1.4. Welt und Kosmos

Wenn wir das Wort „Welt“ hören, denken wohl die meisten von uns spontan an den physikalischen Kosmos. Daran zeigt sich, wie massiv wir uns im Verlauf der letzten vier Jahrhunderte an das Denken der exakten Wissenschaften angepaßt haben. Vielleicht wundern Sie sich sogar über das Thema dieses Abschnitts: „Worin soll denn der Unterschied zwischen Welt und Kosmos bestehen?“

In vielen Büchern und Artikeln wird gegenwärtig darüber spekuliert, daß wir Menschen möglicherweise gar nicht nur in unserem physikalischen Kosmos – als einem Universum –, sondern in einem Multiversum leben – Kosmen gewissermaßen.

Ich meine jedoch etwas völlig anderes und in gewissem Sinne sogar das glatte Gegenteil.

 

Der physikalische Kosmos stellt nur einen winzigen Teil der Welt dar.

Überlegen Sie sich bitte einmal in Ruhe, was Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig ist. Befindet sich darunter – bei Nicht-Physikern – etwas Physikalisches? Vielleicht denken Sie an Liebe und Freundschaft, bestimmte Menschen, Lebensziele und Selbstverwirklichung, Hobbys, Handwerk, Bücher, Kunst, Bildung oder einfach gutes Essen und Trinken.

All das sind keine Gegenstände der Physik – und sie können somit in deren Weltbild auch nicht vorkommen. Darin gibt es keine Sprachen oder Gedichte, keine Gemälde oder Bierdeckel, weder Schön- noch Gemeinheit, weder Geld noch Armut, keine Verbrechen oder Fußballspiele, keine Staaten mit Flaggen und Hymnen, keine Bedürfnisse und kein Begehren.

Im physikalischen Kosmos existiert fast nichts; zu ihm kann nur das Wenige gehören, das sich mittels der Physik vollständig beschreiben läßt. Das ist bereits bei Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern nicht mehr möglich, weil sie einen Zweck besitzen, aber Zweck keine physikalische Kategorie darstellt, das heißt, der Physiker als Physiker nicht verstehen kann, was ein Zweck sein soll.

Es verbleiben somit nur die traditionellen primären Qualitäten Anzahl, Größe, Masse, Form, Ort, Geschwindigkeit usw.

 

AD: „Wieso sollen Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern keine physikalischen Gegenstände und somit auch nicht im Kosmos enthalten sein?“

Das „nicht“ war falsch; pardon; sie befinden sich auch, aber nicht nur im Kosmos.

Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern haben eine bestimmte Größe, Form, Masse, Festigkeit sowie weitere Eigenschaften, für die (auch) die Physiker zuständig sind, und hierdurch gehören diese Gegenstände dem „raum“-„zeitlichen“ Kosmos an.

Das wollte ich keineswegs bestreiten; aber damit handelt es sich noch nicht um Reißzwecken, Sicherheitsnadeln bzw. Büroklammern, denn das sind sie erst durch ihren jeweils noch hinzukommenden Zweck. Und mit ihm transzendieren sie den Kosmos – denn die Physik kennt keine Zwecke – und reichen in andere Dimensionen hinein.

Reißzwecken, Sicherheitsnadeln und Büroklammern, korrigiere ich mich also, reichen auch in den Kosmos hinein, gehen aber über ihn hinaus; er ist – anschaulich gesprochen – zu eng für sie.

 

Viele Menschen finden in ihrem Leben keinen Sinn und haben damit auch vollkommen Recht, wenn sie ihr Weltbild auf seine physikalischen Komponenten reduziert haben. Darin kann es natürlich keinen Sinn geben, weil er ebenfalls keine physikalische Kategorie darstellt. Auch Physiker finden keinen Sinn im Kosmos; hoffentlich bei ihrem Arbeiten, aber das erfolgt nicht im Kosmos.

Wir können nicht unsere Wohnung schwarz überstreichen und dann klagen, daß die Farben fehlen. Doch; natürlich können wir es – wir tun es ja weitestgehend.

 

Nun sollte die obige Überschrift verständlich werden:

Unsere Welt besitzt nicht nur die vier Dimensionen der „Raum“-„Zeit“, sondern potentiell unendlich viele und ist unabsehbar reichhaltig oder vielfältig. Der Kosmos mit seinen armseligen Inhalten nimmt sich daran gemessen entsetzlich provinziell aus. Auch wenn er „raum“-„zeitlich“ praktisch grenzenlos ist, bleibt der Kosmos gegenüber dem Reichtum, der Vielfalt und Faszination der Welt nahezu vernachlässigbar.

Unbestreitbar bedeutet unser Rendezvous auch eine Ortsveränderung, aber daß es nur das ist, können hoffentlich auch die dreistesten Physikalisten selbst nicht glauben.

Die Welt enthält den Kosmos, geht aber in potentiell unendlich vielen Dimensionen darüber hinaus.  Allein das traditionelle Denken im modernen Abendland glaubt, mit der Physik sowohl den Nabel als auch die Einheit der Welt gefunden zu haben, so daß deren „Weltformel“ angeblich als das letzte noch zu lüftende Rätsel gehandelt und als Endlösung verkauft wird; es könnte aber bestenfalls eine Kosmosformel sein.

 

AD: „Aber diese nicht-physikalischen Partial-Welten, die Sie angedeutet haben, spielen doch tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle . . .“

Das ist richtig; aber nicht weil es sich objektiv so verhält, sondern weil wir das Weltbild (in) der Moderne und damit unser Denken so einseitig entwickelt haben. Überlegen Sie sich bitte einmal, was wir alles über unseren Kosmos erzählen könnten, und wie rudimentär sich daran gemessen – bei den meisten von uns – unter anderem das musische oder poetische Vokabular ausnimmt, wie beschränkt unsere Partial-Welten beispielsweise des Schönen, Friedlichen, Religiösen und der Gabe oder Stille entwickelt sind.

Bei dem Wort „Krieg“ assoziieren die meisten Menschen heute Waffen(-Systeme); müßte uns nicht als erstes das Leid der Betroffenen in den Sinn kommen?