2.1. (Temporal-)“Zeit“ und (Modal-)Zeit

„Ich habe Schwierigkeiten damit, Ihnen zu folgen.

Sie hatten uns im ersten Teil erklärt, daß die Tradition völlig unbegründet die Wissungen in Wissungen und Gewußte verdoppelt, letztere also nur erfindet und damit eine Welt hervorzaubert, an deren Vorhandensein sie dann selbst glaubt.

Nun befinden wir uns an einer sehr ähnlichen Stelle, aber Sie argumentieren ganz anders:

Die Hintoriker haben Wissungen und verdoppeln sie unbegründet in Wissungen und Gewußte. Sie erfinden jedoch nichts – denn die Geschichte bzw. Vergangenheit existierte tatsächlich –, sondern dürfen lediglich nicht behaupten, daß ihr Gewußtes mit der wirklichen Geschichte übereinstimmt.

Mich befriedigt nicht, daß es sich einmal so verhält und dann wieder anders.“

 

Das tut es nicht und wäre in der Tat auch unbefriedigend.

Die Tradition verdoppelt immer die primären Wissungen, gelangt damit zu eine Welt-Kopie, vertauscht die Prioritäten, so daß nun die Welt als primär gilt und die Wissungen zu deren sekundären Abbildern werden. Das verhält sich auch bei den Historikern so, denn die Welt ist doch eine, die sich in der „Zeit“ mit ihren Tempi erstreckt.

Daß es eine geschichtliche Vergangenheit auch tatsächtlich gab, hat damit gar nichts zu tun und ist bei uns unbedingt erforderlich, denn wie anders wollen wir die Entstehung unserer gegenwärtigen Wissungen erklären? Die Tradition tut dies von der Welt her, benutzt dabei aber einen logischen Zirkel. Wir haben das durchschaut und ersetzen deswegen die Welt durch die Vergangenheit:

Unsere gegenwärtigen Wissungen stellen keine Abbildungen der Welt dar, sondern sind ein Resultat der Vergangenheit; hätten wir  anders gelebt, wüßten wir auch anderes.

Die nachfolgende Darstellung soll diese Überlegungen veranschaulichen, und dann wiederhole ich letztere nochmals, weil die Gedankenführung sehr unüblich ist.

 

 

Lebenszeit  
           Zukunft           Gegenwart Vergangenheit           
?     ?  
    Wissungen                                                                          
    früher, jetzt, später      
    |      
    Verdoppeln      
         
    Gewußte = Welt  
    früher, jetzt, später   früher, jetzt, später  

 

Abbildung 2.1.

 

1.   Sowohl Ihnen als traditionell Denkendem als auch mir sind Wissungen gegeben, die sich über alle drei Tempi erstrecken.

2.   Die Tradition verdoppelt die Wissungen, erfindet damit Gewußte als Referenten zu diesen Wissungen, und deren Gesamtheit bildet die Welt.

3.   So erstreckt sich letztere ebenfalls in der (Temporal-)“Zeit“ aus Früher, Jetzt sowie Später.

4.   Wir verdoppeln die Wissungen nicht und haben folglich auch keine Welt.

5.   Die Tempi sind nicht die Zeit, sondern zeitlos und bilden als (Temporal-)“Zeit“ gemeinsam mit dem „Raum“ zwei Anschauungsformen für die Wissungen; letztere können also „räumlich“ und „zeitlich“ sein.

6.   Damit leugnen wir die Zeit nicht, sondern verstehen sie nur anders, nämlich als die Einheit der drei Modi Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oder (Modal-)Zeit.

7.   Das ist die (Modal-)Zeit, in der wir – in Gott – leben.

8.   Die Wissungen, mit denen wir begonnen hatten, bilden eo ipso die gegenwärtigen, das heißt, sie gehören der Gegenwart an.

9.   Wir könnten also sämtliche „zeitlichen“ und „räumlichen“ Prädikate mit einem Index „g“ für „gegenwärtig“ versehen. Er würde uns daran erinnern, daß sich ihre Bedeutungen kontinuierlich andern, ist aber selbstverständlich, so daß wir ihn weglassen.

10. Es ist immer Gegenwart; das stellt weder eine Behauptung noch eine Erkenntnis dar, sondern soll als Tautologie verstanden werden; die Gegenwart bildet die „seiende“ Zeit in deren Werden.

11. Die gegebenen Wissungen können nicht aus den früheren resultieren, denn alle Wissungen – einschließlich der früheren – gehören ja der Gegenwart an; es gibt also auch die früheren Wissungen erst gegenwärtig.

12. Somit müssen alle Wissungen der Vergangenheit enstammen.

13. Wir wissen also nicht von der Vergangenheit, sondern durch sie.

14. Natürlich wissen wir von der Zukunft ebensowenig – wenn es keine Referenten gibt.

15. Damit läßt sich der Wechsel vom traditionellen zu unserem Denken im Ganzen als Übergang – der Wirklichkeit – von einer zeitlosen Welt zu einem zeitlichen Leben verstehen. 

