1.2. Das Bewußtsein und sein Außerhalb

Wir hatten soeben nur gesagt, worin das uns prinzipiell Unzugängliche nicht besteht; und worin besteht es? Worüber können wir prinzipiell nicht sprechen?

Für eine positive Antwort beginnen wir bei den un(ab)zählbar vielen Dingen, die uns in irgendeiner Form zugänglich sind. Wir spüren, fühlen, ahnen, befürchten und wünschen, verfügen über Erinnerungen, Wissungen, Überzeugungen und Phantasterein oder kennen Schmerzen, Orgasmen, Witze, Hiobsbotschaften usw.

 

Ausnahmslos alles uns aktual oder gegenwärtig Gegebene betrachten wir im weiteren per definitionem als Bewußtsein. Wir bestreiten damit keineswegs das Außerhalb von ihm, sondern anerkennen lediglich, keinerlei Zugang zu ihm zu besitzen. Vielleicht in Zukunft; aber dann handelt es sich eben um das Bewußtsein und nicht mehr um sein Außerhalb.

Das Bewußtsein ist kein schwieriger Begriff; versuchen Sie bitte nur das zu hören, was ich tatsächlich sage:

 

Es geht uns zum einen nicht um die Subjekt- oder Bewußtseinsphilosophie der Moderne, sondern allein darum, daß wir mit unserem gemeinsamen Denken irgendwo beginnen müssen und dies natürlich nur bei dem uns aktual Gegebenen möglich ist. Dazu geben wir letzterem einen Namen – „Bewußtsein“ –, und mehr ist nicht geschehen.

Das Bewußtsein wird in der Zeit kontinuierlich anders, aber es bleibt natürlich dabei, daß jegliches Denken, Erforschen oder Hinterfragen immer nur bei dem bereits Vorliegenden beginnen kann, so daß das gegenwärtige Bewußtsein stets den Ausgangspunkt allen weiteren Überlegens bilden muß – und nicht nur jetzt zu Beginn des Buches.

 

Zum anderen stellt sich uns die Frage nach dem Woher des Bewußtseins gar nicht; es wäre schlicht widersprüchlich, ergründen zu wollen, woher die Voraussetzung allen Ergründens kommt.

Mit anderen Worten: Das Bewußtsein läßt sich nicht nach demjenigen „hinter“-fragen, was „vor“ ihm liegt, weil alle Fragen und Antworten notwendigerweise aus dem Bewußtsein her-„vor“-gehen und damit „nach“ ihm kommen.

 

Zum Bewußtsein zählen natürlich unsere Sorgen, Ängste und Erinnerungen, alle Freuden und Leiden, das momentane Wohl- oder Unwohlfühlen und nicht zuletzt sämtliche Wissungen, die wir eben gegenwärtig haben.

Damit soll auch nochmals deutlich werden, daß es sich beim Bewußtsein nicht um ein Gefäß, sondern nur um –  „dessen“ – Inhalt handeln kann. Was auch immer wir fühlen, wahrnehmen, ahnen, empfinden, denken, spinnen oder erwarten muß unserem Bewußtsein angehören – andernfalls würde es für uns gar nicht existieren.

Wenn ich – vielleicht sogar versehentlich – schreibe, das Wissen oder irgendein X sei im Bewußtsein, dann läßt sich das trotzdem richtig verstehen, nämlich analog dazu, wie sich die 3 in der Menge der natürlichen Zahlen befindet – obwohl sie selbst dazugehört und offensichtlich nur gefäßloser Inhalt existiert.

 

In diesem Sinne sollten Sie unseren Begriff des Bewußtseins als alternativlos verstehen. Sicherlich hätten wir zu seiner Bezeichnung ein anderes Wort wählen können – „Psyche“, „Ausgangspunkt“, „Mehr-habe-ich-nicht“ oder „Das-ist-alles“ –; allein darüber ließe sich auch sinnvoll streiten.

Somit ist die Eingangsfrage bereits beantwortet:

Es muß dann tautologisch sein (weißer Schimmel, runde Kugel . . .), daß uns das Außerhalb des Bewußtseins nicht gegeben ist und wir folglich auch nicht darüber nachdenken oder sprechen können. Wäre das möglich, handelte es sich nicht um sein Außerhalb, sondern um das Bewußtsein selbst.

