2.2.4. Der Tod Gottes

„Kommen wir bitte nochmals auf Nietzsches ‚Gott ist tot‘ zurück; kann ein Gott überhaupt sterben?“

Das hängt davon ab, welchen Sie meinen; der nur-bewußte Gott natürlich nicht, denn er ist ewig und allgegenwärtig.

Unsere Gottes-Wissungen können „sterben“; vergessen, wegmanipuliert, durch naive Götzen-Wissungen ersetzt und beispielsweise mit Wotan, Zeus oder Baal verwechselt werden. Damit schaden wir aber lediglich uns selbst, weil das Weltbild – die einzige Orientierung im Leben – degeneriert. Mit dem wahren Gott hat das überhaupt nichts zu tun; er ist weder eifersüchtig noch verärgert und leidet auch nicht darunter – höchstens unseretwegen.

 

Den wahren – nur-bewußten – „Gott aller Menschen“ (Peter Strasser) verstehe ich aufgrund der jüdisch-christlichen Bibel – da mir andere gemäße Texte nicht hinreichend bekannt sind – als einen solchen des Lebens, der Menschen nach seinem Ebenbild – also in Freiheit – will und die Menschen liebt; deswegen hatt er sie geschaffen. Sehr viele von ihnen – ich fürchte: mit Abstand die allermeisten – erfahren das in ihrem Leben kaum, und nicht wenige wünschten sich wohl sogar, nie geboren worden zu sein, oder verzweifeln am Leben.

Der Gott, den ich mir erhoffe, übernimmt die Garantie dafür, daß jeder einmal zu ihm sagen wird: „Ich bin froh, daß Du mich geschaffen hast – ohne jede Rückfrage und mein Einverständnis. Zwischenzeitlich war ich oft vom Gegenteil überzeugt und hätte nicht für möglich gehalten, daß Du das hinbekommst; meine Hochachtung!“

Dann singen wir nicht „Halleluja“ – was für mich ehrlich gesagt kaum sehr himmlisch wäre –, sondern unser Leben ist ein einziges „Halleluja“.

 

Wie soll Gott den Menschen – insbsondere den Opfern unter ihnen – „beweisen“, daß am Ende alles gut sein und er sämtliche Tränen abwischen wird? Am besten, indem er sich in ihre Situation begibt, Mensch wird und sich damit selbst diesem Schicksal ausliefert:

„Glaubt mir bitte, daß ich meine Zusage unter allen Umständen halte; ich würde doch niemals selbst Mensch werden, wäre ich mir des guten Ausgangs meines Projekts – der Schöpfung als Selbsthingabe – nicht absolut sicher.

Ihr alle seid letztlich – wie mein eigener Sohn – vollkommen geborgen und könnt unmöglich aus mir und meiner Liebe herausfallen!

 

Weil ich Gott so verstehe, stellt die Bibel für mich eine Frohe Botschaft dar; sie verheißt einen Gott, wie ihn beispielsweise Thomas Pröpper in seiner „Theologischen Anthropologie“ darstellt. Zu einem solchen Gott gelangten die Israeliten – einschließlich Jesus von Nazareth – durch ihr Ringen um ein adäquates Verständnis ihrer Lebenserfahrungen:

„Er hat uns Gerechtigkeit versprochen; die gibt es nicht, ohne ein ewiges Leben, das auch die bereits Verstorbenen integriert. Ein ‚Gott‘, der nicht einmal die Seinen leben läßt, ist gar kein Gott; und einer, der sich nicht um ausnahmslos alle Menschen bemüht, kein gerechter.“

Ob der ersehnte Gott existiert – oder nur eine leere Sehnsuchts-Projektion darstellt –, kann natürlich niemand wissen. Aber wenn nicht, wäre das Leben grausam und die ganze Veranstaltung ein entsetzliches Drama. Dagegen wehre ich mich mit meiner ganzen Existenz, und deswegen glaube ich (an) diese meine subjektive Gottes-Hoffnung für alle Menschen.

Sie macht frei für das irdische Leben und nicht von ihm.

 

Zu den falschen Göttern gehört meines Erachtens das seiendste Seiende, der „Gott der Philosophen“ (Blaise Pascal) oder des griechischen Denkens, und ich bin überzeugt, daß Josef Ratzinger irrt, wenn er gebetsmühlenartig immer wieder betont, dies sei der wahre Gott. Hätte er damit Recht, wäre ich entsetzt und enttäuscht, daß Gott so klein ist, daß wir ihn denken und in unser Weltbild einsortieren können; selbst wenn dies allein durch die Offenbarung möglich wäre.

Aber Gott ist zum Glück kein – wenn auch noch so großartiges – Seiendes geworden, sondern Fleisch, und davon haben Ratzingers Griechen nicht viel verstanden, wie beispielsweise die Verkündigung des Paulus auf dem Areopag zeigt.

Natürlich wird noch häufig vom „Schatten des toten Gottes“ (Nietzsche) geredet; da aber das hierfür erforderliche Weltbild – nicht nur für „Ungläubige“ – verblaßt, verlieren seine Anhänger den Kontakt zum Leben und werden fundamentalistisch, sektiererisch, rechthaberisch oder zumindest eigenartig. 

