1.7. Bilder und Ideen, Anschauungen und Begriffe

Wir hatten unsere Überlegungen bei den Wahrnehmungen und Vorstellungen begonnen; das erschien auch sinnvoll, denn schließlich kommt dafür ja nur Gewußtes infrage. Dann hat sich aber sehr schnell gezeigt, daß wir diese Wissungen nur auf der Grundlage noch fundamentalerer Begriffe verstehen können.

Traditionell stellt sich damit die Frage: „Was ist X?“ Was sind beispielsweise Formen, Bilder, Anschauungen oder Denkungen? Ihre Beantwortung wird gewiß sehr problematisch, weil dazu angeblich die entsprechenden Seienden abgebildet werden müßten.

Wir verstehen diese Frage gar nicht, und an ihre Stelle tritt beii uns: „Was verstehen wir unter X oder wie definieren wir es?“ Treten im weiteren also zum Beispiel die Begriffe Formen, Bilder, Anschauungen oder Denkungen auf, so ist damit stets die von uns – mehr oder weniger willkürlich – getroffene Konvention gemeint.

„Dann kann man ja gar nicht falsch machen?“

Oh, doch!

Zum einen können unsere Vereinbarungen widersprüchlich, unvollständig, ungeschickt, irreführend und was noch alles Negatives sein.

Zum anderen mag es trotzdem sehr schwer werden; schauen Sie sich etwa ein Mathematikbuch an; unsere Konventionen entsprechen dort den Axiomen.

 

Wenn Sie einen Begriff nicht verstehen oder vergessen haben, hat es also häufig nur einen sehr begrenzten Sinn, im Duden oder Lexikon nachzuschauen; das wäre lediglich traditionell ein Weg. Aber woher sollen die Autoren der Nachschlagewerke wissen, wie wir einen bestimmten Begriff verstehen?

Die Herausgeber vom „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ haben versucht, das zu berücksichtigen, indem sie nicht traditionalistisch schreiben „X ist . . .“, sondern „beim Philosophen A ist X . . .“, „beim Philosophen B ist x . . .“, . . .; dann entstehen natürlich problemlos 13 dicke Bände. 

Nun verstehen Sie wahrscheinlich auch mein oben angefürtes Zitat von Dümpelmann und Hüntelmann – Tut mir leid, aber die beiden Herren heißen wirklich so! – noch besser, daß „jede philosophische Abhandlung in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein muß“. Jeder Begriff greift in jeden anderen ein und bestimmt ihn mit; wer einen von ihnen korrigiert, andert den gesamten philosophischen Ansatz.

 

Die Tradition kennt dieses Problem natürlich ebenfalls, dürfte es aber theoretisch gar  nicht haben und muß es folglich leugnen. Betrachten wir als Beispiel die Sonne.

Es gibt das Wort „Sonne“.

Damit wird sowohl die seiende Ur-Sonne bezeichnet als auch ihr Abbild.

Noch mehr Sonnen sind nicht nötig.

Wozu bedarf es dann eigentlich des Begriffs Sonne? Was soll das sein, wenn die Ur-Sonne alles Sonnige festlegt? Wir haben nicht nur keinerlei Freiheit, hinsichtlich des „Begriffs Sonne“, sondern er ist auch vollkommen unabhängig von allen anderen Seienden oder „deren Begriffen“.