1.2.1. Subjektivistische Wende

AD: „Sie haben versucht anzudeuten, weshalb wir das Bewußtsein angeblich weder hinterfragen noch verstehen können. Aber zum einen kann ich Ihnen dabei schlecht folgen, und zum anderen fragen doch zahllose Autoren – wie zum Beispiel Michel Bitbol – ganz explizit ‚Was ist das Bewußtsein?‘.

Machen die einen Fehler oder Sie?“

Nein; weder . . . noch . . .; es geht vielmehr um einen neuen Ansatz, der sich Guido Rappe folgend – und im Anschluß an Kants „kopernikanische Wende“ – als „subjektiviistische Wende“ verstehen läßt:

 

Traditionell stehen – entsetzlich pauschal geredet und stark vergröbernd – Materialisten oder Realisten auf der einen Seite den Spiritualisten bzw. Idealisten auf der anderen gegenüber. Jene halten den Stoff, die Dinge oder Atome für das Entscheidende resp. eventuell sogar Einzig-Wirkliche, und diese geistige Größen. Am besten können wir uns letztere vielleicht am Beispiel Platons veranschaulichen; ihm zufolge existieren in irgendeinem Ideen-Himmel die Urbilder; beispielsweise diejenigen der Gerechtigkeit, des Guten, Wahren, Schönen oder Einen.

Diese beiden Denkrichtungen stellen einerseits einander widersprechende Extreme dar – „alles Materie“ contra „nur Geist“ –, zwischen denen beliebig viele Zusammensetzungen oder Mischungen nicht nur denkbar sind, sondern in der Philosophiegeschichte auch tatsächlich vertreten wurden.  

Aber andererseits stimmen sie in einer anderen Hinsicht völlig überein:

Stets wird bei diesen Anschauungen die Wirklichkeit – welche Form auch immer sie nun besitzen mag – als bereits fertig oder uns vorgegeben betrachtet; sie wird nicht durch bzw. mit uns, sondern ist immer schon auch ohne uns.

 

Davon, das heißt, von der gesamten Kontinuität zwischen Realismus und Idealismus trennen wir uns und wechseln mit der subjektivistischen Wende von einer Philosophie des Seins zu einer solchen des Werdens.

Idealisten haben naturgemäß wenig Schwierigkeiten mit ihrer Erklärung des Bewußtseins, da es so geistig ist wie die gesamte Wirklichkeit. Es kann beispielsweise in unserem Anteil an letzterer bestehen, der sich eventuell aus einer Gottesebenbildlichkeit des Menschen ergibt. 

Das ist für die Realisten wesentlich schwieriger; wie gelangen wir vom materiellen Gehirn zum geistigen Bewußtsein? Dieses Problem wird heute zumeist bagatellisiert oder vielleicht auch kaum gesehen, erscheint mir persönlich aber gewaltig bis prinzipiell unlösbar zu sein.

Wir stehen zum Glück nicht davor, sondern gehen von einer werdenden Wirklichkeit aus, die – mit uns und dem eigenen Bewußtsein – aus dem Nichts generiert wird und sich explizierend entfaltet.

 

Damit hört das Bewußtsein auf, der Gegenbegriff zum Körper zu sein; es faßt – ganz im Sinne des vorigen Abschnitts – lediglich alles Gegebene zusammen. Jenseits von sowohl Monismus als auch Dualismus haben wir damit kein Körper-Bewußtsein-Problem zu lösen, so daß insbesondere auch Seele und Geist entfallen, die traditionell anstelle des Bewußtseins stehen. 

Alle diese Entitäten werden durch einen Ausgang vom bewußten Leib oder leiblichen Bewußtsein ersetzt, der in der Philosophie seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine zunehmende Rolle spielt. Besonders wichtige Autoren sind in diesem Zusammenhang meines Erachtens Maurice Merleau-Ponty, Hermann Schmitz, Wolfgang Böhme und Guido Rappe.

 

AD: „Ich verstehe; die zweieinhalb Jahrtausende abendländischer Philosophiegeschichte werden ganz entscheidend vom Widerstreit zwischen Idealismus und Materialismus geprägt. Ihre Vertreter können schwerlich bestreiten, daß wir Menschen oder Subjekte über ein Bewußtsein verfügen, so daß beide Seiten jeweils vor zwei erheblichen Problemen stehen:

Die Idealisten müssen erklären, woher der Geist stammt und dann aus ihm das Bewußtsein ableiten. Letzteres dürfte sich möglicherweise als recht problemlos erweisen, da das Bewußtsein bereits als geistig verstanden wird. 

Das Ursprungsproblem der Materialisten ist natürlich keinen Deut kleiner; woher kommt die Materie? Und wie sich aus ihr Bewußtsein entwickeln soll, ist eine zweite völlig ungeklärte Frage.“

 

Diesen Gedanken kann ich aufgreifen:

Wir erleben zwar seit Jahrzehnten einen Neuro-„Philosophie“-Boom, der so tut, als habe er eine wissenschaftliche Antwort auf diese Frage und könne damit den abendländischen Dualismus zugunsten eines materialistischen Monismus überwinden. Aber daran stimmt nahezu gar nichts; viele Neuro-„Philosophen“ kennen die Wissenschaftsgeschichte kaum, argumentieren damit häufig treuherzig-naiv und legen zumeist lediglich Glaubenbekenntnisse ab, so daß ihre „schlechte Wissenschaft zu einer schlechten Religion“ (Guido Rappe) wird.

Wir befinden uns mit unserem Ansatz jenseits von Idealismus sowie Materialismus und beginnen mit dem Bewußtsein. Damit entfällt das Umwandlungsproblem – vom Geist bzw. der Materie in das Bewußtsein – und wir müssen „nur“ noch die (erste) Frage nach seinem Woher beantworten.