1.8. Zusammenfassung

In einem Lehrbuch werden die wichtigsten Punkte zusammenfassend wiederholt, damit die Studierenden sich das neue Wissen gut einprägen können. Bei uns geht es jedoch nicht um ein Lernen von Sachverhalten, sondern um ein Andern von Denkformen. Dann hat eine Zusammenfassung meines Erachtens eine völlig andere Aufgabe, nämlich die, ausgehend von dem neu erreichten Denkniveau den bereits zurückgelegten – aber erst jetzt sichtbar gewordenen – Weg verständlich zu machen.

Wo befinden wir uns? Weshalb sind wir überhaupt hierher gegangen? Was erwartet uns nun? 

 

Sowohl der traditionelle als auch unser Ansatz unterscheiden zwischen Innerem und Äußerem, aber die beiden Einteilungen haben nahezu nichts miteinander zu tun.

Traditionell stellt man sich vor, das allumfassende Ganze – wie der, mit dem und durch den Nous – von Außen sehen zu können. Dann liegen die Seienden der Welt (sowie eventuell Gottes als einer Nebenwelt) vor uns ausgebreitet, und sämtliche Subjekte besitzen jeweils ihr eigenes Innen. Zu ihnen gehören auch wir, so daß sich die Gesamtschau, die ich soeben andeuten wollte, in unserem Innen befinden muß; eine Vorstellung von der objektiven Totalität in uns.

Ich halte das nicht nur für absolut unverständlich, sondern mehr noch für größenwahnsinnig und unterteile deshalb völlig anders; in das jeweils eigene Bewußtsein und sein Außerhalb. Ohne (Kontakt zum Nous) gibt es auch keine Welt, so daß sich der Bewußtseins-„Inhalt“ wirklich auf den Bewußtseins-„Inhalt“ beschränkt. Das stellt keine leere oder tautologische Formulierung dar, denn traditionell weist der Bewußtseins-„Inhalt“ über sich hinaus; ich wiederhole bewußt:

Innen muß sich eine Vorstellung von der objektiven Totalität befinden – die natürlich selbst dem Außen angehört.   

Bei uns gilt dagegen:

Im Bewußtsein befindet sich die eigene Totalität als subjektive Vorstellung – ohne jedes Pendant im Außerhalb.

 

Damit entfällt insbesondere die Zuordnung des Innen zu einem Körper, so daß es für uns keine Subjekte gibt. Man muß die Objekte von außen sehen, um ihnen – gegebenenfalls – ein Innen zuordnen zu können.

Das ist bei uns ausgeschlossen, alle Wissungen gehören dem Bewußtsein an, und dieses hat folglich keinen Besitzer; es gibt keinen „Bewußthaber“ (Hermann Schmitz).

Das Bewußtsein ist natürlich kein Gefäß, sondern nur „Inhalt“ und besteht im kontinuierlichen Fluß unseres Lebens sowie den darin enthaltenen diskreten Ereignungen. Auch die Wissungen besitzen keine Referenten, und eben deswegen kann der Bewußtseins-„Inhalt“ nicht über sich hinaus verweisen.

 

An die Stelle der traditionellen Subjekte treten bei uns die Subjektivitäten; weder existieren sie noch sind sie – als Lebend(ig)e – die Subjekte des verbalen Lebens. Vielmehr ergeben sich die Subjektivitäten erst aus dem oder durch das Leben, Das hat zwei fundamentale Konseqenzen.

Zum einen ist der Satz „Die Subjektivitäten leben“ falsch, denn es gibt nur die unzerlegbare Einheit aus Subjektivität und verbalem Leben, die wir als substantivisches Leben zusammenfassen. Ohne Leben keine Subjektivität, und ohne Subjektivität kein subjektives Leben (mit seinen Ereignungen).

Aus Descartes‘ „ich denke“ insbesondere wird für uns also nicht Georg Christoph Lichtenbergs „es denkt“, sondern ebenfalls die entsprechende Einheit.

 

(substantivisches) Leben   =   { Subjektivität + verbales Leben }

 

Zum anderen mögen beliebig viele Leben existieren; davon haben wir jedoch keine Ahnung. Da die Subjektivitäten durch „ihr eigenes“ Leben erst konstituiert werden, erfahren sie das Leben nur von innen, so daß jeglicher Zugang zu einem  anderen Leben ausgeschlossen ist:

 

Daß Außerhalb des Bewußtseins ist uns absolut unzugänglich; bisher gehören ihm das eigene Weltbild, andere Leben sowie der Ursprung an. Letzterer ist unbestreitbar, weil es uns sonst gar nicht gäbe, und die fremden Leben müssen wir anerkennen, um uns selbst keine (solipsistische) Sonderrolle zuzuschreiben; sämtliche Subjektivitäten stehen gleichwertig nebeneinander.

