1.6. Postmoderne

Ich stelle unsere Überlegungen ganz bewußt als postmoderne den traditionell ausgerichteten gegenüber. Versuchen wir in diesem Kapitel, beide Geisteshaltungen ein wenig zu charakterisieren.

Bei der Tradition gilt es zumindest zwei Punkte deutlich auseinanderzuhalten.

 

In weiteren Sinne fassen wir darin drei Phasen der abendländischen Geistesgeschichte zusammen, nämlich die Antike, das Mittelalter und die Moderne, wobei letztere zusammen mit der Postmoderne die Neuzeit bildet.

Die so verstandene Tradition vereint der feste Glaube an irgendeine – wie auch immer gestaltete – objektive Realität, die unabhängig von uns ist und der wir uns folglich unterzuordnen oder anzupassen haben

In der griechischen Antike war das der (nicht-physikalische) harmonische Kosmos, so daß die Philosophie im wesentlichen eine Kosmologie darstellte. Sie hatte mit der heutigen natürlich nahezu gar nichts gemein, so daß auch Schönheit oder Ästhetik, die Zahlenmystik der Pythagoräer und Platonische Ideen problemlos darin untergebracht werden konnten.

Das christliche Ära zwischen Antike und Mittelalter ging von Gott aus, der uns gemeinsam mit seiner Schöpfung vorgegeben ist; wir haben Gottes Willen zu folgen, aus dem dann später das Naturrecht hervorging. Die Philosophie wird im Kern zu Theologie und das teilweise so enggeführt, daß Heidegger sinnvoll von einer Onto-Theologie sprechen konnte.    

In der Moderne wird die Schöpfung zur Natur oder Materie, die Philosophie zur Anthropologie und die – sich nun erst daraus abspaltende – Wissenschaft weitgehend zum Materialismus, das heißt, zu der Annahme, die uns vorgegebene objektive Realität bestände letztlich aus Materie, so daß wir irgendwann ausnahmslos alles allein mittels der Physik und ihren Folgedisziplinen – wie Chemie, Biologie, Medizin oder Psychologie – verstehen werden.

Ein solches Denken bildet natürlich die ideale Basis für alle Totalitarismen jeglicher Couleur, weil die unsinnigsten Behauptungen möglich sind und von den systemtragenden „Experten“ gerechtfertigt werden können.

 

Die Tradition im engeren Sinnen besteht allein in der Moderne; nun wurde die objektive Realität so vielgestaltig, daß es notwendigerweise zu einer „Funktionalisierung der Gesellschaft“ (Niklas Luhmann) kam, das heißt, zu deren immer stärkeren Zerfall in getrennte Teilbereiche, die sich kaum noch etwas zu sagen haben; Sport, Wirtschaft, Vereinswesen, Bildung, Familie, Erziehung, Verwaltung, Juristerei, Freizeit, Religion, Wissenschaft usw.

An letzterer können wir uns diese Entwicklung besonders leicht verdeutlichen: Der zu untersuchende Bereich des uns angeblich Vorgegebenen wird für den Fachmann immer kleiner, und die sogenannte „Interdisziplinarität“ besteht zumeist nur darin, daß völlig disparate Artikel, deren Autoren sich kaum noch über ihre Forschungsrichtungen austauschen können, zwischen den gleichen Buchdeckeln zusammengebunden werden.

Noch im Mittelalter verhielt sich das ganz anders, weil das Leben sowohl des Einzelnen als auch der Gesellschaft weitestgehend durch den Glauben geprägt war. Das wird besonders am Jahres-Rhythmus deutlich, der im Sinne des christlichen Kalenders von Feier-, Gedenk-, Todes- und Namenstagen bestimmt wurde.

Natürlich gab es auch damals verschiedene Sphären oder Bereiche, aber sie waren alle durch den gemeinsamen und selbstverständlichen Glauben zusammengehalten; er bildete – nicht nur das vereinende Band, sondern – den integralen Hintergrund, vor dem die moderne Funktionalisierung der Gesellschaft schwerlich denkbar gewesen wäre. 

 

Diesem Flickenteppich der Gesellschaft versucht die Postmoderne entgegenzuarbeiten; nicht zuletzt, indem sie betont, daß wir – nicht über etwas und damit fast jeder über etwas anderes, sondern – miteinander sprechen. Dabei treffen Wissungen auf Wissungen oder Überzeugungen auf Überzeugungen – ganz ohne alle Urbilder.

Existierten letztere und bezögen sich unsere Wissungen darauf, würden diese immer umfangreicher werden, so daß gegen die weitere Aufspaltung der Einzelwissenschaften tatsächlich kein Kraut gewachsen wäre; für 1000 Forschungsbereiche sind dann zwangsläufig bald 1000 Wissenschaftler notwendig.

Ohne die Urbilder sprechen wir jedoch nicht quasi-solipsistisch von etwas, sondern miteinander über unsere Wissungen. Folglich beziehen sich diejenigen meines Kollegen nicht auf andere Seinsbereiche, so daß ich sie – mit bestem Gewissen – ablehnen könnte, sondern es sind Wissungen, die – sofern sie gut sind – vielleicht ebenso zu meinem Weltbild oder gar meiner Welt gehören sollten.

