2.2.1. Von der Vorantike zur Antike

Vor 3000 Jahren (I) betrachteten sich die Menschen in den Metropolen des heutigen Griechenlands als Ein- oder Ganzheiten, wie dies bei den Juden noch zu Zeiten Jesus‘ der Fall war. Hier wird bereits deutlich, daß sich die Genese des Geistes kaum auf die „Zeit“ abbilden läßt und ihre Formationen somit primär vom Inhalt her verstanden werden müssen.

Im fünften Jahrhundert vor Jesus (II) erfanden die Griechen die Seele als ihr Innen; „erfanden“, nicht „entdeckten“. Sie verstanden sich nun nicht mehr als Einheit, sondern die Menschen bestehen dieser Geistesverfassung zufolge aus dem Körper, der irgendwie „innen“ eine Seele enthält. Der Geist gehört entweder zu ihr oder wird als dritter Bestandteil separat gezählt. Dann würde man vielleicht sagen, daß uns die Seele mit den Tieren verbindet und der Geist uns von ihnen unterscheidet.

Der einheitliche lateinische Wortstamm von animal – Tier –, anima – Seele – und animus – Geist – ist gewiß nicht zufällig und spricht sehr stark dafür, daß natürlich keine sauberen Unterscheidungen existieren (können). Dieses Konzept steht ganz  am Beginn des philosophischen Denkens in Griechenland und entspricht folglich nur einem unsicheren Herumtasten.

 

Nochmals zurück zu dem „Erfinden“ soeben:

Die Griechen haben nicht etwas immer schon Bestehendes nun endlich richtig erkannt; „von Anfang an besitzen alle Menschen eine Seele, unsere Vorfahren (I) wußten das lediglich noch nicht“. Vielmehr ist die Seele tatsächlich nur eine Erfindung, die ein anderes Vorstellen und Sprechen erlaubt.

Aber was heißt hier „nur“? Auch die Vorantike, der Staat und Mensch sind „nur“ Erfindungen oder Konstruktionen; was könnten sie auch anders sein ohne Urbilder? Im Verlaufe unserer gemeinsamen Überlegungen soll deutlich werden, daß die Unterscheidung zwischen Erfinden und Erkennen selbst nur eine Erfindung darstellt, die vom traditionellen Denken fälschlicherweise für eine Erkennung gehalten wird.

Unausgesprochen wußten wir das bereits:

Ohne Referenten kann es lediglich Erfindungen geben. Ein „nur“ ist dabei völlig fehl am Platze, denn den vergangenen Erfindungen – die freilich auch ganz anders hätten ausfallen können – verdanken wir unsere gegenwärtigen Wissungen.

 

Nun konnten die Griechen sagen: „Ich bin eine individuelle Seele und habe einen – ihren – Körper; der bin ich jedoch nicht. Ich lebe dort, wo die Seele lebt“ – aber wo ist das?

Als die Juden viel später dieses Menschenbild von den Griechen übernommen hatten, ließ sich zumindest das Leben nach dem Tod anschaulich als dasjenige der reinen Seele bei Gott verstehen.

Auch die Identität eines Menschen wird durch diese Erfindung leicht denkbar; mag doch mit dem Köper pasieren, was will; seine Seele macht den Menschen zu dem, der er ist. Natürlich erkennt man den 80-jährigen Moritz auf seinen Kinderphotos nicht wieder, aber seine identische Seele verbindet ihn mit dem Kleinen und macht ihn für immer und ewig zu Moritz.

Sogar eine Seelenwanderung wird damit leicht verständlich; sie war zuvor unmöglich, weil undenkbar. Das ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie sich durch eine bloße Erfindung – Ackerbau oder Internet ebenso wie Seele – ganz neue gewaltige Denkräume auftun.