2.3. Voraussetzungen des traditionellen Denkens

In der und durch die Moderne findet das traditionelle Denken sein Ende, denn es ist an Voraussetzungen gebunden, von denen einige nicht mehr haltbar sind. Sechs besonders kritische Bedingungen schauen wir uns in den nächsten Abschnitten der Reihe nach an:

1. Metaphysik der Präsenz

2. Existenz einer Hinterwelt

3. Subjekte sind Objekte mit Innen

4. Objekte sind Seiende

5. Wirklichkeit als Eigenschaft

6. Todesverdrängung 

 

„Das bedeutet also, daß insbesondere die modernen Naturwissenschaften sich bereits postmodern orientieren?“

Nein; Anderungen des Denkens erfolgen unvorstellbar langsam; der Geist ist sehr träge, so daß der traditionelle Ansatz auch die Moderne noch ganz entscheidend prägt. Er wurde nach Kant insbesondere von dessen unmittelbaren klassischen Nachfolgern – Fichte, Schelling und Hegel – kritisch infragegestellt sowie später insbesondere von Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein; seit 100 Jahren gilt das traditionelle Denken philosophisch weitestgehend als überholt.

Aber dennoch wird dieser Ansatz außerhalb der Philosophie – nicht zuletzt in den Naturwissenschaften sowie der Theologie und im Alltagsdenken – häufig noch heute als eine angeblich unhinterfragbare Selbstverständlichkeit betrachtet und feiert dort fröhliche Urständ.

 

Die Hauptgründe für ein solch „stures“ Festhalten an längst Überholtem – wie Chemiker, die noch an das Phlogiston, und Pysiker, die noch an einen Äther oder den Wärmestoff „Caloricum“ glauben würden – sind meines Erachtens die folgenden:

1. Der traditionelle Ansatz ist sehr einfach und anschaulich – um nicht zu sagen: primitiv –, weil er der Festkörperphysik oder noch deutlicher einem großen Legobaukasten entspricht.

2. Wer (an) ihn glaubt, braucht nicht nur keine Philosophie, sondern kann nur staunen, daß sich Menschen mit solch „absurden Hirngespinsten“ beschäftigen, obwohl doch alles so klar ist. „Was wollen die eigentlich? Bringt doch bitte nicht alles – ‚in unserem schönen Baukasten‘ – durcheinander!“

3. Gibt es ernstliche Probleme, kann es also niemals am Weltbild, sondern muß an unserem Denken innerhalb desselben liegen. Mögliche Alternativen sind völlig unnötig und werden somit auch nicht gesehen oder gar verstanden und einfach ignoriert; „Spinner!“

 

Die aus diesem Festhalten an einem alten Zopf resultierenden Schwierigkeiten – insbesondere der Ökologie, Theologie, Medizin oder Psychologie – müssen dann notwendigerweise gelöst werden, ohne ihre philosophischen Voraussetzungen auch nur in den Blick nehmen, geschweige denn infragestellen zu können. Das ist fatal, weil uns heute ganz andere Denkmöglichkeiten zur Verfügung ständen; wir mauern uns in ein selbstgefertigtes Gefängnis ein und versuchen, die aufkommenden Probleme durch das Stuckatieren seiner Wände zu lösen.    

Das zeigt sich für mich nicht zuletzt darin, daß wir den christlichen Glauben zwangsläufig auf eine Weise darstellen, die von denkenden Zeitgenossen abgelehnt werden muß. Die Kirchen werden nicht nur leer, weil die Menschen nicht glauben wollen, sondern auch weil sie es in der ihnen angebotenen Form selbst beim besten Willen nicht (mehr) können.

Wir dürfen spezielle zeit- und kulturbedingte Denkform nicht zum Nonplusultra machen, wenn es um die Frage nach der Wahrheit geht, oder gar mit letzterer verwechseln. Auch die Menschen anderer Kulturen suchen nach Wahrheit; der Gedanke, daß sie dazu erst einmal griechische Philosophie studieren müßten, erscheint mir jedoch absurd zu sein.