1.5.5. Weltbild als Einheit der Erkennungen

Wir hatten den Begriff des Weltbilds oben bereits benötigt, konnten ihn aber bisher nicht sauber definieren; das ist nun möglich.

Erkennungen setzen sich einerseits, rein summarisch, aus den Anschauungen und Wissungen – Wahrnehmungen und Vorstellungen – zusammen. Sie sind alle diskret, die Anschauungen be- und die Wissungen gewußt.

Andererseits können wir sämtliche Erkennungen überlappungsfrei aus Anschauungen, Begriffen und Ausmalungen bilden:

– Anschauungen  

– Vorstellungen als Einheit von Begriff und Ausmalung

– Wahrnehmungen als auf den Begriff gebrachte oder begrifflich interpretierte Anschauungen 

 

Das Weltbild besteht in der Einheit unserer Erkennungen.

Damit ist in zweierlei Hinsicht klar, daß das Weltbild nur unbewußt sein kann.

Zum einen läßt es sich als Horizont im Sinne einer Ermöglichung unserer Erkennungen verstehen. Dieser äußerste Rahmen aller Erkennungen kann nicht nochmals ermöglicht und damit auch nicht be- oder gewußt sein.

Zum anderen ist wohl noch leichter verständlich, daß  uns das Weltbild als Einheit aller Erkennungen  niemals gegeben sein kann. Jede einzelne von ihnen können wir möglicherweise aktualisieren, aber weder alle zugleich noch ihre Einheit.

 

Was bedeutet letztere überhaupt? Worin besteht die Einheit unserer Erkennungen?

Bei den Begriffen könnten wir diese Fragen beantworten; sie  bilden eine integrale Einheit, in der letztlich jeder Begriff mit jedem anderen zusammenhängt. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, daß wir erfragte Begriffe nur mittels anderer – hoffentlich verständlicherer – Begriffe erklären können.

Ihre Ausmalungen bilden natürlich keinen solchen Zusammenhang; der Begriff des Tisches hängt von dem des Stuhles ab, aber diese Verbindung üerträgt sich nicht notwendigerweise auf die Ausmalungen.

Allerdings auf die Vorstellungen, da sie in der Einheit von Begriff und Ausmalung bestehen.

 

Theoretisch sind unserer Phantasie bei den Ausmalungen keinerlei Grenzen gesetzt, aber praktisch werden sie sehr stark von den unbestreitbaren eigenen Anschauungen abhängen. Wir können uns beispielsweise Pferde natürlich auch blau ausmalen, tun das jedoch zumeist nicht – und schon gar nicht in unserem Weltbild.

Es ist kein Bild von einer Welt, aber ein solches, an dem wir uns orientieren müssen – denn wir haben gegenwärtig kein anderes –, als wäre es ein Bild von der Welt.

 

Der letzte Gedanke sollte Ihnen ein wenig helfen, wenn Sie unserem Streichen der Welt immer noch skeptisch gegenüberstehen:

Wir teilen mit der Tradition die Überzeugung, gegenwärtig gar nichts Besseres tun zu können, als so zu leben, wie wenn es die Welt gäbe, von der unser Weltbild angeblich eine Repräsentation sein soll.

Aber in Wirklichkeit existiert sie nicht; deswegen war das  „gegenwärtig“ soeben wichtig.

Die Welt wäre auch zukünftig die gleiche; ohne sie kann jedoch alles anders werden, so daß sich aus dem gegenwärtigen Weltbild zwar verbindliche Orientierungen für die Gegenwart, aber nicht für die Zukunft ergeben.

 

„Das verstehe ich; mich irritiert jedoch, daß Sie die Anschauungen mit in das Weltbild hineinnehmen. Sie sind sinnlich; intuitiv hätte ich jedoch gesagt, das Weltbild müsse rein geistig sein und somit in einer Gesamtheit der Vorstellungen allein bestehen.“

Um Ihnen antworten zu können, muß ich ein wenig vorgreifen.

 

Ihre Intuition scheint mir richtig zu sein, und ich wollte ihr auch fast nicht widersprochen haben – denn „es gibt so gut wie keine Anschaungen“. Sie sind „zeitlich“ an das Jetzt gebunden, und unabhängig davon, ob wir das nun als ausdehnungslosen Punkt – zwischen dem Früher und Später – oder etwas weniger mathematisch verstehen:

Das Jetzt ist sehr kurz und enthält deswegen so gut wie keine Anschaungen.

Sie sind unbestreitbar, aber wir halten sehr vieles für unbestreitbar – insbesondere kurz bevorstehende Erwartungen und gerade verflossene Erinnerungen –, was offensichtlich nicht in sinnlichen Anschauungen besteht.

Deswegen haben Sie theoretisch wohl Recht; mein Vorgehen ist vielleicht nicht ganz sauber, aber es ermöglicht uns einfachere Formulierungen, wenn die Anschauungen im Weltbild enthalten sind, so daß wir nicht an verschiedenen Stellen ergänzen müssen „. . . und die jetzigen Anschauungen . . .“.

Daß unser Weltbild rein geistig ist, behalten wir – bei dem minimalen Fehler – dennoch bei.