1.5. Zur Situation der römisch-katholischen Kirche

Nicht der Glaube befindet sich meines Erachtens in einer tiefen Krise oder mehr als bedenklichen Situation, sehr wohl aber die römisch-katholische Kirche in ihrer tradierten Form. Kann sie letztere nicht möglichst schnell überwinden, drohen ihr – mit Recht und ohne, daß ich dies bedauern würde – der Verlust jeglicher gesellschaftlichen Relevanz sowie ein sektiererisches Dasein. Ein „Heiliger Rest“ an „Rechtgläubigen“ wird natürlich – wie bei jeder anderen Institution auch – stets übrigbleiben und sich großartig, treu und tapfer finden. 

 

Das Grundproblem sehe ich in dem Anspruch, mit dem depositum fidei (Glaubensschatz) durch die Offenbarung Gottes in Christus eine absolute Wahrheit anvertraut bekommen zu haben, die es gilt, bis zu seiner Wiederkunft identisch zu bewahren und unfehlbar auszulegen. Auf dieser Annahme gründet nicht nur das Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche als societas perfecta, sondern sie bildet auch die Grundlage ihrer Dogmatik sowie des Priesterbildes und degradiert alle Christen zu Nachlassverwaltern.

Wäre das mit der absoluten Wahrheit tatsächlich so, würden die Traditionalisten oder Konservativen natürlich alles richtig sehen und ich könnte mich für meine vorlauten Äußerungen im ersten Absatz soeben nur entschuldigen.

Das tue und brauche ich aber nicht, denn daß eine Aussage wahr – oder gar absolut wahr – sein soll, müßten ihre Vertreter zumindest seit der Moderne irgendwie aufweisen.

 

In der Vergangenheit ging das möglicherweise recht einfach durch ein bißchen Geistesakrobatik. Noch in den 80-er Jahren sagte ein renommierter Theologie-Professor zu mir: „Keiner glaubt, daß Uhren ohne Uhrmacher entstehen könnten; aber bei dieser tollen Schöpfung bezweifeln heutzutage viele Menschen die Notwendigkeit  eines Schöpfers.“

Natürlich war das ein bißchen naiv; aber das eigentliche Problem liegt tiefer:

Um sinnvoll miteinander argumentieren zu können, benötigen wir eine gemeinsame geistige Basis; andernfalls nimmt das Rückfragen kein Ende. Ein solcher Ausgangspunkt war in der Vormoderne stets gegeben, denn es existierte die eine Wirklichkeit für alle.

Die Moderne bildet dagegen „die Zeit der Weltbilder“ (Heidegger); es gibt sie keineswegs schon „immer“, wie wir vielleicht dachten.   

 

Damit ist die für ein fruchtbares Gespräch notwendige Basis nun nicht mehr selbstverständlich; die theoretische Wahrheit wird weltbildabhängig und damit der christliche „Glaube zu einer Option“ (Hans Joas) neben vielen anderen. 

Warum sollten die Menschen der Moderne gerade in die römisch-katholische Kirche kommen? Was spricht noch für sie – insbesondere bei der gegenwärtigen Außendarstellung?

Die Kirche muß ungekehrt zu den Menschen gehen und – nicht werben, aber – überzeugen, daß ausgerechnet sie den besten Weg zur Fülle des Lebens haben soll.

 

Die traditionelle Argumentaion läuft diesbezüglich stets darauf hinaus, daß Gott selbst die absolute  Wahrheit ist und damit auch seine Botschaft prinzipiell durch nichts infrage gestellt und von niemandem guten Gewissens angezweifelt werden kann; all das wäre schlimmste Hybris (Gotteslästerung).

Aber daß das, was die Kirche vertritt, tatsächlich der Botschaft Gottes entspricht, muß man natürlich glauben – oder tut es eben auch nicht (mehr).

Die Kirche „beweist“ die „Wahrheit“ ihrer Lehre damit, daß Christus Gott sei und der Kirche das offenbart habe, das heißt, mit ihrer eigenen Lehre von Christus. Zum einen enthält diese Unlogik natürlich einen Zirkelschluß, und zum anderen läßt sie sich völlig analog und problemlos auf alle anderen Religionen übertragen. (Paul Weß setzt sich sowohl verständlich als auch umfangreich mit dieser Problematik auseinander.) 

   

Wenn eine theoretische Hinführung zu Gott seit der Moderne kaum noch möglich ist, die Kirche heutzutage aber überzeugen muß – wie soll sie das denn machen?

Zwei Punkte scheinen mir hierbei – wahrscheinlich neben vielen anderen – besonders wichtig zu sein:

 

1. Die Kirche ist keine Institution – weder eine Hierarchie der Priester noch ein Lehramt –, sondern der Leib Christi, der dem Zweiten Vatikanum zufolge aus dem „Priestertum aller Getauften“ (Luther) hervorgeht. 

Das bedeutet freilich, daß es auf mich persönlich ankommt; ich müßte versuchen, Christus – so ähnlich wie möglich – oder transparent für Gott zu werden, damit die Menschen auch durch mich hindurch die Liebe Gottes schauen können.

In dem Maße, wie mir das gelingt, könnten die Menschen heute durch mich Gott erfahren – wie dies vor 2000 Jahren bei Jesus möglich war.

