2. Genese des Geistes

Wer bisher kaum darüber nachgedacht hat, stellt sich Geschichte wohl recht problemlos als eine Aufeinanderfolge der Ereignisse vor, die „seit Beginn der Welt“ sukzessive zu uns geführt haben. Natürlich ahnen wir, daß nur ein paar geschichtliche Leuchttürme davon überliefert sind, nahezu alles unbekannt bleibt und wir so gut wie gar nichts wissen. Aber das ändert unsere Sichtweise nicht; theoretisch, so glauben wir, ließen sich die riesigen (Fast-nur-)Lücken durch historische Forschungen immer weiter auffüllen. 

 

Nach unseren Überlegungen im ersten Teil ist ein solches Geschichtsverständnis freilich unhaltbar geworden: Die Historiker haben Vorstellungen, aber nicht von der Vergangenheit, sondern von nichts – weil Wissungen keine Referenten besitzen. Vorstellungen sind Vorstellungen – ohne Wovon.

Damit bestreite ich nicht, daß es eine Geschichte oder Vergangenheit gegeben hat – das wäre ja widersinnig –, sondern lediglich unsere Gewißheit, sie zu kennen. Die Vergangenheit ist vergangen; wie sollte eine Übereinstimmung mit ihr aufgezeigt oder widerlegt werden?

Die Vorstellungen der Historiker beziehen sich nicht auf die Geschichte oder Vergangenheit, sondern bilden selbst die Historie bzw. das Früher. Vielleicht stimmen diese mit jenen überein, aber das läßt sich weder sinnvoll behaupten noch bestreiten, denn für eine Überprüfung kommen wir immer schon zu spät; die Vergangenheit ist bereits weg. 

Ohne sie gäbe es gar kein Früher; sie ist notwendig dafür. Das wird besonders daran deutlich, daß ohne die Vergangenheit natürlich ebensowenig ein Jetzt oder Später existieren würden, denn in ihr verlief die Geschichte, die die gesamte Gegenwart mit ihren drei Tempi hervorgebracht hat. Wieso soll das gegenwärtige Früher der Vergangenheit näherstehen als das gegenwärtige Später?

Beides sind lediglich Produkte der Vergangenheit.

 

Noch eine zweite prinzipielle Schwierigkeit kommt hinzu.

Nicht wenige Menschen haben heute Schwierigkeiten damit, ihre Großeltern zu verstehen, und es fällt uns allen schwer, mittelalterliche Literatur zu lesen. Es gibt offensichtlich Brüche in der Historie, die wir durch eine simple Extrapolation unseres Denkens in das Früher ignorieren würden; schon unsere Großeltern werden damit verfehlt.  

Viele, zum Teil große Denker – von August Comte über Ernst Cassirer bis Ken Wilber – haben versucht, diese historischen Brüche zu berücksichtigen und dabei zwischen zwei und acht größeren Korrekturen des Geistes unterschieden, die sich teilweise (Jean Gebser, Pierre Teilhard de Chardin) auch noch auf das Später beziehen.

 

Aber nochmals:

Die Geschichtsphilosophen sprechen nicht von der Vergangenheit – oder vorsichtiger: dürften zumindest nicht behaupten, es zu tun –, sondern entwerfen ein Früher, das sich als passable Hinführung zum Jetzt verstehen läßt.

Für unser Anliegen genügen diesbezüglich die letzten drei Jahrtausende der abendländischen Geschichte.  Wir unterteilen sie in (I) Vorantike, (II) Antike mit Mittelalter, (III) Moderne sowie (IV) Postmoderne und versuchen, die drei historischen Anderungen zwischen diesen Geistesformationen möglichst anschaulich darzustellen.

 

In der nachstehenden Tabelle habe ich teilweise ein wenig vorgegriffen, damit Sie die neuen Gedanken möglichst leicht einordnen können

 

 

traditionelles Denken unser Ansatz
I II III IV
         Vorantike         Antike und Mittelalter           Moderne                Postmoderne     
       
objektive Welt objektive Welt objektive Welt subjektive Weltbilder
Seiende Seiende Seiende ————
———— ———— ———— Anschauungen
? Außen-Innen-Dualismus Außen-Innen-Dualismus weder Außen noch Innen
 ganzheitliches Subjekt Subjekt mit Seele
Subjekt mit Psyche
Subjektivität mit Bewußtsein

 

Abbildung 2.