2.2.3. Moderne

Das wissenschaftliche Denken der Moderne behält wiederum den Glauben an die eine Welt bei und spricht nun von Materie, Natur, objektiver Realität oder ähnlichem, so daß die neuen „Experten“ in den Naturwissenschaftlern bestehen. Insbesondere natürlich in den Physikern, weil heute noch sehr viele Empiriker annehmen, die Physik sei die grundlegende Naturwissenschaft und Biologie vielleicht sogar Medizin sowie Neurologie ließen sich auf sie reduzieren; eine Ansicht, der selbst Chemiker (wie Hans Primas) schon vor 50 Jahren massiv widersprochen haben.    

Neu ist jedoch, daß die Moderne unsere Unwissenheit entdeckt; ihr zufolge steht nicht alles Wichtige bereits irgendwo, und das, was irgendwo steht, muß weder wichtig noch wahr sein.

„Vor uns liegt ein gewaltiger Berg von offenen Fragen und ungelösten Problemen – sowie eine großartige Zukunft. Wir warten nicht mehr auf das Reich Gottes, sondern schaffen den Himmel auf Erden“; etwa so ließe sich die Aufbruchstimmung der großen Geister zu Beginn der Moderne zusammenfassen.

Das Experiment der „neuen Wissenschaft“ (Roger Bacon) – als kontrollierte „richterliche Befragung der Natur“ (Kant) – führt zusammen mit der Idee des Fortschritts zum Aufbau des wissenschaftlich-technisch(-ökonomisch)en Komplexes.

 

Es versteht sich nahezu von selbst, daß diese beiden Formen des Denkens – die antik-mittelalterliche und die moderne – einander nur voller Unverständnis gegenüberstehen konnten:

„Wir wissen doch bereits alles (Wichtige); wonach suchen die ‚Neuen‘ denn mit ihren Experimenten – und vergeuden damit ihre kostbare Zeit?“

„Wieso glauben die ‚Alten‘, daß ihr ‚Wissen‘ etwas mit Wahrheit zu tun hat; sie ’studieren‘ Bücher – und vergeuden damit ihre kostbare Zeit?“

Die wissenschaftliche Methode hat sich grundlegend geandert und geht nun von einem Zirkel aus Hypothese plus Experiment aus, um mit seiner Hilfe grenzenlos in das Unbekannte hinein zu forschen.

 

Experimente führen jedoch zu Wahrnehmungen – die wieder neue Experimente veranlassen und gegebenenfalls unser Weltbild korrigieren –, aber nicht mehr zu traditionellen Seienden, so daß deren Pyramide zerbricht. Die Ordnungs-Struktur der Gattungen und Arten entfällt, und es tritt auch keine andere an ihre Stelle; die traditionelle Ordo-Welt ist vorüber.

Das bewirkt unter anderem den Tod des onto-theologischen Gottes; ohne Pyramide bedarf es auch keiner krönenden Spitze mehr; Nietzsche hat Recht mit seinem „Tod Gottes“.

 

Die entscheidende Abkehr vom traditionellen Denken beginnt mit Kant; er wußte das selbst und betrachtete seine eigene Philosophie daher als eine „Kopernikanische Wende“. Kant gab hierin den Anspruch auf, Seiende abbilden zu können, und zog die wichtigsten Konsequenzen daraus.

Ihm zufolge haben wir Wahrnehmungen, und das sind Erscheinungen.

Wovon?

Diese Frage läßt sich prinzipiell nicht beantworten, denn wenn es uns gelingt, hinter eine bestimmte Erschenung zu gelangen – zeigt sich eine andere.

 

Damit wird jedoch der Begriff der Seienden völlig hinfällig, denn mit welchem Recht glaubt die Tradition, von den unterschiedlichen Wahrnehmungen eins zu eins auf getrennte Seiende schließen und damit jene als deren Abbildungen behaupten zu können? Wieso sollen hinter unseren Wahrnehmungen namens „Jungfrau“, „Mönch“ und „Eiger“ drei getrennte Seiende stehen; wir können sie doch auch als ein einziges Bergmassiv erleben?

Die Wahrnehmungen sind Erscheinungen, aber nicht von Seienden, sondern vom Ding an sich.

 

Wahrnehmungen   =   Erscheinungen der Seienden   →   Erscheinungen des Dings an sich

 

Kant war also nur konsequent, wenn er die traditionellen Seienden durch das Ding an sich ersetzte, von dem wir prinzipiell nicht(s) wissen können. Er benötigte es lediglich noch, um die Wahrnehmungen als dessen Erscheinungen erklären zu können, – wofür ihn Fichte, Schelling und Hegel bereits verlachten.

Die Seienden bilden von nun an eine Hinterwelt, weil sie prinzipiell unzugänglich sind.

Das Wort „Welt“ behält Kant bei, aber es erhält bei ihm eine neue Bedeutung. Seine Welt gehört auf die Ebene der Erscheinungen; Kant geht davon aus, daß diese nicht rein subjektiv, sondern allgemein-menschlich sind, das heißt, für alle Menschen gleich. So schlägt Kant zwei Fliegen mit einer Klappe.

 

Da Begriffe ohne Anschauungen für ihn leer sind, verbieten sich die rationale Philosophie sowie Theologie, wie sie zu seinen Lebzeiten immer noch üblich waren, von selbst; sie gehören der Hinterwelt an.

Die Physik ist da von einer ganz anderen Qualität, denn sie handelt einerseits von unseren Wahrnehmungen, den Erfahrungen Kants, die bei ihm in der Einheit von Begriff und Anschauung bestehen, und andererseits von der Welt. Aber letzteres stimmt natürlich nur, wenn die Welt eine solche der Wahrnehmungen bzw. Erfahrungen ist. Und da diese Erscheinungen für Kant allgemein-menschlich sind, erklärt er auf diese Weise die Intersubjektivität der Newtonschen Physik, worin sein Ziel bestand.

 

Wahrnehmungen   =   Erscheinungen des Dings an sich   →   Welt

 

 

  Tradition Kant wir
       
Wirklichkeit objektiv-reale Welt (der)
Ding an sich
Gott bzw. Leben
  Seienden ————– ————–
Wahrnehmungen Abbilder der Seienden
Erscheinungen des Dings an sich
Wahrnehmungen
Welt objektiv-reale Welt (der)
Erscheinungen ————–
  Seienden ————– ————–

 

Abbildung 2.1.3.