2.2.2. Antike und Mittelalter

In der griechischen Antike nannte sich die objektive Welt zwar „Kosmos“, hatte aber mit unserem Kosmos kaum etwas zu tun; „schöne Ordnung“ oder „Schmuck“ wären die treffenderen Bezeichnungen gewesen. Diese antike Welt charakterisierte beispielsweise eine Sphärenharmonie, die sich unter anderem auch in der Musik, Zahlenmystik und Farbenlehre wiederfand. (Platonische) Ideenwelt und Kosmos widersprachen sich damals nicht nur nicht, sondern bildeten das (eine) Arbeitsgebiet der Philosophen.

Anfang und Ende konnten sich die antiken Griechen nicht vorstellen, denn alles lief nach strengen – natürlich antiken – Gesetzen ab und führte somit lediglich zu endlosen Wiederholungen, wie sie im „Zeit“-Kreis zum Ausdruck kamen. Der daraus resultierende Kosmos kann nur eine ewige (schöne) Ordnung darstellen.

Der Körper ist belanglos; allein auf die Seele kommt es an, so daß auch sie ewig sein muß. Ein paar Jahre bleibt sie in ihrem – unserem – Körper eingeschlossen, der teilweise als „Grab der Seele“ betrachtet wurde. Der Tod ist dann ihre Erlösung und führt sie wieder dorthin zurück, wo sie sich bereits vor der Geburt aufhielt. Wird unser Leben in dieser Form als eine strafrechtliche Verbannung der Seele aus dem „Paradies“ verstanden, kann man vielleicht gelassen wie angeblich Sokrates den Schierlingsbecher trinken und auf das eigene Sterben warten. 

 

Diese Welt ging mit dem Wechsel zum Christentum in den Zuständigkeitsbereich der Theologen über, ohne daß hierbei an den Fundamenten des Denkens gerüttelt werden mußte. Weiterhin gab es die objektive Welt; sie hieß nun „Schöpfung“, und aus den ewigen Platonischen Ideen konnten völlig problemlos die ebenso ewigen Schöpfungsgedanken Gottes werden. Es wurden lediglich die Worte gewechselt, ohne das Gedankengebäude in seiner begrifflichen Struktur anzutasten, so daß sich hinsichtlich der uns interessierenden Fragen letztlich nichts geändert hat

Friedrich Nietzsche konnte deshalb sagen, „der christliche Glaube ist Platonismus fürs Volk“; und so wie ihn die Kirchen zumeist darstellen, läßt sich dem leider auch heute noch – bald 150 Jahre später – kaum widersprechen.

Aus dem Kreis wurde – durch Schöpfung, Erlösung und Vollendung – zwar ein gerichteter Strahl der „Zeit“; aber das bezieht sich nur auf die endliche Welt und berührt nicht die Ewigkeit Gottes.

 

Das Denken des Mittelalters geht davon aus, daß alles für unser Leben und Heil Notwendige prinzipiell bereits bekannt ist; es steht in den Schriften der bedeutenden Lehrer der Religion, Philosophie oder Weisheit. Deswegen benötigen wir keine neuen Erfahrungen, kann insbesondere die Offenbarung als abgeschlossen betrachtet werden und war das, was sich heute „Forschung“ nennt, praktisch undenkbar.

Alles Wesentliche ist schon in den wichtigen Büchern enthalten, und in sie müssen wir uns vertiefen; Lehre ist Studium der Schriften. „Der Name der Rose“ kommt Ihnen wahrscheinlich wie von selbst in den Sinn. 

Natürlich könnten wir untersuchen, ob es auch Spinnen mit sechs und Insekten mit acht Beinen gibt. Aber das ist völlig ohne Bedeutung, denn wenn es wichtig wäre – etwa für unser Seelenheil –, stände es bereits irgendwo.

 

Für die Schöpfung eines unendlichen Gottes war der Gedanke der schönen Ordnung wohl noch wichtiger als für den griechischen Kosmos.

Man stellte sie sich in Form einer Pyramide vor, in der sämtliche Seienden sortiert nach Gattungen und Arten angeordnet sind. Die uns wohl allen bekannte Begriffshierarchie mit ihren Ober- und Unterbegriffen sowie das traditionelle Verständnis der Definition als Einheit von Oberbegriff und unterscheidenden Charakteristika der Unterbegriffe zeugen noch von einem solchen Denken.

An der Spitze dieser Pyramide steht natürlich Gott selbst als das „vollkommendste“ oder „seiendste Seiende“; Martin Heidegger spricht deshalb auch von einer „Onto-Theologie“.