 

Ein Paradebeispiel für die falschen Götter, die leider weiterhin wie selbstverständlich das kirchliche Leben bestimmen, bildet für mich der Gott des Augustinus und Anselm von Canterbury. Ihm zufolge vererbte sich die Sünde Adams auf die gesamte Menschheit, so daß der Sohn Gottes sterben mußte, damit der Vater – wenigstens einigen von – uns in seiner Barmherzigkeit vergeben kann.

Wir „sollen 7 mal 70 mal verzeihen“ – aber Gott stellt nicht nur Bedingungen, sondern vergibt auch nicht immer, sondern möglicherweise nur den „Auserwählten“ oder „Vorherbestimmten“. Damit bleibt er sogar hinter unseren ethischen Standards zurück, und einen solchen Gott kann ich nicht glauben; auch er ist für mich tot.

 

Außerdem hat Gott meines Erachtens freie Menschen gewollt und geschaffen. Folglich kann er zwar nicht allwissend sein – das wäre unvereinbar mit unserer Freiheit –, aber er hätte zumindest damit rechnen sollen, daß seine Geschöpfe ihre Freiheit möglicherweise mißbrauchen werden. Tun wir das, muß der Sohn – Augustinus und Anselm zufolge – entsetzlich leiden, um uns zu erlösen.

Gott hat aber keinen Gegenspieler und legte somit ganz allein die Bedingungen seiner Schöpfung fest. Das hat er also sehenden Auges so getan, daß es für seinen eingeborenen Sohn häßlich werden könnte – und höchstwahrscheinlich auch wird . . .

Ein solcher Gott kann meines Erachtens nicht der eine, wahre und wirkliche – nur-bewußte – sein, sondern lediglich die Gottes-Wissung einiger Kirchenlehrer, die fälschlicherweise häufig mit jenem identifiziert wird, aber nicht nur sterben kann, sondern möglichst bald auch sollte – allen einschlägigen Dogmen zum Trotz.

 

Hier wird nochmals sehr schön deutlich, was zu verstehen uns oben vielleicht noch schwerfiel.

Ich „glaube“ an den einen wahren nur-bewußten Gott; letzteres bedeutet, daß wir prinzipiell absolut nichts von ihm wissen können. Dann kann ich (an) ihn aber auch nicht glauben; wer ist denn „ihn“? Vielleicht ein Teufel?

Nicht nur um denken, sondern sogar um glauben zu können, benötigen wir also einerseits unbedingt Gottes-Wissungen. Wir dürfen sie aber andererseits nie mit dem einen wahren nur-bewußten Gott identifizieren; warum denn gerade diese Gottes-Wissungen? Weshalb ausgerechnet die meinigen?

Augustinus und Anselm hatten spezielle Gottes-Wissungen; diese waren nicht falsch, können es auch gar nicht sein und mehr als Gottes-Wissungen zu besitzen, ist selbst Heiligen nicht  möglich. Der Fehler beginnt dort, wo diese speziellen Gottes-Wissungen zum Nonplusultra erklärt und mit den einen wahren nur bewußten Gott gleichgesetzt werden.

 

Ich möchte, daß wir die Menschwerdung des Sohnes nicht abstrakt und lebensfremd als die Wirklichkeit unserer Erlösung behaupten. Wer dies glaubt, soll es bitte auch der hungernden Familie in Somalia gegenüber vertreten, ihr sagen, daß sie erlöst ist, und erklären, was das bedeutet.

Wir benötigen eine Interpretation des Glaubens, aus der sich eigene Erlebungen als Erlösungs-Erfahrungen ergeben, die wir als Wahrheitskriterien für die Offenbarung verstehen können. Dadurch würde die christliche Theologie endlich – von einer Buch- – zu einer Erlebungswissenschaft, und jeder Mensch – Christ wie Atheist – könnte sich selbst von der Wahrheit oder Nicht-Wahrheit seines subjektiven Glaubens überzeugen.

Nur so hat der Glaube meines Erachtens eine Zukunft; Buchreligionen entsprechen dem Mittelalter, als alles Wissen Bücherwissen darstellte.

 

Daß Gott Mensch geworden ist, verstehe ich mit Gianni Vattimo als ein Zerbrechen der traditionell-hinterwäldlerischen Transzendenz. Ein Symbol dafür bildet das Zerreißen des Tempelvorhangs beim Tod Jesu, denn dieser – der Vorhang – trennt den heiligen vom profanen Bereich des Tempels.

Das ist ein sehr schönes Bild; mißverstehen wir es jedoch als historische Tatsache, so wird eine bloße Geschichte daraus, die wir heute nicht mehr glauben können bzw. wollen, denn ein solches „Ereignis“ wäre nicht nur unkontrollierbar, sondern auch belang-, weil konsequenzenlos.

Es könnte von Eiferern erfunden worden sein und entspräche lediglich dem berühmt-berüchtigten Sack Reis, der in China umgefallen ist.