 

Jedes Subjekt besitzt sein Bewußtsein und ist damit ein „Bewußthaber“ (Hermann Schmitz). Kein anderes Subjekt kann in unser Bewußtsein schauen, und umgekehrt sind natürlich die fremden Bewußtseine auch uns prinzipiell unzugänglich.

Zu unserem Bewußtsein kann zum Beispiel auch die Vorstellung Gehirn gehören – und bei einem Neurologen eventuell sogar die entsprechende Wahrnehmung –; aber beide sind eo ipso nur im Bewußtsein möglich, denn außerhalb desselben existiert (für uns) gar nichts, so daß sich ergibt:

Ohne Bewußtsein kein Gehirn!

 

AD: „Mit Ihrer Behauptung ‚ohne Bewußtsein kein Gehirn‘ stehen Sie wohl ein bißchen allein da; die „restlichen“ (n-1) Menschen würden Ihre Aussage bekanntlich umkehren:

Ohne Gehirn kein Bewußtsein!

 

Ich glaube, daß beides stimmt, und bin mir sogar recht sicher, daß meine Version die grundsätzlichere ist.

Ohne Bewußtsein kein Gehirn“ muß richtig sein, weil per definitionem ohne Bewußtsein gar nichts für uns existieren würde; also auch kein Gehirn. Ist es gegeben, kann sich das Gehirn folglich unmöglich außerhalb des Bewußtseins befinden.

Die Umkehrung „ohne Gehirn kein Bewußtsein“ ergibt sich dagegen nicht rein analytisch, das heißt, aufgrund unserer Definitionen, sondern stimmt nur im Rahmen spezieller Weltbilder.

 

Ich bestreite Ihre Aussage also nicht – und habe selbst ein Weltbild, in dem diese Umkehrung gilt –, sondern weise nur auf ein Zweifaches hin:

Zum einen gibt es ein „so ist das in der Welt“ für uns gar nicht, sondern höchstens ein „so ist das in meinem Weltbild„.

Da zum anderen „Wissungen“, die wir nicht verstehen, keine Wissungen darstellen, sind sie gar nichts; vielleicht Sätze oder auch nur Geräusche bzw. Geschmiere. Für kleine Kinder ist es also weder wahr noch falsch, daß das Bewußtsein notwendigerweise an ein Gehirn gebunden sein soll, sondern einfach null und nichtig; ebenso wie wahrscheinlich für skalpjagende Indianer.

Sie alle sind nicht dumm, sondern besitzen lediglich kein bzw. ein uns fremdes Weltbild.

 

Unser Bewußtsein wird kontinuierlich anders und dabei sicherlich auch ganz massiv von seinem Außerhalb beeinflußt; letzteres bleibt aber dennoch per definitionem völlig unzugänglich. Wir erleben die Wechselwirkung der beiden Seiten sofern oder indem sie unser Bewußtsein erreicht – und natürlich umgekehrt auch von ihm ausgeht.

Eine Atombombe, die angeblich in seinem Außerhalb explodiert und wirkt, tut uns nicht nur nicht weh, sondern ist für uns inexistent, weil wir gar nichts davon erfahren. Zwischen ihr, einer nicht-explodierten Atombombe und gar keiner besteht kein Unterschied; deswegen das „angeblich“ im letzten Satz. Schmerzen und Schrecken sind – wie alles – entweder im Bewußtsein oder (für uns) gar nicht. (Nur so konnte Wolfgang Giegerich sinnvoll eine „Psychoanalyse der Atombombe“ schreiben.)

 

Von Archilolos ist das Fragment „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel kennt eine große Sache“ überliefert. Ich behaupte nicht, ein Igel zu sein, aber es ist letztlich eine einzige Idee, die mich seit über 45 Jahren – provoziert durch meine Arbeit an Grundfragen der Quantentheorie – bewegt; das Buch stellt den Status quo ihrer Entfaltung dar.

