1.9.1. Zwei ZEITEN

Ich betrachte beide Denkmöglichkeiten als wenig verführerisch; die Freiheit bildet für mich das Fundament der Wirklichkeit, und der Glaube an eine abzählbare Menge von Welt-Möglichkeiten ist mir zu konstruiert oder rationalistisch. Aber gibt es überhaupt noch eine dritte Lösung dieses Problems?

Ja; die zukünftige Welt besteht in der Gegenwart noch gar nicht, sondern wird in ihr erst konstituiert oder generiert.

 

„Sehr originell ist das aber nicht gerade; davon gehen wir doch zumindest seit Charles Darwin nahezu alle aus:

Das Geschehen und insbesondere unser Handeln in der Gegenwart bestimmen (über) die Zukunft.“

 

Nein; da haben Sie mich mißverstanden, denn ich wollte etwas völlig anderes zum Ausdruck bringen. In meinem Weltbild hätten Sie richtigerweise sagen können:

Seit Darwin gehen die meisten Menschen davon aus, daß das Geschehen und insbesondere unser Handeln im Jetzt (über) das Später bestimmen.

Wir müssen die Tempi – Früher, Jetzt sowie Später – von den Modi – Vergangenheit, Gegenwart bzw. Zukunft – und damit zwei völlig verschiedene ZEITEN deutlich voneinander unterscheiden, denn sie entsprechen zwei differenten Arten von Variationen unserer Wahrnehmungen.

 

Zum einen können sich letztere ändern. Das geschieht in der (Temporal-)“Zeit“ und bedeutet, daß sich ein und dieselbe Wahrnehmung zu zwei verschiedenen „Zeiten“ in unterschiedlichen Zuständen befindet.

Wir erklären das heute sehr häufig mittels des physikalischen Ursache-Wirkungs-Denkens, aber das ist sekundär. Entscheidend ist allein, daß sich ausnahmslos alles innerhalb der „Zeit“ abspielt, in der sich die Wahrnehmung erstreckt. Zur „Zeit“(1) befindet sich beispielsweise eine Auto-Wahrnehmung am Ort A, und der verändert sich bis zur „Zeit“(2) in den Ort B.

 

Zum anderen gibt es aber auch ein Entstehen und Vergehen – nicht an den, sondern – der Wahrnehmungen. Hierbei liegt nicht mehr ein und dieselbe Wahrnehmung vor, sondern sie wird eine andere; die Wahrnehmung(V) vergeht und die Wahrnehmung(Z) entsteht – in der Gegenwart.

 

Ich glaube, nun sollte sich unser Mißverständnis klären lassen:

1. Wir unterscheiden die (temporel-)“zeitlichen“ Änderungen der Wahrnehmungen von ihren (modal-)zeitlichen Anderungen – dem Entstehen und Vergehen – der Wahrnehmungen. 

2. In jeder Gegenwart sind beide möglich; der Wahrnehmungen(G) können sich ändern oder von den Wahrnehmungen(V) in die Wahrnehmungen(Z) übergehen.

3. Sind wir hinreichend exakt (oder pingelig), andern sich die Wahrnehmungen kontinuierlich. Bei B angekommen ist auch unser Beispiel-Auto ein anderes geworden; schmutziger vielleicht. 

4. Ohne in der Zeit konstante Wahrnehmungen können ihre „zeitlichen“ Änderungen jedoch immer nur Näherungen darstellen.

5. Wir leben in der – Gegenwart der – Zeit und generieren darin die zukünftigen Wahrnehmungen.

6. Dadurch läßt sich (widerspruchsfrei) denken, daß die subjektive Welt ausschließlich in den eigenen Wahrnehmungen besteht – den gegenwärtigen sowie zukünftigen. Weder müssen wir hierzu unsere Freiheit opfern noch ein Ensemble potentieller Zukunfts-Welten annehmen.