2.1.1. Änderungen und Anderungen

Das Kriterium historischer Arbeit kann nicht in der unkontrollierbaren Übereinstimmung der Früher-Wissungen mit der Vergangenheit bestehen, sondern lediglich in deren Konsistenz. Die Geschichtswissenschaftler bemühen sich um ein Früher, das unser Jetzt in möglichst jeglicher Hinsicht gut verstehen läßt und optimale Möglichkeiten für das Später eröffnet.

„Ziemlich rund wird das Ganze“, müßten sie sagen, „wenn wir uns die Historie folgendermaßen vorstellen“; und dann folgt ihr gegenwärtiger Konsens bezüglich der Früher-Wissungen. Die Historiker dürften jedoch nicht ausdrücken, daß es so gewesen sei, denn das sind lediglich leere, weil prinzipiell unüberprüfbare Behauptungen.  

 

Für eine gute Interpretation kann es nötig sein, historische Anderungen zu akzeptieren.

„Anderungen“ ist kein Schreibfehler, sondern Absicht. Änderungen erfolgen an etwas Konstantem; Anderungen bedeuten dagegen, daß alles anders wird und somit nichts Konstantes existiert, woran eine bloße Änderung möglich wäre.

Ein Apfel ändert seine Farbe und Größe, bleibt aber Apfel; wird er jedoch zur Birne, handelt es sich um eine Anderung. Natürlich machen Äpfel und Birnen soetwas nicht, aber daraus folgt kaum, daß auch in der Historie keine Anderungen auftreten können. 

In ihr – zwischen früher und später also – gibt es sowohl Änderungen als auch Anderungen.

 

In der Vergangenheit ereignete sich eine Genese des Geistes, die zu unserem gegenwärtigen Weltbild mit seinem Früher bzw. seiner Historie führte. Heinrich Rombach spricht vom „Leben des Geistes“ oder von seiner „Fundamentalgeschichte“; wer dergleichen ablehnt, hat ein Erklärungsproblem, denn Weltbilder sind weder einfach vorhanden noch fallen sie vom Himmel.

Und vom Früher können sie nicht herrühren, denn das gehört selbst zum gegenwärtigen Weltbild.

Vergangene geistige Epochen sind als solche tatsächlich vergangen im Sinne von unwiderbringlich weg. Nicht nur wollen oder können wir nicht mehr so denken, sondern wir wüßten gar nicht, wie „so denken“ gehen würde, um es wollen zu können.

Das ist bei Anschauungen anders; mit ihnen ragt die Vergangenheit als Vergangenheit in unsere Gegenwart herein und ist nicht einfach weg.

Während die Vorstellungen überformt oder aufgehoben werden, könnten wir auch formulieren, bleiben die Anschauungen unverformt bzw. aufbewahrt.

 

 

Zukunft ?    
      zeitliche Genese  
  — Änderungen und Anderungen →   |  
  früher jetzt später Vorstellungen               
    Wahrnehmungen   |    

 

Gegenwart

  interpretierte Anschauungen   |    
  =      
    ←—————— Begriff / Was    
    +        
    Anschauungen / Daß
     
        zeitliche Genese  
    Anschauungen / Daß
    |  
Vergangenheit   ?        
  früher jetzt später Vorstellungen    

 

Abbildung 2.1.1.

 

Die Historiker interpretieren die Anschauungen und dringen so mit den resultierenden Wahrnehmungen möglicherweise – aber unkontrollierbar – auch mehr oder weniger tief in die Vergangenheit ein, indem sie ein gegenwärtiges Früher mit seinen Änderungen und Anderungen konstruieren.