2.1.4. Nachfolge Jesu

Mir gefällt unser Resultat ausgesprochen gut.

Wie oft betont Jesus, daß die Kraft des Wunders nicht von ihm, sondern vom Vater ausgeht; er zaubert nur.

Und das wäre auch uns möglich, besäßen wir nur Glauben so groß wie ein Senfkorn; auf ihn allein kommt es an; „dein Glaube hat dir geholfen“. Die Wunder geschehen nicht durch Jesus, sondern in seinem Umfeld durch den Vater.

Jesus erweckt nur den dazu erforderlichen Glauben.

Nein; das kann er natürlich ebenfalls nicht, weil es auch kein vorgestelltes Erwecken – wovon auch immer – gibt.

 

Was macht Jesus dann eigentlich?

Diese Frage sollten Christen schon beantworten können, weil andernfalls keine Nachfolge möglich wäre. Auf die Subjektivität Christus kann sich letztere nicht beziehen, weil sie uns – wie jede fremde Subjektivität – unzugänglich ist.

Ich hätte eine ganz simple Antwort: Jesus folgt seinem subjektiven Gewissen.

Das könnten wir theoretisch auch; in diesem Falle würden wir ihm nachfolgen.

Was wir „Gewissen“ nennen, stellt in Jesus eigenen Worten den Willen seines Vaters dar – und selbst dieses Sprachspiel ist für uns als Töchter oder Söhne Gottes möglich.

 

„Es wäre wohl zu schön gewesen, hätten Sie das hinbekommen – haben Sie aber nicht:

Vorstellungen können weder folgen – wem oder was auch immer – noch ein wirkliches Gewissen besitzen; das ist gegebenenfalls wiederum nur eine Vorstellung.“

Entschuldigung; ich habe vor Begeisterung ein paar Schritte übersprungen; die liefern wir nun nach.

 

1. Die Tradition bemerkt nichts vom Leben, weil sie sich weder um die Wirklichkeit noch um die Zeit bemüht, sondern mit ihrer angeblichen Schau des Nous zufrieden ist; sie kennt also nur – seine – Wissungen.

 

2. Was der Nous schaut ist die Welt; mit ihr erklärt die Tradition also das Woher ihrer Wissungen.

 

3. Wir besitzen im Prinzip exakt die gleichen Wissungen, erfinden aber nichts „dahinter“, sondern anerkennen unser eigenes Leben „davor“; ihm verdanken sich auch unsere Wissungen. 

 

4. In ihrer Gesamtheit bilden sie das subjektive Weltbild, so daß wir einen „Dualismus“ von Leben und Weltbild anstelle von Welt und Weltbild erhalten.

 

5. In jener befinden sich die Referenten von diesem, und es besteht keinerlei Grund, das Abbildmodell von der Welt auf das Leben zu übertragen; das wäre pure Willkür und durch nichts zu rechtfertigen.

 

6. Deswegen haben wir das explizierende Denkschema eingeführt:

Das Leben – wir beschränken uns gegenwärtig darauf; im allgemeinen könnte es auch eine andere Nicht-Wissung sein – wird durch eine Wissung ersetzt bzw. als diese expliziert, verstanden oder interpretiert.

 

7. Damit wird das Leben „verdoppelt“; es bleibt 100%-ig das Leben und bekommt noch eine Stellvertretung oder Auffassungsweise hinzu. Das Wunder beispielsweise wird durch die Zauberei ergänzt; es ist keine, und die beiden haben absolut nichts miteinander zu tun.

 

8. Aber muß die Differenz immer so gewaltig sein?

Wenn meine Hoffnung, Leben und Weltbild könnten zukünftig zusammenfallen, nicht völlig danebenliegt, ist der Gedanke, es gäbe in der Gegenwart vielleicht bereits senfkornhafte Übereinstimmungen, vielleicht nicht völlig absurd.

 

9. Prinzipiell haben  Sie Recht; „Vorstellungen können weder folgen – wem oder was auch immer – noch ein wirkliches Gewissen besitzen; das ist gegebenenfalls wiederum nur eine Vorstellung“.

 

10. Das Leben und die darin zu wählende Richtung sind gewiß grundlegende Kategorien unseres Ansatzes. Wenn der Leben-Weltbild-„Dualismus“ senfkornhaft überwunden werden kann, besteht hier vielleicht eine Chance dazu.

Dann könnte es doch sinnvoll sein, daß Jesus „nur“ auf sein Gewissen hört und wir ihm darin nachfolgen sollen.