2.1.3. „Zeitliche“ Vorstellungen contra zeitliche Erlebungen

„Damit ist insbesondere die Frage, ob Jesus Wunder gewirkt hat, prinzipiell unentscheidbar; die einen glauben es eben – als Teil ihres Weltbilds – und die anderen nicht.“

Nein; das halte ich für falsch; Jesus kann keine Wunder gewirkt haben!

Bevor ich versuche, Ihnen meine diesbezügliche Argumentation zu erklären, schauen wir uns noch drei weitere Gründe gegen den verbreiteten Hang zum Wunderglauben an.

Zunächst sprechen die angeblichen Wunder Jesu massiv gegen eine Offenbarung Gottes. Wenn diese nicht selbst wie eine Bombe einschlägt und ihre Wirklichkeit durch Wundergeschichten untermauert oder „bewiesen“ werden muß, kann es mit der Selbstmitteilung Gottes nicht weit her sein; da täte er mir eigentlich leid.

Was ist des weiteren beispielsweise die Verwandlung von Wasser in Wein gegen das „Schaffen“ von Wasser und Wein? Auf den irrigen Gedanken, (nur) ersteres sei ein Wunder, kann doch lediglich kommen, wer schon lange nicht mehr glaubt, daß alles aus Gott entspringt.

Und schließlich ist einem solchen Denken zufolge auch die Geburt eines Babys kein Wunder – weil es dabei ganz normal zugeht.

Obwohl – und damit denken  wir bereits in Richtung meiner versprochenen Argumentation – jede Geburt als Wunder verstanden werden kann, wird sich wohl keiner von uns zu der Aussage versteigen, die werdende Mutter würde ein Wunder wirken. Wunder benötigen offensichtlich keinen Akteur, der sie vollbringt.

 

Dieses Vollbringen meint einen Prozeß, und nun ist wichtig zu verstehen, daß es mir nicht um eine nuancierte Unterscheidung von Wortbedeutungen geht. Wir könnten ebenso vom Wirken, Geschehen, Vorgehen, Ereignen, Handeln, Entscheiden, Tun usw. sprechen oder auch zu den entsprechenden Substantiven – Wirkung, Geschehnis, Vorgang, Ereignis, Handlung, Entscheidung bzw. Tat – wechseln.

Wichtig ist einzig und allein, daß es sich um wirkliche Prozesse handelt, die als solche nur in der Zeit möglich sind.

Von der Wirklichkeit ist uns aber nur das Leben und von der Zeit allein die Gegenwart gegeben. Die uns zugänglichen Prozesse müssen also unserem gegenwärtigen Leben angehören und damit eigene Erlebungen bilden.

 

Bitte gönnen Sie sich ein Pause zum ruhigen Nachdenken:

Geschehen geschieht, Wirkungen wirken oder Ereignisse ereignen sich für mich und gegenwärtig – oder gar nicht.

Das ist so, weil das alles nur zu meinem Leben gehören kann; andernfalls wären es  keine ablaufenden Prozesse, sondern bloße Vorstellungen „von ihnen“.

 

Wir entscheiden nicht innerhalb unseres Weltbilds; das geht nicht, weil wir nicht darin leben.

Traditionell glaubt man, in der Welt zu leben; dann müssen natürlich auch unsere Entscheidungen darin getroffen werden. Die Welt besteht aus Seienden, und die sind diskret oder getrennt voneinander – wie ein Baukasten. Das überträgt sich auf die Entscheidungen, so daß sie stets innerhalb eines diskreten Ensembles von Möglichkeiten erfolgen.

Diese Vorstellung kann zu absurden Konsequenzen führen; beispielsweise zu der Annahme, es gäbe innerhalb dieses Ensembles eine moralische Rangordnung, zu der insbesondere die beste Möglichkeit gehört. Das wäre dann eine „moralische Tatsache“, und jeder, der sich für eine tiefer stehende Variante dieser Rangordnung entscheidet, sieht das falsch, ist „Kulturrelativist“ oder „versteht nichts von der ethischen Wahrheit“.

In diesem Sinne vergaloppiert sich Gabriel in seinem Buch „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten“ meines Erachtens total und kämpft leidenschaftlich – für etwas, was nur durch diesen seinen Denkfehler „denkbar“ wird.

 

Wir Subjektivitäten gehen aus dem kontinuierlichen (substantivischen) Leben hervor,  so daß diskrete Wahlmöglichkeiten für unsere Entscheidungen, die

– hierarchisch angeordnet sowie

– verglichen werden und über

– die wir uns austauschen können,

überhaupt nicht bestehen.

