1.5.7. Gott und die Welt

„Ich verstehe; wir treten – anschaulich gesprochen – alle von vorn an die Wissungen heran, während die Tradition irrtümlich glaubt, von hinten zu kommen. Es sind unsere Wissungen und keine der Seienden; sämtliche Referenten – als Wovon der Wissungen – entfallen.

Dann können jedoch weder die Gläubigen von einem wirklichen Gott noch die Physiker über die Materie an sich sprechen; sie haben alle nur ihre subjektiven Wissungen ohne Referenten und jonglieren mit ihnen herum.“

Diese Konsequenz ergibt sich in der Tat, und ich stehe auch voll dazu.

 

Über „Gott und die Welt“ reden wir nicht nur häufig in einem Atemzug, sondern sie werden traditionell zumeist auch nach exakt dem gleichen Schema gedacht, nämlich als objektiv-real. Es gibt Gott ebenso an sich wie die Welt oder beide sind „einfach vorhanden“. Das muß die Frage provozieren, worin sie sich eigentlich unterscheiden.

Beispielsweise darin, daß „Gott die Welt geschaffen hat“ geht völlig daneben, weil diese Antwort drei unverständliche Worte enthält.

Meines Erachtens unterscheiden sich Gott und die Welt bei einem solchen Denken gar nicht; Gott wird letztlich zu einer Nebenwelt – was man vorsichtshalber nicht ausspricht – und in dieser Nicht-Funktion mehr als überflüssig. Warum soll unsere Welt nicht ohne Nebenwelt bestehen können? Nahezu zwingend müssen denkende Menschen einen solchen Gott ablehnen.

 

Traditionell liegt die folgende Vierteilung vor:

(1) Die Wirklichkeit, die in der Welt und für Gläubige zusätzlich noch in Gott besteht

(2) Wahre Wissungen als adäquate Abbildungen dieser Wirklichkeit

(3) Unrichtige Wissungen, das heißt, inadäquate Abbildungen oder Phantasieprodukte

(4) Noch ausstehende oder „ungewußte“ Wissungen

 

Daß (1) bei uns entfällt, brauchte ich eigentlich nicht mehr zu erwähnen. Aber drei weitere Unterschiede gegenüber unserem Ansatz müssen wir uns verdeutlichen, um nicht unnötig sehr einfache Denkfehler zu begehen.

Zunächst besteht zwischen (2) und (3) kein Unterschied (mehr).

Des weiteren existiert bei uns kein Pendant zu (4); noch ausstehende oder „ungewußte“ Wissungen ohne Referenten sind unbegrenzt und entsprechen damit einem sinnleeren „Alles“. 

Schließlich haben wir bisher nur davon gesprochen, daß für uns keine Welt existiert. Es wäre aber mehr als inkonsequent, den traditionellen – völlig analog zur Welt einfach als vorhanden geglaubten – Gott beibehalten zu wollen. Sie schweben beide über dem Nichts, denn weder bloße Worte noch einstudierte Denkschablonen können etwas begründen; Seiende sind Seiende – da hilft auch kein „analoges Denken“.

 

Heideggers Seinsfrage ist, mit anderen Worten, ebenso auf den traditionellen Gott bezogen wie auf die Welt. Unsere Antwort besteht zwar wieder in Gott, aber er hat die Seiten gewechselt.

„Gut atheistisch“ leugnen wir also den objektiv-real vorhandenen Gott, denn „einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Dietrich Bonhoeffer) – genausowenig wie eine Welt, die es gibt.   

 

Nach diesem  Vorspann können wir endlich auf Ihre Frage vom Beginn des Abschnitts zurückkommen.

Es gibt weder eine objektiv-reale Materie noch einen solchen Gott.

Natürlich verfügen wir über Materie-Wissungen; aber das sind keine Wissungen von der Materie, sondern die Wissungen bilden selbst die Materie; es sind Wissungen namens „Materie“.

Es versteht sich zwar von selbst; aber der Deutlichkeit sei wiederholt:

Natürlich verfügen wir über Gottes-Wissungen; aber das sind keine Wissungen von Gott, sondern die Wissungen bilden selbst Gott; es sind Wissungen namens „Gott“.

