1.7.2. Bilder

„Babys oder Tiere können nicht einmal Schmerzen haben, sagen Sie, weil es ohne Begriffe keine Beschreibungen und damit auch keine Erlebungen gibt. 

Aber wieso erschrickt dann ein Schaf offensichtlich furchtbar, wenn es zum ersten Mal in seinem Leben einen Wolf sieht. Es kann doch dann unmöglich wissen, wer oder was vor ihm steht.“

Richtig; das weiß es auch tatsächlich nicht, es erkennt jedoch in der oder durch die Anschauung den Wolf als ein prägendes Bild. Es gibt große Ideen in der „Onto-„ und große Bilder in der „Phylogenese“.

Wäre dem nicht so, könnten wir schwerlich mit sprachlosen Tieren zusammenleben. Haben Sie sich beispielsweise nie gewundert, warum Katzen oder Hunde uns ins Gesicht – und nicht auf die viel günstiger lokalisierte Kniescheibe – schauen? Natürlich sehen sie weder Gesichter noch Kniescheiben, sondern nur sprachfreie Anschauungen – und dazu gehören auch die angedeuteten Bilder.

 

Mit ihnen haben wir heute gewaltige Schwierigkeiten. Es ist die Stärke unserer Kultur, daß sie ganz stark von Begriffen bestimmt wird – aber diese Einseitigkeit bildet natürlich auch ihre Grenze; die meisten von uns können kaum noch in Bildern denken.

Ein Paradebeispiel, um dies zu verdeutlichen, bildet der Umgang der katholischen Kirche mit der Jungfrauengeburt.

Die letztere stellt ein Bild dar, das in den meisten Hochkulturen auftritt und aussagekräftig ist, von uns aber nicht mehr mehr verstanden wird. Wenn die Jungfrauengeburt dann ersatzweise begrifflich als historische Tatsache behauptet wird, ist das nicht nur sehr naiv sowie völlig unnötig und belanglos, sondern zudem wird auch die Chance auf eine tiefe Einsicht verspielt und der Lächerlichkeit preisgegeben.

 

„Aber ist es nicht sehr überheblich zu sagen, Gott bekäme es nicht hin, daß eine Jungfrau ein Kind bekommt?“

Das ist das übliche Verständnis an dieser Stelle, aber dergleichen habe ich doch gar nicht gesagt. Wer Freiheit hervorbringen kann, dürfte keinerlei Schwierigkeiten mit einer simplen Jungfrauengeburt haben.

Traditionell Denkende sind meines Erachtens größenwahnsinnig, wenn sie sich anmaßen zu wissen, was sein kann und was nicht.

Bei unserem Ansatz wird diese Kritik noch schärfer, denn was sein kann und was nicht, hängt darin nicht nur von unserer subjektiven Vernunft ab, sondern zudem auch noch von unserem Weltbild, denn dieses bestimmt über das für uns Denkbare.

Und außerdem gibt es in unserem Leben handfeste Probleme; ich kann beim besten Willen nicht ehrlich glauben, daß Gott nichts Wichtigeres zu tun hat, als das Hymen von Maria unversehrt zu erhalten.

 

Die Bilder der vor-modernen Mythen wurden durch die Begriffe der modernen Wissenschaft ersetzt. Der Mythos wird heute zumeist als überholt dargestellt, und der Übergang von ihm zum Logos gilt vielen als der Fortschritt oder das Licht der Aufklärung schlechthin.

Ich glaube das nicht, sondern halte ein Weltbild ohne Bilder und Mythen nach wie vor für abwegig einseitig, entzaubert, rational, kalt und leer.

Natürlich kennt es auch keine Götter mehr – sie sind die Bilder schlechthin –, und deswegen war das Christentum stark an dieser „Aufklärung“ interessiert und beteiligt. Aber der diesbezügliche Erfolg erweist sich als ein Pyrrhussieg, denn zum einen ist die „Zahl“ der Götter irrelevant, weil sie gar nicht „zahlfähig“ (Hermann Schmitz) sind; nur Gewußtes läßt sich zählen. Und zum anderen würde selbst der reinste Monotheismus in dem Maße einen Götzendienst darstellen, wie er mit Gewalt im weitesten Sinne verbunden ist. Er wird dann „zum Komplizen einer Gesellschaft, die sich nicht wandeln will“ (Johann Baptist Metz).

Die Kraft, die von den mythischen Bildern ausgehen kann, – nicht aber die Naivität oder Rückständigkeit unserer Vorfahren – macht meines Erachtens verständlich, daß die gesamte uns bekannte Menschheitsgeschichte religiös geprägt ist.