2.2. Das traditionelle Denken

Das traditionelle Denken bestimmt unsere jüngste Geschichte bis in die Moderne hinein und wird im Kern durch zwei simple, lange Zeit als selbstverständlich erachtete Vorausetzungen chrakterisiert.

Es geht zum einen davon aus, daß eine objektive Welt unabhängig von uns dauerhaft in „Raum“ und „Zeit“ existiert. Das ist alles andere als selbstverständlich; in Kulturen ohne eine solche Stabilität zelebrieren die Menschen am Morgen vielleicht bestimmte Riten, damit die Sonne – nicht wieder aufgeht, sondern – erneut wiedergeboren wird. Die Bestandteile dieser Welt sind die Seienden, die wir oben in (Nur-)Objekte und die Körper der Subjekte aufgeteilt haben.

Zum anderen ergibt sich aus dieser an sich seienden Welt unmittelbar der traditionelle Wahrheitsbegriff als adäquate Repräsentation oder Wiedergabe der Seienden. Dort befindet sich wirklich die Sonne; dies zu erkennen, ist wahr; wer dagegen behauptet, das sei der Gott Re – oder was auch sonst noch –, spricht die Unwahrheit.

 

Vor – der Philosophie des Subjekts in – der Moderne waren die Menschen zumeist überzeugt, den Seienden selbst oder unmittelbar zu begegnen. Mit der Moderne geht der direkte Kontakt dadurch immer stärker in einen bloß indirekten über, daß die Menschen vermehrt glauben, die Urbilder in ihrer subjektiven Psyche abzubilden und somit zumeist nur noch deren Abbildern zu begegnen.

Diesen Unterschied überspielen wir nicht nur im Alltag laufend und wohl zumeist, ohne ihn zu bemerken.

 

Im Zimmer steht beispielsweise ein wirklicher Ur-Stuhl als Seiendes der Welt; daß wir ihn sehen, bedeutet, daß unsere Psyche ein adäquates Abbild von ihm enthält. Wir treten näher heran, aber das ändert nichts an unserer Überlegung. Bis wir uns darauf setzen – dann ist es plötzlich der Ur-Stuhl selbst und nicht mehr nur sein geistiges Abbild, denn darauf kann man sich nicht setzen. 

Wir sehen zwar nur ein Abbild des Steaks, essen aber gewiß letzteres selbst. Wann springen die Abbilder in die Urbilder über?

Das Urbild Mond existiert schon sehr lange; ein Baby sieht es irgendwann zum ersten Mal aus seinem Kinderwagen, und dann läßt sich dieses Sehen schwerlich anders als ein Abbilden des präexistenten – vom Anblick durch das Baby völlig unbeeindruckten – Ur-Mondes verstehen.

 

Damit sind wir wieder bei dem Vorgehen, das uns jetzt schon mehrfach begegnet ist:

Die Tradition spaltet unsere tatsächliche Wahrnehmung – obwohl wir nicht doppelt sehen – in das äußere Ur- sowie innere Abbild auf – Gewußtes bzw. Wissung –,  behauptet die Übereinstimmung beider als Wahrheit und benutzt – zumeist stillschweigend – jeweils die passende Seite

Das ist zum Glück nicht unser Problem; es entfällt bei uns, weil wir die Wahrnehmungen gar nicht erst aufspalten, um die beiden Seiten dann wieder vereinen zu müssen. Aber wir verstehen recht gut, daß traditionell eine solche Schwierigkeit auftreten muß:

Das Auf-den-Stuhl-Setzen oder Steak-Genießen existieren wirklich und gehören somit zur Welt; das Sehen, Wissen, Erkennen oder Abbilden von Stuhl, Steak bzw. Mond dagegen nicht. Wer nicht  mehr (an) den Nous glauben kann oder will, muß das Sehen, Wissen, Erkennen und Abbilden also schlichtweg ignorieren.

 

Ich habe den Begriff der Seienden bewußt sehr dinghaft, körperlich, physikalisch oder materiell eingeführt, und wir werden uns auch ausschließlich auf derartige Seiende beschränken.

Traditionell gibt es jedoch sehr viele philosophische Richtungen, die zusätzlich auch von rein geistigen Seienden ausgehen. Ein Paradebeispiel bildet der Platonismus; wir haben wohl alle schon gehört, daß darin etwa mit der Idee der Gerechtgkeit oder den Transzendentalien – des Einen, Wahren, Guten und Schönen – auch nicht-sinnliche Seiende vorkommen.

Die lassen wir vollständig weg, weil es uns weder um die traditionelle Philosophie geht noch um Fragen, die Sie kaum bedrängen, sondern nur um offensichtliche Probleme. Sage ich Ihnen, daß das Eine meines Erachtens nicht existiert, geben Sie mir vielleicht Recht, um das Thema zu beenden; es spielt bei Ihnen wahrscheinlich ohnehin kaum eine Rolle. Behaupte ich dagegen, daß es den Mond nicht gibt und die Erde keine Kugel ist, erreiche ich gewiß Ihre Aufmerksamkeit; in welcher Form, ist natürlich noch offen:

Entweder Sie schalten Ihren Laptop aus; „Blödsinn“!

Oder Sie versuchen zu verstehen, wie ein Mensch auf so spleenige Behauptungen kommen kann.    

 

Damit werden auch die traditionellen Nicht-Seienden uninteressant, so daß wir für unsere Belange die Urbilder mit den Seienden identifizieren können.

Steht im Vordergrund, daß vom Original die Rede ist – und nicht nur von den Abbildern in der Psyche –, dann spreche ich von Urbildern; soll dagegen ihre Existenz betont werden, ist der Begriff der Seienden besser geeignet.