Dieser Grundgedanke ist weder groß noch sonderlich intelligent; ich bin lediglich hinreichend stur, um all die Jahre nicht von den zwei nachstehenden Überzeugungen abgelassen zu haben. Heideggers Satz „Jeder Denker denkt nur einen einzigen Gedanken“ hat mich darin bestärkt; bei mir lautet er:

 

1. Vom Außerhalb unseres Bewußtseins können wir absolut nicht(s) wissen und folglich auch keinen einzigen sinnvollen Gedanken darüber denken oder Satz dazu sagen. Sämtliche diesbezüglichen Annahmen sind sinnleer, willkürlich oder beliebig und entsprechen somit einem bloßen Blablabla, weil sie sich jeglicher Überprüfung entziehen.

Natürlich kann es unvorstellbar große Konsequenzen für unser Leben zur Folge haben, ob wir im Außerhalb des Bewußtseins entweder A oder non-A glauben. Aber nichtsdestotrotz läßt sich die entsprechende Annahme absolut nicht begründen. 

 

2. Wir haben also insbesondere auch keine Ahnung davon,

– zum einen wie sich unser Leben auf das Außerhalb des Bewußtseins auswirkt, und

– zum anderen was von dort her in unser Bewußtsein einfällt; erst wenn es sich bereits darin befindet, ist uns das Resultat zugänglich.

 

Obwohl mir beides sehr zwingend zu sein scheint, sehen viele Menschen das offensichtlich ganz anders. Sie

– haben sehr bestimmte Vorstellungen vom Außerhalb ihres Bewußtseins,

– sind von deren Richtigkeit felsenfest überzeugt und

– möglicherweise sogar bereit, Andersdenkende für deren widersprechenden Annahmen zu töten; Inquisition, real existierender Sozialismus, Islamischer Staat . . . 

Die abstrusesten Bekenntnisse können also, wenn sie fanatisch als „wahr“ geglaubt werden, sowohl bei den „Gläubigen“ als auch bei den „Ungläubigen“ (über) das Leben entscheiden – obwohl sie einfach nur einem Blablabla entsprechen.

Viele Menschen sind leider überzeugt, das eine richtige Blablaba von allen falschen unterscheiden zu können; hierbei ist es natürlich völlig belanglos, ob es sich dabei um religiöse, wissenschaftliche, esoterische oder sonstige Blablablas handelt.

 

Das muß man sich einmal ernsthaft durch den Kopf gehen lassen:

Eine willkürlich-leere Annahme, die bzw. deren Wahrheit durch absolut nichts zu rechtfertigen ist und völlig unbemerkbar durch ihr glattes Gegenteil ersetzt werden könnte, kann weitreichende bis verheerende Folgen nach sich ziehen, wenn sie fanatisch geglaubt wird!

Wer annimmt, außerhalb seines Bewußtseins befinde sich ein Schwarzes Loch, daß uns am 29. Februar 2024 alle verschlingen wird, lebt höchstwahrscheinlich anders als „Ungläubige“. Verschwörungstheorien sind zwar hinterwäldlerisch – aber bei dem einen oder anderen wirksam. 

 

AD: „Sie würden diesbezüglich also vorschlagen, nichts zu glauben, wofür keine Anzeichen im eigenen Bewußtsein sprechen?“ 

Ich würde Ihnen nur allzugerne zustimmen; aber leider ist die Wirklichkeit komplizierter, als Sie – Ihrer Frage entsprechend – zu vermuten scheinen:

Was wir glauben, obwohl es sich angeblich noch im Außerhalb unseres Bewußtseins befindet, wandert durch eben diesen Glauben natürlich in sein Innerhalb und bestimmt allmählich sogar unsere Erfahrungen mit. Es gibt keine nackten Tatsachen oder reinen Fakten – wie es sich die moderne Wisenschaft am Beginn ihrer Entwicklung erträumt hatte –, sondern all unsere Erfahrungen sind abhängig vom eigenen Weltbild.

Wirkt letzteres nur hinreichend lange, erhalten wir irgendwann den empirischen Beweis dafür, daß beispielsweise die „Verschwörungstheorie“ doch keine Verschwörungstheorie, sondern eine hellsichtige Diagnose der Wirklichkeit war.