1.5.3. Es helfen fast nur Placebos

„Ihrer Theorie zufolge können wir sämtliche Anschauungen auf jeden Begriff bringen, das heißt, zu x-beliebigen Wahrnehmungen machen?“

So krass hätte ich das natürlich niemals formuliert; aber im Prinzip haben Sie schon Recht.

 

Durch die fehlenden Urbilder gibt es in „meiner Theorie“ tatsächlich keinen gegenwärtigen Irrtum; wir sagen, tun oder empfinden das, wovon wir überzeugt sind. Glauben wir fest, Schokolade zu essen, dann essen wir Schokolade.

Hält uns jemand aufgeregt entgegen, daß es sich in Wirklichkeit um Cyanide handelt, dann drückt er sich traditionell aus, kann  damit aber auch nur meinen, daß die Anschauungen, die wir auf den Begriff Schokolade gebracht haben, bei ihm zu der Wahrnehmung Cyanide führten.

„Und wer Recht hat, erkennen wir in Kürze an Ihrer mehr oder weniger intensiven Lebendigkeit?“

 

Nein; aus zwei Gründen stimmt das nicht.

Zum einen weil es beim Auf-den-Begriff-Bringen von Anschaungen kein „wahr“ oder „falsch“ gibt. Wir gelangen zu Wahrnehmungen, und diese bilden im Rahmen unseres Weltbilds den Ausgangspunkt für weitere Entscheidungen, so daß unser Anschauen-als lediglich erfolgreich bzw. erfolglos, effektiv oder ungeschickt und ähnliches sein kann.

Zum anderen ist Ihr Schluß sogar logisch unhaltbar; sterbe ich, so beweist dies ebensowenig, daß es Cyanide waren, wie mir mein Überleben die Schokolade bestätigt.

 

Um dies einzusehen müssen wir uns nur verdeutlichen, daß Implikationen der Form p → q nicht umkehrbar sind, das heißt, daß aus ihnen kein q → p folgt.

Wenn es regnet, ist die Straße naß.

Die Straße ist naß, aber deswegen muß es keinesfalls geregnet haben; Schneeschmelze, Sprühwagen oder Wasserrohrbruch wären weitere Erklärungsmöglichkeiten.

Ich bin tot, aber deswegen müssen es keinesfalls Cyanide gewesen sein.

Ich lebe, aber deswegen muß es keinesfalls Schokolade gewesen sein.

 

Wenn ein Dürstender in der Wüste Wasser sieht, täuscht er sich keineswegs, denn es fehlt jeglicher Maßstab, um dies feststellen zu können.

Aus seinem Weltbild folgt, daß er das trinken und damit sein Leben retten kann.

Also versucht er wie selbstverständlich, das Wasser zu trinken.

Mißlingt ihm das, besteht darin eine neue Erfahrung, anhand derer er im Nachhinein erkennt, daß es sich zuvor um eine Fata Morgana gehandelt haben muß; Fehler gibt es lediglich rückblickend.

Nur der Nous hätte ihm das schon beim ersten Anblick des Wassers mitteilen können; ohne ihn ist ein gegenwärtiger Irrtum in unserem Ansatz immer ein Widerspruch in sich; nur nachträglich kann eine Wahrnehmung korrigiert werden durch eine andere Wahrnehmung im Zusammenspiel mit dem Weltbild.

 

„Und damit läßt sich sogar die Wirkung von Placebos erklären:

Sie bringen Mehlbrei auf den Begriff 〉hochwirksames Medikament〈 – und schon wirkt er und Ihre Atemnot legt sich.“

Nein; hierin sind zwei Fehler enthalten.

 

Mit dem ersten haben Sie unabsichtlich verraten, Placebos eher abzulehnen. Wir bringen natürlich keinen Mehlbrei auf den Begriff, sondern diejenige Anschauung, die Sie ebenso willkürlich auf den Begriff Mehlbrei bringen

Genau so gehen Schulmediziner vor, die gegen Placebos, Homöopathie oder ähnliches wettern möchten. Sie bringen die zur Diskussion stehende Anschauung auf einen Begriff, der ihr definitives Nicht-Wirken dem gemeinhin geteilten Weltbild zufolge bereits beinhaltet, um dann glasklar zu schlußfolgern, daß soetwas doch unmöglich wirken könne.

Damit haben sie Recht; das liegt aber nicht an der unschuldigen Anschauung, sondern an der von Ihnen gewählten Begrifflichkeit, die derjenigen der Placebo- bzw. Homöopathie-Gläubigen diametral widerspricht. 

 

Ihr zweiter Fehler entspricht dem „und schon wirkt er“; das tut er ja mitunter auch nicht, wie wir zuvor bei dem Durstenden gesehen hatten.  

Das heißt, es gibt für uns kein anything goes; wir schließen die Frage nach richtig oder unrichtig nicht aus, sondern verschieben sie lediglich.

Traditionell besteht das Entscheidungs-Kriterium in der angezielten Übereinstimmung zwischen Ur- und Abbild. Es ist Mehlbrei bzw. ein so stark verdünnter Stoff, daß er überhaupt nicht wirken kann.

Beides ist bei uns ausgeschlossen, so daß wir konsequenzialistischer denken „müssen“:

Was das wirklich war, kann nur die Tradition fragen; für uns ist es ein Scheinproblem. Mehr als daß die Wahrnehmung, die wir aus der Anschauung gemacht haben, hilft, ist doch gar nicht möglich, und sehr vieles, was hilft, sind somit Placebos.

 

„Das klingt zwar sehr unorthodox, ist in Ihrem Sinne aber natürlich richtig:

Wenn die Anschauung hilft, dann häufig weil wir sie als eine bestimmte Wahrnehmung in unserem Weltbild geglaubt haben.

Gibt es aber so viele Placebos, irritiert mich ein wenig, daß sie – weil an ein Weltbild gebunden – für Babys und Tiere total entfallen müssen.“

Das wäre in der Tat eigenwillig, ist aber zum Glück nicht so; es sind auch Placebo-Effekte bei Tieren möglich; ein sehr schönes Beispiel verdanke ich Bernd Hontschik.

 

Ein Pawlowscher Hund hört regelmäßig eine Glocke und bekommt im Anschluß daran stets ein blutdrucksenkendes Mittel gespritzt. Nachdem er das verinnerlicht hat, wird mit exakt dem gleichen Procedere Adrenalin gspritzt, das den Blutdruck ganz unmittelbar enorm erhöhen kann.

Tut es in diesem Fall aber nicht; der Hund wird müde wie immer, weil er irgendwie und ganz ohne Weltbild gelernt hat, daß Glocke, Spritze sowie fallender Blutdruck zusammengehören.

 

Auf der Grundlage unserer Überlegungen läßt sich das wohl schwerlich erklären, aber wir haben sie auch etwas vereinfacht bzw. einseitig dargestellt:

Anschauungen können nicht nur auf den Begriff, sondern auch auf die Gestalt gebracht werden. Damit meine ich zum Beispiel die Wahrnehmung eies Schafes, das zum ersten Mal in seinem Leben einen Wolf sieht; ganz ohne Weltbild, aber mit Welt-Gestalten erschrickt es über alle Maßen.