 

So wie Wissungen die Materie sind, können sie auch Gott sein. Bei der Materie existieren nur die Wissungen, und es gibt gar keine zweite – aber zwei „Götter“, weil der wahre Gott selbst die Wirklichkeit bildet.

Neben ihm bestehen also noch die verschiedensten Gottes-Wissungen, die mit den Weltbildern variieren und gewiß ebenso gewaltig wie diese. Damit versteht es sich von selbst, daß die meisten Gottes-Wissungen keine adäquaten Bilder vom wahren Gott sein können.

Das traditionelle „natürlich nicht – aber meine Wissungen“ kennen wir zur Genüge und betrifft das Gottes-Bild ebenso wie das Weltbild.

Würden wir auf diese Egozentrik verzichten und sagen, daß natürlich auch unsere Gottes-Wissungen den wahren Gott nicht treffen, – so wäre das falsch:

Wir müssen gar nicht „lieb“ sein, denn prinzipiell können sich keine Wissungen auf Gott beziehen, weil er die Seiten gewechselt hat; sie gehen von ihm aus und bewegen sich nicht auf ihn zu.

 

Spätestens jetzt sollten sowohl unsere Transzendentalien als auch die Wahrnehmungen gut verständlich werden.

Ohne Seiende können die Wissungen keine Referenten besitzen – hatten wir zwar schon mehrfach gesagt, bleibt auch richtig, war bisher aber vielleicht nicht ganz zwingend. Um das nachzubessern, schauen wir uns alle denkbaren Varianten an und beginnen mit den Wissungen von Wissungen:

Vorstellungen von Vorstellungen sind auch nur Vorstellungen.

Für Vorstellungen von Wahrnehmungen gilt das Entsprechende.

Wahrnehmungen von Wissungen scheiden aus; wir verstehen gar nicht, was das sein könnte.

 

Verbleiben noch die „Wissungen von Nicht-Wissungen“.

Das betrifft  sowohl die Transzendenz oder Wirklichkeit als auch die Anschauungen. Warum sollen wir von ihnen keine Wissungen haben können?

Weil die Wissungen ihre Referenten nur dann darstellen, (im mathematischen Sinne) abbilden oder wiedergeben können, wenn beide Seiten die gleiche Struktur besitzen. Das ist natürlich bei Wissungen von Wissungen der Fall – aber keineswegs bei solchen von Nicht-Wissungen: 

Die Transzendenz oder Wirklichkeit ist kontinuierlich, während Wissungen diskret sind. Das „paßt“ nicht, weil sich dazwischen keine Zuordnungen herstellen lassen: hier ist der Fluß und dort sind einzelne Punkte.

Nahezu exakt die gleiche Begründung gilt auch bei den Anschauungen. Sie sind zwar diskret – wir unterscheiden die Anschauungen A, B, C . . . voneinander –, aber jede einzelne von ihnen bildet für sich ein Kontinuum; aus dem einen Fluß von soeben sind einzelne Eisschollen geworden.

 

Nun können wir wohl zusammenfassen.

1.    Wissungen besitzen niemals Referenten.

2.   Bei Vorstellungen von Wissungen bleiben völlig problemlos die – ganz normalen – Vorstellungen bestehen, und Wahrnehmungen von Wissungen gibt es nicht.

3.    Die Wissungen von Nicht-Wissungen ersetzen wir durch zwei Komponenten, die nichts miteinander zu tun haben.

3.1. Die ungeanderte Nicht-Wissung selbst.

3.2. Ein Begriff unseres Weltbilds, der bei unseren geistigen Operationen die Nicht-Wissung vertritt oder ersetzt.

4.     Dieser Ersatz ist notwendig, weil keine Nicht-Wissung diese Funktion übernehmen kann.

5.     Aber auch daraus resultiert kein Zusammenhang zwischen der Nicht-Wissung und ihrem Ersatz.

Natürlich können wir beispielsweise sagen, wir hätten eine Vorstellung vom Leben; aber weshalb soll sie  – nur weil wir sie „Vorstellung vom Leben“ nennen – eine Vorstellung vom Leben sein? Hat unsere Vorstellung von Gott etwas mit Gott zu tun?