16.   Konkret im gegenwärtigen Zusammenhang haben wir die Welt durch die Vergangenheit ersetzt, um die Wissungen – ohne Zirkelschluß – als unseren Ausgangspunkt erklären zu können

     

„Ich erahne die Richtung Ihrer Antwort und hoffe, wir kommen noch ausfürlich darauf zurück; das war eher eine äußerst kurze Zusammenfassung . . .

Aber vielleicht sollten Sie bereits an dieser Stelle ein Wort zu den historischen Zeugnissen sagen, deren Existenz sich doch kaum bestreiten läßt.“

Doch; ein bißchen schon.

Die Historiker finden Schriftrollen, Tonscherben, Schädelknochen, Grabbeigaben, Schmuckstücke usw. als „Zeugnisse der Vergangenheit“. Aber selbst diese – als primitiv und selbstverständlich erscheinende – Aufzählung kann bereits falsch sein, denn das sind möglicherweise keine Zeugnisse der Vergangenheit, sondern bereits deren Interpretationen mittels unseres gegenwärtigen Weltbilds.

Vielleicht gab es in der angeblich bezeugten Vergangenheit beispielsweise gar keinen Schmuck, sondern nur Schutz gegen bösen Zauber und gefährliche Verwünschungen.

„Das dort“ – diese unsagbare Anschauung – bildet natürlich ein Zeugnis der Vergangenheit; aber als Schmuck tut sie es eventuell bereits nicht mehr. Indem wir die Anschauungen auf den Begriff bringen oder interpretieren, werden sie zu Wahrnehmungen im Rahmen unseres Weltbilds, und damit gehen die Zeugnisse der Vergangenheit möglicherweise in Früher-Wissungen der Gegenwart über.  

Wir bestreiten also keineswegs, daß die Archäologen Anschauungen finden, sondern geben lediglich zu bedenken, daß deren Wahrnehmung bereits ein Anschauen-als . . . darstellt und damit bereits kein Zeugnis der Vergangenheit mehr sein muß.

 

„Was die Historiker finden, sind Anschauungen, die sie aber nicht bezeichnen können, ohne sie als Zeugnisse der Vergangenheit zu zerstören. Damit könnten wir die Anschauungen definieren als Wahrnehmungen vor ihrem Auf-den-Begriff-gebracht-Werden?

Jein; Sie haben mich wohl verstanden und meinen das Richtige – aber ich glaube, so formulieren sollten Sie es trotzdem nicht.

Wir dürfen nicht bei der Sonne oder den Schriftrollen beginnen und uns dann dumm stellen. So – falsch – wird auch häufig die Materie erklärt: „Schau Dir die Kugel an und streiche alles Kugelige; was dann bleibt, ist ihre Materie.“

Das Auf-den-Begriff-Bringen bedeutet, daß die betreffende Anschaung als Wahrnehmung in unser Weltbild projiziert wird. Aber bei einer solchen Projektion geht möglicherweise viel verloren; die unterschiedlichsten Anschauungen können zur gleichen Wahrnehmung führen. Das Wahrnehmen erfolgt also irreversibel; streichen wir das Signifikat, kehren wir nicht von der Wahrnehmung zur Anschauung zurück.

 

En passant haben wir damit eine Erkenntnis hinsichtlich der Anschauungen gewonnen:

Sie gehören natürlich zur Gegenwart, aber in ihnen reicht die Vergangenheit in jene herein. Die Anschauungen bilden die Gegenwart der Vergangenheit GV.

„Aber Fossilien beispielsweise gehören doch eindeutig und nur zur Vergangenheit!“

Nein; sie sind Wahrnehmungen von ebenso unbestreitbaren wie unsagbaren Anschauungen, die erst durch die Evolutionstheorie – als Teil unseres Weltbilds – zu Fossilien werden.

Auch die „Kosmische Hintergrundstrahlung“ ist nicht an sich die Kosmische Hintergrundstrahlung, sondern eine Anschauung, die durch die heutige Physik zur Kosmischen Hintergrundstrahlung wird. Sie beweist also nicht die Urknalltheorie, sondern setzt diese voraus

 

„Aber die Kosmische Hintergrundstrahlung wurde doch bereits 1933 von Erich Regener antizipiert und 1964 durch Zufall tatsächlich nachgewiesen. Viele sehen darin einen entscheidenden Beweis für die – Richtigkeit der – Urknalltheorie.“

Ich weiß, aber dieser Schluß ist trotzdem in beiden Ansätzen unbegründet.

Aus unserer Sicht sollte der Fehler bereits deutlich geworden sein:

Wir glauben kein Seiendes namens „Urknall“, sondern zu unserem Weltbild gehört lediglich die Urknalltheorie, und ohne sie gäbe es auch keine Hintergrundstrahlung.

Traditionell folgt letztere aus dem Urknall. Aber Implikationen, das heißt, logische Schlüsse der Form p → q sind nicht umkehrbar in q → p, so daß aus der Hintergrundstrahlung nicht auf den Urknall geschlossen werden kann.

„Wenn es regnet, ist die Straße naß.“ Daraus folgt bei einer nassen Straße keineswegs, daß es geregnet haben muß; Tauwetter, Sprühwagen oder Wasserrohrbruch wären weitere Verursachungen.