1.7.3. Formen der Seele

Wolfgang Giegerich hat auf den Spuren von Carl Gustav Jung – als Lebenswerk – einen Ansatz entwickelt hat, in dessen Mittelpunkt die Seele steht. Sie bildet den „einzigen legitimen Gegenstand der Psychologie“ und hat nahezu nichts mit der traditionellen Psyche zu tun.

Um das ein wenig nachvollziehen zu können, führen wir – analog zur „ontologischen Differenz“ Martin Heideggers zwischen Sein und Seienden – die „psychologische Differenz“ zwischen Psychologischem und Psychischem von Carl Gustav Jung ein.

 

Letzteres entspricht der traditionellen Psyche und ist das, was der Therapeut in seiner Praxis behandelt – letztlich vollkommen unabhängig von der Schulrichtung.

Carl Gustav Jung haben die hier zur Sprache kommenden Fragen, Probleme und Störungen kaum interessiert, weil es ihm um die andere Seite der Differenz, das Psychologische, ging; er befürchtete sogar, daß selbst die meisten der „angeblichen Schüler“ so gut wie nichts von seinem Anliegen verstehen und er diesbezüglich „wohl ganz einsam“ sei.

Das Erkenntnisziel von Carl Gustav Jung bestand im Psychologischen, das nicht von der Psyche, sondern von der Seele handelt. „Eine Psychologie ohne Seele“ wäre, Wolfgang Giegerich zufolge, wie „eine Physik ohne Materie“, ein Widerspruch in sich. Die Seele zeigt sich nicht in der subjektiven Behandlung – der Psyche –, sondern in intersubjektiven Märchen, Mythen oder Träumen sowie Riten, Zeremonien, Kunst- oder Gebrauchsgegenständen usw.

 

Die Jungsche Seele besteht „in der gegensätzlichen Einheit von Anima und Animus„. Diese Formulierung ist nicht widersprüchlich, wie wir uns am Magneten verdeutlichen können, der in der gegensätzlichen Einheit von Nord- und Südpol besteht.

Der Anima verdanken wir die Bilder und dem Animus die Ideen; beide zusammen bilden die „Formen der Seele“.

Wenn Tante Gretel ein neues Häkelmuster entwickelt, dann steht dahinter eine Anschauung – aber kein Bild. Bilder sind wirkmächtige und dadurch partiell intersubjektive Anschauungen; und völlig analog verhalten sich auch die Ideen zu den Begriffen.

 

Jetzt runzeln Sie hoffentlich leicht irritiert Ihre Stirn:

„Wo soll denn diese Seele auf einmal herkommen? Einfach ihre Existenz zu behaupten, wäre doch ein vernichtender Rückfall in das traditionelle Urbild-Denken. Es gibt . . .“

Wir müssen prüfen, ob bei uns eine Entität vorkommt, die der Jungschen Seele entsprechen und deren Funktion übernehmen könnte. Die Antwort hierauf scheint mir nicht sehr schwierig zu sein:

Die zeitliche Eigendynamik der Gegenwart bzw. des Bewußtseins tritt bei uns an die Stelle der Jungschen Seele.

 

Der Künstler allein bringt keine kreativen Werke hervor und der Wissenschaftler allein keine umwälzenden Theorien; aber ohne Künstler bzw. Wissenschaftler hätten wir sie natürlich ebenfalls nicht.

Heinrich Rombach sprach deshalb von Konkreativität und wollte damit zum Ausdruck bringen, daß die Subjektivität allein nicht genügt. Der Künstler bedarf der Muße und der Wissenschaftler vielleicht einer konstruktiven Situation. Der Tischlermeister muß die handwerklichen Fähigkeiten mit dem Holz und dessen Struktur, seinem eigenen Lebensgefühl sowie den bisherigen Erfahrungen und der Aufgabenstellung verschmelzen, damit sich eine Eigendynamik seines Bewußtseins entfalten kann.

Sie ist für eine isolierte Subjektivität nicht mach- oder verfügbar; „es geht, gelingt oder glückt vielleicht sogar“ (Heinrich Rombach), wenn die ganze Gegenwart zusammenspielt. Stimmt einfach alles, sind wir zu Leistungen fähig, die uns selbst überraschen.

Ich hoffe, daß Sie mich verstehen, weil Sie es anhand Ihrer eigenen Erlebungen bestätigen können.

 

Wenn die Jungsche Seele der zeitlichen Eigendynamik der Gegenwart entsprechen soll, müßten ihre Formen mehr oder weniger intersubjektiv sein. 

Die Zeugnisse der verschiedensten Völker und Zeiten zeigen in der Tat, daß viele Bilder nahezu überall auftreten. Einfache bekannte Beispiele sind Drachen, Königskinder, Pyramiden, der Lebensbaum, die verfeindeten Brüder, die Jungfrauengeburt, der Ouroboros (eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt), Engel oder gute (blonde) Feen; Jung spricht in diesem Zusammenhang von Archetypen.

Mit einem Mal setzt sich in weiten Teilen der Welt die Idee des Monotheismus durch und in halb Europa diejenige der Aufklärung. Viele große Theorien – ein Paradebeispiel bilden die nichteuklidischen Geometrien – treten ziemlich gleichzeitig an den verschiedensten Orten auf, was sogar zu Streitigkeiten wegen der Urheberschaft führen kann (Carl Friedrich Gauß gegen János Bolyai).

Weshalb sind Göttergestalten auf der ganzen Erde einander so ähnlich? Wie kann es möglich sein, daß sich Schriftzeichen längst untergegangener Kulturen entziffern lassen? Woher kommt die häufig weltweite Ähnlichkeit der Symbole? 

Handelt es sich tatsächlich um Formen der Seele – und nicht nur um ein Darüber-Reflektieren wie gegenwärtig bei uns –, gehen von ihnen gewaltige Wirkungen aus. Die Idee der Pyramiden beispielsweise hat „das ganze Gewicht der Metaphysik des Pharaonentums als des daseienden Selbsts der Ägypter, des Totenkults und der Jenseitsreise der Seele in sich“ (Wolfgang Giegerich) und wird dann sogar von den Mayas übernommen.

 

Ein weiterer Hinweis für die seelische Eigendynamik oder Unverfügbarkeit besteht meines Erachtens auch in der Tatsache, daß schöpferische Menschen zumeist nicht wissen, wie sie eigentlich zu ihren Resultaten gelangt sind. Des öfteren ist hierbei von Träumen die Rede oder von Zufälligkeiten, die – scheinbar – aber auch gar nichts mit ihrem Thema zu tun haben.

Ja mehr noch; häufig beteuern die Künstler oder Wissenschaftler sogar, daß ihre Kreationen nicht dem eigenen Denken oder Wollen entspringen, sie sich eher als ausführendes Organ einer „höheren Macht“ erleben und so handeln „mußten“. Bei Goethe lesen wir beispielsweise „die Lieder machten mich, nicht ich sie“, „sie hatten mich in ihrer Gewalt“ oder „es sang bei mir“.

Zur Intersubjektivität der Seele gehört für mich auch, daß große Menschen – Weise, Propheten, Denker oder Religionsstifter beispielsweise – auf ihre Art den Geist einer Epoche zum Ausdruck bringen oder wie Hegel „die Zeit in Gedanken fassen“ können. Sie stellen nicht irgendetwas Interessantes dar, sondern treffen genau das, was zwar viele Zeitgenossen spüren oder ahnen, aber ohne es auf den Punkt bringen zu können; plötzlich ist überall der Sozialismus attraktiv – oder etwas aktueller der Nationalismus.