 

Die Postmoderne bemüht sich um eine Einheit in Vielheit; allein sie ist auch mit unserer Freiheit vereinbar.

Einheit in Vielheit:

Wir sprechen miteinander, und der andere schildert mir seine Erlebungen. Mehr kann er diesbezüglich gar nicht tun für mich; was er mir übermittelt, wäre ohne ihn unerreichbar, weil ich mein und nicht sein Leben lebe. Jeder kann vom anderen lernen, sofern er ihn in seiner Fremdheit anerkennt.

Einheit in Vielheit:

Aus der modernen Disparatheit der vorgegebenen Urbilder wird postmodern die Einzigkeit der Subjekte, ihrer Psychen und Leben. Wem Freiheit überaus wichtig ist, der kann schwerlich anders denken, so daß wir unseren Ansatz auch als den Versuch zu einer Philosophie der Freiheit verstehen können.

 

„Die Wahrheit wird Euch frei machen“ aus dem achten Kapitel des Johannesevangeliums steht an der Fassade der Freiburger Universität. Ich bin überzeugt, daß dieser Satz ebenso richtig ist wie seine Umkehrung: „Ohne Freiheit gibt es auch keine Wahrheit.“

Der aus beiden Sätzen bestehende Zirkel bildet vielleicht die Triebkraft unseres geistigen Lebens, und deshalb halte ich es für grundlegend wichtig, den Glauben heute zu (be)denken und nicht bei dem Johannes-Zitat allein stehenzubleiben.

 

Jean-François Lyotard, einem der philosophischen „Väter“ der Postmoderne, zufolge bestehe diese im „Ende der großen Metaerzählungen“, die von (praktisch) der gesamten Gesellschaft getragen werden. Derartige Geschichten sind wohl nur möglich, wenn bzw. insoweit sie aus dem angeblich Vorgegebenen abgeleitet werden können.

Im MIttelalter war das die christliche Geschichte von Schöpfung, Erlösung und Vollendung.

In der Moderne glauben die meisten von uns zum Beispiel an die Märchen von der Evolution, der Materie als dem Woraus-von-allem oder dem heilsamen und letztlich allen Menschen zugutekommenden Wirken der „unsichtbaren Hand“ Adam Smiths: Werden die Reichen – hoffentlich – noch reicher, wird es bald auch den Armen gutgehen.

 

Natürlich soll und wird es weiterhin Geschichten geben, und ich bin fest überzeugt, daß ohne sie gar keine sinnvolle Gestaltung des eigenen Lebens möglich ist. Wir benötigen ein Gesamtbild von ihm, und das ist nur narrativ möglich. Aber jeder von uns hat seine eigene Freiheits-Geschichte, und deswegen will die Postmoderne zwar die Funktionalisierung der Gesellschaft abbauen, aber ohne wieder einen integralen Hintergrund zu errichten.

Der Sinn der kleinen persönlichen Freiheits-Geschichten tritt damit an die Stelle der angeblichen Wahrheit der großen Metaerzählungen.

 

Die Postmoderne begann in den 60-er Jahren mit der Architektur, hatte in der Kunst jedoch schon seit langem Vorläufer. Im- und Expressionismus der Malerei gehörten bereits dem ausgehenden 19. Jahrhundert an; die postmoderne Literatur begann mit dem 20., und bei den Improvisationen der Musik – sprichwörtlich beim Jazz – wissen wir alle recht gut, daß sie nicht mehr darauf zielen, irgendetwas – Vorgegebenes – wiederzugeben oder darzustellen.

Philosophisch, das heißt, in dem uns interessierenden Zusammenhang bedeutet das Fehlen aller Vorgaben, daß keine objektive Realität existiert – weder kosmisch noch christlich oder physikalisch.

 

Natürlich können wir postmodern ebenso wie traditionell völlig problemlos und ohne irgendwelche Differenzen von Platonischen Ideen, Gott oder Materie sprechen. Wir schildern einfach unsere diesbezüglichen Wissungen – und belassen es dabei, ohne den Anspruch zu erheben, über „wirklich“ Vorhandenes zu sprechen.  

Solange wir fruchtbar diskutieren oder argumentieren, während unseres Fachgesprächs also, spielt dieser – scheinbar grundlegende – Anspruch überhaupt keine Rolle; es benötigt ihn nur, wer Recht haben will.

 

Was besagt er dann eigentlich? Bedeutet er überhaupt etwas, wenn sich dieser Glaube im Gespräch gar nicht auswirkt?

Ja; doch:

Die Traditionalisten können – jederzeit und ganz willkürlich an einer x-beliebigen Stelle unserer Diskussion – ihre Wissungen als richtig oder wahr behaupten und sich damit das Recht herausnehmen, ihren uneinsichtig-verbohrten Gespächspartner als hoffnungslosen Fall allein zurückzulassen.

Sie vermögen das freilich nicht zu rechtfertigen – und weder sie noch wir zu verstehen.