellleicht doch besser als gar keines.

Manche von uns denken vielleicht, und wir alle können uns wohl vorstellen, es gäbe ein Reich der Zahlen im Außerhalb des Bewußtseins. Irgendwelche pfiffigen Mathematiker müßten trotzdem Wege gefunden haben, damit wir von diesen Zahlen wissen können. Dann wäre das „von“ angebracht; die Zahlen würden die Referenten oder das Wovon unserer diesbezüglichen Wissungen bilden. Letztere befinden sich im Bewußtsein, aber die Zahlen selbst nicht.

Bekommen wir etwas über sie erzählt, könnte es theoretisch bei der Vorstellung bleiben, die Zahlen befänden sich in einem eigenen Reich außerhalb unseres Bewußtseins und wir sprächen lediglich darüber. Aber wenn wir selbst rechnen, überlegen und beweisen, spüren wir förmlich, daß wir unmittelbar mit den Zahlen selbst umgehen und sie sich folglich in unserem Bewußtsein befinden müssen.   

 

Was bei Zahlen wohl recht gut nachvollziehbar ist, gilt meines Erachtens ganz allgemein:

Wir wissen nicht von den Zahlen, sondern die Zahlen bilden selbst sowohl die Wissungen als auch das Gewußte.

Wir wissen nicht von den Planeten, sondern die Planeten bildet selbst sowohl die Wissungen als auch das Gewußte. Wir hatten oben bereits ausgeführt, daß die Materie-Wissungen die Materie sind.

Der Glaube, die Wissungen vom Gewußten unterscheiden zu können oder gar zu müssen, ergibt sich relativ zwingend aus dem traditionellen Denken, das davon ausgeht, bei den angeblichen Seinden zu beginnen. Dann bilden letztere anfangs natürlich das Ungewußte, das durch unsere Wissungen nach und nach zum Gewußten wird

Ohne die Seienden fällt das Gewußte nicht weg, sondern mit den – eo ipso gewußten – Wissungen zusammen.