Wir entscheiden nicht im diskreten Weltbild, sondern im kontinuierlichen Leben anhand unseres diskreten Weltbilds, und da existieren nur einzigartige Situationen, in denen wir zum Glück auf unser Gewissen, aber niemals auf „moralische Tatsachen“ zurückgreifen können.

Unser Leben entspricht einem Fluß und keiner Hauptstraße mit ausgeschilderten Abzweigungen.    

 

Es gehört mit seinen Erlebungen zu den Transzendentalien, die wir im Sinne unseres explizierenden Denkschemas interpretieren, das heißt, durch bestimmte Vorstellungen ersetzen.

In letzteren können sich die Ereignisse überschlagen und eine gewaltige Dynamik entfachen, aber diese Vorstellungen selbst stellen dennoch keine Ereignisse dar, sondern werden lediglich gewußt, sind unwirklich und – trotz aller inneren Dynamik – zeitlos statisch.

 

Fassen wir unsere Zwischenergebnisse zusammen.

 

1. Prozesse bestehen nur in Form der eigenen Erlebungen, weil sie wirklich – Leben – und zeitlich – Gegenwart – sein müssen.

 

2. „Hinter“ unserem Leben steht allein der Ursprung; wir können also prinzipiell nicht erkennen, was die Prozesse bzw. eigenen Erlebungen auslöst. Sämtliche Wissungen scheiden als Begründung aus, weil sie erst „nach“ dem oder durch das Leben zustandekommen und die Zeit irreversibel ist.

 

3. Die Prozesse resp. eigenen Erlebungen sind natürlich undenkbar, so daß nur zwei Möglichkeiten bestehen:

Entweder unsere Überlegungen werden an dieser Stelle abgebrochen, oder wir ersetzen die undenkbaren Transzendentalien im Sinne des explizierenden Schemas durch Vorstellungen aus unserem Weltbild. Dann kommen wir zwar weiter, aber diese Vorstellungen

– sind tatsächlich nur ein schlechter Ersatz,

– haben mit den Transzendentalien in keiner Hinsicht etwas gemein,

– können sie also auch partout nicht vertreten,

– dürfen insbesondere nicht als übereinstimmend verstanden werden

– und sind weder wirklich noch zeitlich,

– so daß sie auch nicht wirken können.

 

4. Bei den Ersatz-Vorstellungen besteht gegebenenfalls auch die Möglichkeit, diesem Nicht-Wirken einen Ersatz-Akteur zuzuordnen.

 

Nun können wir endlich auf die Wunder zurückkommen und konkretisieren dazu unsere vier Punkte ihnen entsprechend.

 

1. Wunder gibt es nur für uns im Hier und Jetzt; „Wunder“, die wir nicht gegenwärtig erleben, sind keine Wunder. 

 

2. Woher sie rühren und wer oder was sie bewirkt, sind prinzipiell unbeantwortbare Fragen, weil sie sich auf unser Leben beziehen. Wir können nur in dem Maße „über das Leben nachdenken“, wie wir es – ersetzend – zu Wissungen des Weltbilds explizieren; aber genau in dem Maße lassen wir natürlich das Leben zurück und wechseln in das Weltbild. 

Entweder . . ., oder . . .; die Übereinstimmung von Leben und Weltbild ist für uns unvorstellbar – aber vielleicht eine Hoffnung für die Zukunft.

Die Tradition will das nicht wahrhaben und erfindet deshalb Referenten für die Wissungen, bezüglich derer wir im Prinzip übereinstimmen.

In diesem Sinne können wir das traditionelle Denken einerseits als ungeduldig verstehen; es will nicht auf die Zukunft warten und ersetzt sie durch die Welt.

Andererseits ist es natürlich ausgesprochen bescheiden, denn allzuviel scheint das traditionelle Denken demzufolge von der Zukunft auch nicht zu erwarten. 

 

3. An die Stelle der undenkbaren Wunder treten in unseren Ersatz-Vorstellungen per definitionem Zaubereien.

Mütter können keine Wunder wirken, aber vielleicht zaubern sie bei der Geburt; mehr jedenfalls nicht; nichtsdestotrotz können wir eine Geburt problemlos als Wunder erleben.

 

4. Im Falle der biblischen Geschichten ist der zugehörige Zauberer natürlich Jesus.

Ich wiederhole und korrigiere ein wenig den Anfang dieses Abschnitts:

„Damit ist insbesondere die Frage, ob Jesus Wunder gewirkt gezaubert hat, prinzipiell unentscheidbar; die einen glauben es eben – als Teil ihres Weltbilds – und die anderen nicht.“

Jesus kann keine Wunder gewirkt haben, weil es in bloßen Vorstellungen, das heißt, irgendwo und -wann gar keine gibt.