1.9. Systematische Hinführung

Vorstellen läßt sich sehr vieles, offensichtlich auch höchst Unsinniges. Fragen wir also, womit ein möglichst begründetes philosophisches Denken beginnen könnte, so drängen sich relativ zwingend unsere eigenen subjektiven Wahrnehmungen auf. Sie sind gegeben wie die Vorstellungen, aber nicht willkürlich wie diese; die Wahrnehmungen hängen natürlich an uns – andernfalls hätten wir sie nicht –, bewahren aber ihre „Selbstbestimmung“.

Beschränken wir uns der Einfachheit halber auf die üblichen fünf Sinne, so handelt es sich hierbei um die Sehungen, Hörungen, Tastungen, Schmeckungen sowie Riechungen. Einerseits ist also hinreichend deutlich, wovon überhaupt die Rede sein sollte, andererseits verstehen wir die Wahrnehmungen in keiner Weise: Wie entstehen oder woraus resultieren sie? Worin bestehen die Wahrnehmungen? Was sind Sehungen, Hörungen, Tastungen, Schmeckungen und Riechungen?

Nun dürften wir nicht wiederum – eine Ebene tiefer oder spezieller – mit Beispielen antworten, sondern müßten mit Erklärungen aufwarten – die uns aber leider nicht zur Verfügung stehen.

 

Ohne Welt gibt es auch keine Wahrnehmungen, so daß wir mit unserem Beginn bei letzteren automatisch eine Welt voraussetzen, die freilich vorerst ebenso unverständlich bleibt. Bezüglich des Zusammenhangs zwischen ihr und den Wahrnehmungen bestehen zumindest zwei prinzipiell versschiedene Möglichkeiten.

 

Zum einen könnten die Wahrnehmungen solche von der Welt sein. In diesem Fall wüßten wir nichts von ihr, weil ein Übergang von der Welt zu den Wahrnehmungen erfolgt und uns nur dessen Ergebnis vorliegt. Die Wahrnehmungen stellen solche von einer – in diesem Ansatz zwar notwendigen, aber dennoch – völlig unbekannten Welt dar.

Natürlich kann man dieses grundsätzliche Problem einfach ignorieren und das Übergehen von der Welt zu den Wahrnehmungen als ein simples Abbilden behaupten; behaupten – was sonst? So verfährt die Moderne weitestgehend, insbesondere ihre exakte Naturwisenschaft. Antike und Mittelalter haben diesbezüglich zumeist wesentlich tiefer nachgedacht und versucht, den von ihnen angenommenen Zusammenhang zwischen Welt und Wahrnehmung auch zu verstehen sowie zu begründen; außerhalb der Philosophie geschieht das heute praktisch nicht mehr.

 

Zum anderen besteht die Möglichkeit, daß die Wahrnehmungen selbst der Welt angehören und somit einen Teil von ihr bilden. Dann sind es Wahrnehmungen in, aber nicht von der Welt. 

Wir können natürlich nur in einer Welt leben, die auch ohne uns existiert. Die eigenen Wahrnehmungen gibt es jedoch nur für und durch uns.

Während scheinbar nichts dagegen spricht, in einer Welt zu leben, von der wir Wahrnehmungen besitzen, ist es also ausgeschlossen, in einer Welt zu leben, die wesentlich aus bzw. in unseren Wahrnehmungen besteht.

 

Im ersten Fall wissen wir gar nichts von der Welt; uns sind zwar Wahrnehmungen von ihr bekannt – aber eben gerade dadurch nicht die Welt selbst.

Bei der zweiten Denkmöglichkeit ist uns die Welt in den aktualen oder gegenwärtigen Wahrnehmungen unmittelbar gegeben. Nicht die gesamte Welt freilich, sondern nur ein (sehr kleiner) Teil von ihr, denn die Welt geht natürlich über unsere momentanen Wahrnehmungen hinaus. Andernfalls wäre insbesondere die Argumentation von soeben, daß es ohne Welt auch keine Wahrnehmungen geben könne, völlig sinnleer.

Wie, worin oder womit übersteigt die Welt unsere gegenwärtigen Wahrnehmungen, so daß letztere nur einen Teil von ihr bilden?

 

In den zukünftigen Wahrnehmungen.

Damit ergibt sich die Welt als Gesamtheit unserer gegenwärtigen und zukünftigen Wahrnehmungen.

Diese Antwort führt uns scheinbar auf eine Alternative.

Wir könnten auf die Freiheit verzichten und die Welt deterministisch verstehen. Dann wäre es natürlich (widerspruchsfrei) denkbar, daß unsere zukünftigen Wahrnehmungen bereits festliegen und gemeinsam mit den gegenwärtigen die Welt bilden.

Sind wir jedoch zu einem solchen Zugeständnis nicht bereit, müßten – eben wegen unserer möglichen Freiheitsentscheidungen – extrem viele Welt-Möglichkeiten parallel nebeneinander existieren. Jede Wahl von uns entspricht einer Verzweigung in diese oder jene wirkliche Welt – der zukünftigen Wahrnehmungen.  (In der Quantentheorie nehmen verschiedene Forscher einen entsprechenden, sehr spannenden Ansatz – die Many-Worlds Theory von Hugh Everett – durchaus ernst.)