 

2. Wir haben entsetzlich viele Theorien im Kopf, die uns den Weg zu einer Gotteserfahrung versperren, das heißt, die die Idee, das soeben Gesagte könne vielleicht sogar stimmen, gar nicht erst aufkommen lassen.

Das betrifft natürlich zum einen unsere Weltbilder.

Vielleicht sind sogar welche darunter, die sich mit meinem Verständnis von Glauben absolut nicht vereinbaren lassen; aber daß sehr viele der modern Weltbilder das Glauben zumindest massiv erschweren, dürfte unbestreitbar sein. Was soll ein überzeugter Materialist mit der Idee Gottes anfangen? Er braucht doch nicht einmal die Liebe oder das Leben, die sich seines Erachtens letztlich auf Hormone bzw. Autopoiese zurückführen lassen. 

 

Aber zum anderen finde ich es noch viel schlimmer, daß der Glaube kirchenintern als das Für-wahr-Halten von zum Teil geradezu absurden Geschichten und Behauptungen dargestellt wird:

Gott hat eine Welt geschaffen, Jesus war Gott und Maria Jungfrau, die Auferstehung von beiden geschah körperlich, Unfehlbahrkeit des Papstes, es gibt einen Teufel, Dreifaltigkeit; die Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen.

 

„Ich mußte dem Wissen Grenzen setzen, um für den Glauben Platz zu schaffen“ schrieb Kant in seiner Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft.

Das ist mehr als mißverständlich, läßt sich jedoch leicht geraderücken:

Wir müssen dem Scheinwissenauf beiden Seiten – Grenzen setzen, um für den Glauben Platz zu schaffen.

 

Dieses Ziel veranlaßte mich, das vorliegende Buch zu schreiben.

Letztlich will ich Ihnen zeigen, daß es überhaupt keine wahren Gedanken, Theorien, Paradigmen oder Weltbilder geben kann. Darin besteht meines Erachtens das wichtigste Ergebnis der Postmoderne; die Zeit der Weltbilder war nur kurz.

Das bedeutet aber keine Abschaffung der Wahrheit, sondern stellt uns vor die Aufgabe, sie nicht mehr als eine solche von der objektiven Welt und einem ebensolchen Gott, sondern als eine Wahrheit meines subjektiven Lebens zu denken.

 

Damit erübrigt sich auch das peinliche Gerede von einer angeblichen „Diktatur des Relativismus“ (Joseph Ratzinger), dessen penetrantes Nachplappern durch die „Rechtgläubigen“ Fremdschämen bewirkt:

Dieser Unbegriff setzt voraus,

– daß die Wahrheit die Form von Aussagen besitzt – was griechisch, aber ncht christlich ist –,

– und könnte höchstens von demjenigen erhoben werden, der sich nachweislich im Besitz der nicht-relativistischen Wahrheit befindet.

 

Ein zweites Schlagwort, das im engen Zusammenhang damit steht, ist die Anpassung.

Wer nur alte Worte wiederholt, denen kein Sitz im Leben mehr zukommt, paßt sich zwar nicht an, wird aber immer verschrobener und befindet sich auf dem Weg in eine Parallelgesellschaft; er geht nicht als Licht auf den Berg, sondern als Sonderling in den Keller.

Um gehört und verstanden werden zu können, dürfen wir kein Kirchenlatein, sondern müssen die Sprache unserer Zeit sprechen. Das hat absolut noch nichts  mit Anpassung zu tun, sondern ist erst die notwendige Voraussetzung dafür – freilich auch für Widerspruch.  

 

Daß meine an Holzschnitte oder eher noch Kettensägekunst erinnernde Darstellungsweise sinnvoll sein kann, versucht Heinzpeter Hempelmann ganz in meinem Sinne, aber in einem anderen Zusammenhang zu verdeutlichen:

„Ich rechne damit, daß dieser Text auf ebenso energischen, teilweise empörten Widerspruch stoßen wird wie auf dankbare Zustimmung. Möglicher Hauptangriffspunkt ist die notwendige flächige, weit ausgreifende und nicht um tausend Differenzierungen bemühte Darstellung, die auch als gewalttätig, unfair und ungerecht empfunden werden kann.

Der moderne Diskurs ist gekennzeichnet durch das Bemühen um Differenzierungen. So notwendig diese an ihrem Ort sind, so sehr kann der Diskurs eine im Endeffekt lähmende Wirkung entfalten. Schlicht formuliert: Man sieht  vor lauter Bäumen, Ästen und Zweigen den Wald nicht mehr.

Es fehlt das Gesamtbild, das letztlich handlungsleitend und zielgebend sein muß.

Mein Resultat ist ein Wucht-, aber kein Wut-Text; apodiktisch im Ton, ohne Ausreden und Schminke, sicherlich korrektur- und ergänzungsbedüftig, mindestens aber ein Versuch, verschiedene Gründe zu benennen, warum . . .“

. . . wir uns vom traditionellen Denken verabschieden sollten.

 

Speziell für die katholische Kirche konstatiert Thomas von Mitschke-Collande in seinem Buch „Schafft sich die katholische Kirche ab?“ eine Glaubens-, Vertrauens- und Führungskrise, eine Autoritäts-, Struktur- sowie Vermittlungskrise.

Wenn Mitschke-Collande damit Recht hat, würde das freilich erklären, weshalb wir trotz der „Probleme der Wohlstandsgesellschaft“ alles andere als einen Boom der Kirche erleben