1.6.1. Vom Urbild zum Geviert

AD: „Bei Ihnen kommt die Postmoderne ja ausgesprochen gut weg . . . Ich erinnere mich jedoch, etwa bei Bruno Latour oder Michael Hampe wesentlich kritischere Einschätzungen gelesen zu haben.

Außerdem sehe ich auch ein schwerwiegendes Problem bei Ihrem Ansatz, das wohl eng mit dem Denken der Postmoderne – wie immer man es nun beurteilen mag – verbunden ist:

Ich spreche Ihnen das Bemühen nicht ab, sauber denken zu wollen; Sie aber kritisieren die exakte Wissenschaft – der es doch ebenfalls genau darum geht – und erdreisten sich sogar vom ‚Märchen der Evolution und der Materie als dem Woraus-von-allem‘ zu schreiben.

Was unterscheidet

Ihr sauberes Denken vom exakt-wissenschaftlichen, und wie läßt sich dann noch zwischen

– dem exakt-wissenschaftlichen Denken ‚und anderen Verschwörungstheorien‘ oder dem Faktischen und Postfaktischen differenzieren?“ 

 

Sie erwähnen ausgerechnet zwei Autoren, die ich hoch schätze und bei denen ich selbst über ihr allzu pauschales Urteil erstaunt bin; es paßt meines Erachtens nicht zu ihrem sonstigen sehr seriösen Denken.

Latour zufolge geht es nicht darum, „von den Fakten loszukommen, sondern näher an sie heranzukommen“. Er möchte dazu von den immer diskretisierter werdenden Daten oder Informationen der Moderne zu – integralen oder ganzheitlichen – „Dingen von Belang“ übergehen. „Für uns muß das rote Glühen des Sonnenuntergangs so sehr Teil der Natur sein wie die Moleküle oder eketrischen Wellen.“

Ich verstehe ihn damit ganz im Sinne des Zitats von Paul Nurse in der Intention „Wir ertrinken in Informationen, aber uns dürstet nach Wissen“, wenn wir mit letzterem Zusammenhänge, Perspektiven oder Visionen meinen.

 

Wir können uns diesen Wechsel der Perspektive sehe schön in der Sprache und an Beispielen Heideggers verdeutlichen.

In der Moderne ist der Hammer ein Ding, und alle Dinge sind vorhanden, das heißt, sie stehen in und an sich „auf eigenen Beinen“ vollkommen unabhängig und getrennt von allen anderen Dingen oder Urbildern. Dann ist nur noch die Frage offen, woraus der Hammer besteht – Holz und Eisen; was könnte es sonst noch von ihm zu wissen geben – so ganz „einsam“?

Heidegger ersetzt zunächst das Vorhandene durch ein Zuhandenes; der Hammer dient dazu, Nägel in die Wand zu schlagen – er ist zu etwas „vorhanden“.

Noch weitergehend wird ihm aus dem Ding das Thing im Sinne einer Versammlung aller möglichen Bezüge, in denen auch das Zuhandene noch nicht steht; Heidegger nennt sie „Bewandnisganzheit“. Zum Hammer gehören nun auch Herstellung, Geschichte, Benutzer, anderes Werkzeug oder Werkstatt usw.

Schließlich wird die Bewandnisganzheit zum „Geviert“, weil in jedem Thing „Götter und Sterbliche, Himmel und Erde“ vereint sind      

Hier müßten wir richtigerweise mit unserem Denken ansetzen, und die Gegenbewegung hin zum Ding oder Urbild – das Diskretisieren – heißt ganz neutral „Analysieren“ und wird zumeist als Mikroskopieren dargestellt, ist aber in Wirklichkeit ein unumkehrbares Zerhacken und Zerstören.

 

Damit kann ich Ihre beiden Fragen endlich beantworten:

Die Wissenschaft unterscheidet sich von sämtlichen Verschwörungstheorien und Geheimlehren durch ihr sauberes, das heißt verständlich nachvollziehbares Denken, Begründen oder Argumentieren

Ich werfe den exakten Wissenschaften absolut nicht vor, daß sie gegen dieses Gebot verstoßen, sehr  wohl aber, daß sie die Wirklichkeit – des Gevierts – entzaubern und absolut nicht über „Dinge von Belang“ sprechen. Sie stützen sich zu einseitig auf das Diskretisieren und entfernen sich dadurch imme mehr von der Lebenswelt.

Unser Ziel kann weder ein „reduktionistischer Positivismus“ noch ein „naiver Konstruktivismus“ oder eine andere Verschwörungstheorie bilden, sondern muß in einer möglichst exakten Darstellung der Wirklichkeit unseres Lebens bestehen. 

 

AD: „Sie meinen mit dem Diskretisieren das, was die Physiker tun, wenn sie Farben als Wellenlängen oder Töne als Luftschwingungen ausgeben?“

Zunächst einmal „ja“, aber wir müssen es wohl noch ein bißchen tiefgründiger sehen, als dies meist verstanden wird.

 

Traditionell denkende Philosophen oder Theologen schütteln häufig verständnislos den Kopf, wenn die Physiker behaupten, Farben wären Wellenlängen, Töne Luftschwingungen und Wärme sei lediglich die Intensität der Mikrobewegung. Sie werfen diesen Ästhetik-Banausen vor, die Wirklichkeit zu entzaubern, zu primitivieren oder zu verarmseligen.

Soweit können wir uns den Geisteswissenschaftlern natürlich nur anschließen, aber sie meinen fast immer noch etwas anderes:

Farben oder Töne gelten ihnen als Urbilder, und die werden von den Physikern zerstört, ignoriert, falsch abgebildet oder was auch immer. Der darin zum Ausdruck kommende Glaube an eine reiche objektive Realität ist jedoch lediglich ein „schönerer“ Naiver Realismus als der physikalische.  

 

Urbilder in unserem Sinne sind die Wellenlängen oder Luftschwingungen ebenso wie die diskreten oder (ab)getrennten Farben bzw. Töne, und es geht nicht darum, ob sie ästhetisch wertvoll sind.

Vielmehr kommen wir der ganzheitlichen Wirklichkeit näher. wenn wir unsere Erfahrungen vom Vorhandenem über das Zuhandene und Thing zum Geviert integraler werden lassen.