1.9.2. Die Situationskokarde

„Darf ich bitte einmal in meinen Worten zusammenfassen, wie ich Sie verstanden habe?

Als Ausgangspunkt unserer Überlegungen wählen wir die Wahrnehmungen, weil sie wie die Vorstellungen gewußt werden, aber nicht (ganz so) willkürlich sind wie diese.

Wahrnehmungen sind nur möglich, weil sie sowohl entstehen wie auch vergehen können. Das haben Sie als Andern zusammengefaßt, und wir müssen es so deutlich vom Ändern der Wahrnehmungen unterscheiden, daß dafür sogar differente ZEITEN erforderlich sind.

Wir leben in der Gegenwart der (Modal-)Zeit, und auch nur darin gibt es Wahrnehmungen.

Sie andern sich kontinuierlich, indem die Wahrnehmungen(V) in die Wahrnehmungen(Z) übergehen.

Gibt es keine in der Zeit konstanten Wahrnehmungen(G), so sind natürlich auch sämtliche (temporal-)“zeitlichen“ Änderungen an ihnen ausgeschlossen. Mit anderen Worten sind Änderungen der Wahrnehmungen nur approximativ möglich.

 

Damit können wir die Welt im Sinne Ihrer zweiten Denkmöglichkeit verstehen:

Sie ist rein subjektiv und besteht in der Gesamtheit unserer eigenen Wahrnehmungen; sowohl der gegenwärtigen als auch der zukünftigen. Natürlich gibt es keine zukünftigen Wahrnehmungen; das ist ein Unbegriff. Aber die Gegenwart wirkt in die Zukunft hinein und bestimmt somit (auch) über unsere nächsten – eo ipso gegenwärtigen – Wahrnehmungen.

Weil die Zeit irreversibel ist, können wir mit ‚zukünftigen Wahrnehmungen‘ noch einen Sinn verbinden; vergangene Wahrnehmungen sind dagegen unmöglich; ein Oxymoron.“

 

Das war sehr gut; der Deutlichkeit halber sollten wir vielleicht noch die „Ausdehnung“ ergänzen.

Die Welt der Wahrnehmungen reicht zeitlich von der Gegenwart ausgehend in die Zukunft hinein. „Wie weit?“ ist eine sinnlose Frage, weil wir stets und ausschließlich in der Gegenwart leben – ohne jeglichen Zugang zur Zukunft.

„Wahrnehmungen“, die einfach so frei in der Gegenwart schweben, sind keine Wahrnehmungen. Sie entstammen der Vergangenheit und führen in die Zukunft, aber beides kommt in oder an den Wahrnehmungen nicht zum Ausdruck.

Definieren wir das Jetzt als die Sphäre der „Wahrnehmungen“, so müssen wir diese nackten „Wahrnehmungen“ durch ihr Woher im Früher sowie ihr Wohin im Später ergänzen. Beides sind natürlich nur Vorstellungen, aber ohne sie gibt es auch keine Wahrnehmungen.

Wenn unser Auto jetzt bei A steht, ist das noch keine Auto-Wahrnehmung; dazu benötigen wir irgendwelche Vorstellungen bezüglich ihres Früher und Später. Beispielsweise könnte Moritz das Auto zum Ort A hingefahren haben, und dort verrostet es nun oder wird von einem Liebhaber aufgepäppelt.

Eine nackte Auto-„Wahrnehmung“ im Jetzt wird erst zu einer Auto-Wahrnehmung, indem wir jene mit Vorstellungen bezüglich ihres Früher sowie Später bekleiden.  

 

„Wir haben das – eo ipso gegenwärtige – Jetzt als die Sphäre der nackten ‚Wahrnehmungen‘ definiert. Aber richtige oder vollständige Wahrnehmungen gibt es nicht im Jetzt allein, sondern nur in der vollständigen Gegenwart, denn dafür müssen wir deren Jetzt durch Vorstellungen im gegenwärtigen Früher sowie Später ergänzen.“

Ja; wir haben nur die gegenwärtigen Wahrnehmungen und sind vom weiteren – zukünftigen – Verlauf der Welt abgeschnitten.

Diesen Mangel ersetzen wir durch gegenwärtige Vorstellungen, die über das Jetzt der „Wahrnehmungen“ hinausgehen. Die dadurch entstehende Einheit der letzteren mit den sie umgebenden Vorstellungen definieren wir als Situation.

Das Fehlen der zeitlichen Welt kompensieren wir also durch die „zeitliche“ Situation.

 

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