2.1.2. Das explizierende Denkschema

„Wir wissen 1000 Dinge von historischen Persönlichkeiten; beispielsweise von Sokrates. Ohne Referenten dürfte es solche Kenntnisse aber doch gar nicht geben?“

Das ist richtig; gibt es auch tatsächlich nicht.

Um diese unglaubliche Antwort faßbar zu machen, wiederhole ich noch einmal, eine Vorgehensweise, die wir uns allmählich und eher unauffällig angeeignet haben, als „explizierendes Denkschema“ jedoch stärker in den Fokus rücken sollten.

 

Unsere Universalien sind wirklich und bilden – eben deswegen – keine Wissungen. Sie lassen sich nicht abbilden und werden damit auch nicht zu Referenten, so daß wir nur die Möglichkeit haben, die Universalien mittels bstimmter Wissungen zu interpretieren oder als solche zu betrachten.

Gott bzw. den Ursprung ersetzen oder explizieren wir durch diejenige Wissung unseres Weltbilds, ohne die es gar nichts gäbe.

 

Unsere Anschauungen sind unbestreitbar und bilden – eben deswegen – keine Wissungen. Sie lassen sich nicht abbilden und werden damit auch nicht zu Referenten, so daß wir nur die Möglichkeit haben, die Anschauungen mittels bstimmter Wissungen zu interpretieren oder als solche zu betrachten.

Den „helleuchtenden konturlosen Kreis am wolkenlosen Mittagshimmel“ ersetzen oder explizieren wir durch die Sonne.

 

In dem Fall kann ich mitgehen; aber ist derjenige, ohne den es gar nichts gäbe, nicht der wahre Gott selbst – und keine bloße Ersatz-Wissung?“

Diese Frage habe ich mir auch gestellt; aber wenn Sie meine Antwort verstehen, muß sie eine Wissung darstellen und kann somit nicht Gott selbst sein.

 

Wir nähern uns Ihrem Problem.

Subjektivitäten sind wirklich wie das (substantivische) Leben, denn sie bleiben darin integriert.

Eine solche Subjektivität ist auch Sokrates; er lebt – wie alle Subjektivitäten – weder im „Raum“ noch in der (Tempotal-)“Zeit“, und wir interpretieren, explizieren oder ersetzen ihn durch den speziellen Menschen namens „Sokrates“, der vor 2500 Jahren in Athen als freier Bürger „lebte“.

Zwischen den beiden Sokratessen „liegen Welten“; durch ein besseres Verständnis können wir die Differenz natürlich verringern, aber es bleiben „Welten“.

„Durch ein besseres Verständnis von welchem Sokrates?“

Das ist eindeutig:

Von dem Menschen Sokrates verstehen wir gar nichts, denn er ist nur Verstehung.

Wir „verstehen also die Subjektivität Sokrates“, aber so schlecht, daß unsere Verstehung – der Mensch Sokrates – unmöglich als eine solche von der Subjektivität Sokrates betrachtet werden kann.

 

„Also doch Referent, aber ein sehr ungenauer oder schlechter . . .?“

Wenn das Ihrem Verständnis dient – einverstanden; aber so daneben, daß von zwei völlig verschiedenen Entitäten die Rede ist und wir auch differente Namen benutzen sollten.

So ist es glücklicherweise – aber wohl nicht zufällig – bei Jesus bzw. Christus.

Auf der einen Seite haben wir den Menschen Jesus von Nazareth und auf der anderen die Subjektivität Christus. Jesus ist also nicht der Christus, sondern er vertritt ihn nur in unserem Denken.

Für Jesus gilt Entsprechendes, wie wir es soeben vom Menschen Sokrates gesagt haben; das sind lediglich unsere Wissungen; wahr können sie alle nicht sein.

Unabhängig davon, ob das nun wichtig wäre oder nicht: letztlich geht es für den Glauben allein um Christus.

 

Gott ist Mensch geworden, aber mit Sicherheit keine bloße Wissung; also muß er Christus und kann nicht Jesus geworden sein.

Gott wandelte somit nicht vor 2000 Jahren als Jesus durch das heutige Israel, sondern lebt als Christus wie wir und mit uns in Gott.

In dieser Formulierung wird es unsauber, aber wir können sie durch das Unterscheiden zwischen Vater und Sohn korrigieren:

Gott wandelte somit nicht vor 2000 Jahren als Jesus durch das heutige Israel, sondern lebt als Christus oder Sohn wie wir und mit uns im Vater.

Gott muß also mindestens zweifaltig sein, um Mensch bzw. Subjektivität werden zu können.