1.5.4. Namen der Anschauungen

Mein Lieblingsbeispiel in diesem Zusammenhang bildet das konturlose Helle am wolkenlosen Mittagshimmel; das ist eine unbestreitbare blinde Anschauung. Ihre Blindheit verschwindet, wenn wir die Anschauung auf den Begriff bringen und damit zu einer Wahrnehmung machen.

Aber das ist sehr unterschiedlich möglich; in unserem Weltbild wird das konturlose Helle zur Sonne, und bei demjenigen der alten Ägypter zum Gott Re.

Jetzt verstehen wir gewiß, wieso sich die Unbestreitbarkeit der Wahrnehmungen nur auf ihr Daß bezieht; das Was ist auf verschiedenste Weise möglich und sehr wohl bestreitbar.

 

Einen Fehler habe ich soeben des besseren Verständnisses wegen kurz inkauf genommen:

„Das konturlose Helle am wolkenlosen Mittagshimmel“ bezeichnet natürlich keine Anschauung – die läßt sich nicht bezeichnen –, sondern das konturlose Helle am wolkenlosen Mittagshimmel.

Anschauungen sind sprachlich unerreichbar und gehören deswegen auch nicht – vielleicht als „Anschauungen“ analog zu den „Begriffen“ – unserem Weltbild an. Allein dadurch wird es (konsistent) denkbar, daß letzteres die Anschauungen auf den Begriff bringt und zu Wahrnehmungen macht.

 

Wir erkennen gemeinsam mit vielen Tieren die sinnlichen Anschauungen und benamen sie; „Moritz“ ist zum Beispiel der Name der Moritz-Anschauung.

Namen sind absolut inhaltsleer; wenn sie Anschauungen benamen, dürfen sie auch nichts sagen, denn Anschauungen besitzen keinerlei geistige Bestimmungen; zum Beispiel ist die Moritz-Anschauung kein Junge – und auch kein anderes Etwas.

 

„Das gefällt mir nicht; mein Fiffi steht fast täglich am Zaun, erwartet mich und freut sich, daß ich nach Hause komme, obwohl er nicht weiß, daß und wann ich arbeite.“

Ich glaube, daß wir beide richtig liegen.

Ihr Beispiel ist ebensowenig bestreitbar wie eine Unmenge anderer.

Aber um das zugeben zu können, muß ich meines Erachtens nichts zurücknehmen. Es gibt nicht nur so einfache Raum-Anschauungen wie Pünktchen, sondern auch Zeit-Anschauungen, die freilich weniger plastisch sind. Die Musik bildet sicher ein Paradebeispiel dafür, und der Tanz ist eine Raum-Zeit-Anschauung.

Wenn ich das so richtig sehe, freut sich Ihr Fiffi regelmäßig auf sie, und wir können trotzdem dabei bleiben, nichts von Anschauungen zu wissen, weil sie rein sinnlich sind. Erinnern Sie sich bitte daran, was wir oben von dem Hasso gesagt haben, der seinen Garten durchstreift:

Dabei tut sich ihm die Umwelt erst auf, weil sie eine Raum-Zeit-Gestalt bildet und nicht – wie bei uns – als „Raum“-„Zeit“-Modell oder Regallager fertig vor ihm steht.

 

Fromme Christen berichten mitunter, ihnen wäre zum Beispiel Maria erschienen; in Medjugorje vielleicht. Ein gläubiger Hindu würde bei der „gleichen“ Erscheinung möglicherweise von Ganga sprechen; beide mit dem übereinstimmenden „Argument“: „Wer soll es denn sonst gewesen sein?“

Das ist nicht nur kein Argument, sondern ich verstehe auch nicht, wie Maria erscheinen könnte:

1. Es gibt für uns keine Seienden, so daß Maria kein Urbild sein kann.

2. Subjektivitäten erscheinen nicht, denn sie sind weder geistig noch sinnlich. 

3. „Maria“ kann unmöglich der Name einer wiedererkannten Anschauung sein, weil uns die originale Anschaung unbekannt ist. „Das ist Moritz“ kann auch niemand sagen, der ihn noch nie gesehen hat.

4. Damit scheidet auch die Wahrnehmung Maria aus.

5. Folglich bleiben nur Vorstellungen, aber die dürfte man kaum als Erscheinungen interpretieren.

 

„Wenn wir ganz normal im Alltag sagen ‚Das ist Moritz‘, worauf beziehen wir uns dann eigentlich?“

Unbedingt auf die Anschauung, denn sie stellt das dar, was wir wiedererkennen.

Aber reine Anschauungen sind uns kaum möglich; wir bringen sie praktisch immer auf den Begriff und gelangen damit zu Wahrnehmungen. Wir können Moritz kaum wiedererkennen, ohne auch zu sehen, daß es (wahrscheinlich) ein Junge ist.

Die Tradition glaubt zudem, daß Moritz auch ein Subjekt darstellt.

Wir haben letzteres durch die Subjektivität ersetzt; nicht zuletzt, weil die traditionelle Frage, hinter welchen Anschauungen sich ein solches Mehr befindet, bei uns entfällt, wie aber erst später deutlich werden kann.