Aber nicht wie die Subjekte; wir schauen keine einzige Subjektivität, sondern sind lediglich „unsere“ Selbsterfahrung. Die Anführungsstriche sind wichtig, denn wir erfahren uns nicht selbst, sondern werden erst durch oder als die Selbsterfahrung konstituiert, so daß sie noch nicht die unsrige sein kann.

Daß jedes andere Leben und Bewußtsein für uns prinzipiell unerreichbar ist, besagt keineswegs, daß nicht beliebig große Übereinstimmungen bestehen können; sie sind lediglich unkontrollierbar; wir können sie weder sinnvoll behaupten noch bestreiten.

Ich weiß nicht, ob Moritz denkt wie ich; aber aufgrund seines Redens und Handelns, die ich in meinem Bewußtsein erlebe, – wo auch sonst? – müßte man es fast annehmen.

 

Alle Subjektivitäten leben in, aus, durch und mit Gott.

Jede von ihnen bestimmt selbst darüber (mit), wieviel sie von Gott (er)lebt bzw. ihr als Ursprungs-„Rest“ entgeht.

Nun ist einerseits klar, daß die Subjektivitäten nicht in der Welt leben, weil keine vorhanden ist.

Andererseits folgt daraus, daß sie auch nicht in „Raum“ und „Zeit“ leben können. Traditonell gehören beide zur Welt; für uns stellen sie jedoch nur Wissungen dar, die einen Teil unseres Weltbilds bilden, so daß wir mit, aber nicht in ihnen leben.

 

In beiden Ansätzen gibt es nur eine (Art von) Wirklichkeit.

Traditionell besteht sie in einer erfundenen Welt, die angeblich vorhanden ist, das heißt, im Nichts schwebt. Alle immanenten „Erklärungen“ dieser Wirklichkeit bewegen sich eo ipso in ihrem Rahmen – und können folglich nichts erklären. Dabei hilft es natürlich auch nicht, wenn zur Welt ein Gott als Neben-Welt hinzugedacht wird, denn er ist ebenso immanent wie die Welt und schwebt also mit ihr.

Ohne eine sich selbst tragende oder begründende transzendente Wirklichkeit bleibt das grundlose Schweben im Nichts unvermeidlich. Dewegen habe ich Gott einführen müssen, und nicht, weil ich „gläubig“ bin; ich möchte lediglich keinen offensichtlichen Unsinn schreiben.

Wenn Sie ein anderes Fundament finden, lassen Sie es mich bitte wissen; ich wäre begeistert.

 

Die Wirklichkeit Gottes überträgt sich auf uns; das reicht bis zu den Erlebungen, in denen wir das eigene Leben durch die Brille unseres Weltbilds sehen.

Während die Wahrnehmungen hinsichtlich ihres Daß unbestreitbar sind, zeigen sich in den Vorstellungen lediglich Möglichkeiten. Deswegen stellt sich uns bei jeder von ihnen auch die Frage, ob wir sie glauben oder nicht-glauben, annehmen bzw. ablehnen; Erdhörnchen „ja“, Erdmännchen „nein“.

Letzteres bedeutet, wir halten es für ausgeschlossen, daß die betreffende Vorstellung jemals zu einer Wahrnehmung für uns werden könnte.

Im Falle eines „ja“ liegen keine so eindeutigen Verhältnisse vor, weil nicht alles, was wir glauben, auch wahrnehmbar sein muß. Der Erdmittelpunkt beispielsweise ist es nicht; aber wer die Erde als Vollkugel denken möchte, muß ihn trotzdem mitglauben.

 

Gott ist so allgegenwärtig wie unser eigenes Leben, denn dieses besteht im geglaubten oder angenommenen Gott. Das ist kein kultisches Gerede, wenn wir diese Wirklichkeit des Lebens bzw. Gottes als Nur-Bewußtes verstehen, denn das läßt sich zwar als solches, während es – bewußt – ist, nicht feststellen, wir kennen es aber „nachträglich“ als Dösen, Geistesabwesenheit oder ungegenständliche Meditation.

In den Ereignungen wird sich das Leben bzw. Gott seiner selbst bewußt; Gott will sich in unserem Bewußtsein oder als unser Leben seiner selbst gewahr werden und uns damit vergöttlichen.

 

Damit drängt sich der Gedanke, das Wahrnehmen als einen zweistufigen Akt zu verstehen, förmlich auf.

Im ersten resultieren rein sinnliche Anschauungen, die für eine relativ lange Dauer näherungsweise konstant sind, so daß wir uralte Felszeichnungen identifizieren und den ägyptischen Re zu unserer Sonne überformen können.

Dieser Akt tritt an die Stelle der traditionellen Phylogenese.

Sein „ontogenetisches“ Pendant besteht darin, den partiell intersubjektiven Anschauungen mittels des eigenen Weltbilds eine kurzlebigere geistige Auffassung oder Interpretation zu geben und sie damit in Wahrnehmungen von einer geringeren Intersubjektivität überzuführen.