2.3.3. Subjektivitäten sind und haben keine Wissungen

Die traditionellen Subjekte haben nichts mit wirklichen Subjektivitäten gemein, denn letztere entstehen nicht einfach dadurch, daß man Objekten ein Innen hinzufügt – welches auch immer. Die Tradition macht es sich auch da wieder (zu) einfach und geht – als wäre dies die selbstverständlichste Sache der Welt – von in der Hinterwelt vorhandenen Subjekten aus.

„Das kann ich nicht nachvollziehen; für die Subjekte ist doch keine Hinterwelt erforderlich. Denken Sie bitte einmal ganz normal wie jeder vernünftige Mensch:

Dort steht Moritz mit seinem Fußball; Moritz hat ein Innen und der Fußball nicht. So einfach geht das!“

Nein; das tut es eben nicht!

Das traditionelle Denken kann durch nichts gerechtfertigt werden, denn es stellt eine bloße – aber immerhin widerspruchsfreie – Erfindung dar.

Was Sie soeben gesagt haben, widerspricht sich jedoch sogar und ist also „noch schlimmer“, weil es falsch sein muß

 

Dem traditionellen Ansatz zufolge sind Sie ein Subjekt der Welt, und in Ihrem Innen befinden sich die beiden Wahrnehmungen Moritz sowie Fußball. Nicht nur dieser, sondern auch jener kann kein Innen besitzen, denn dieser Moritz ist doch ebensowenig ein Subjekt wie sein Fußball; beide sind Wahrnehmungen – die Sie haben – und somit kann auch Moritz – im Gegensatz zu Ihnen –  nicht(s) wahrnehmen.

Verallgemeinert wissen Wissungen nichts; deswegen geht es traditionell nicht ohne hinterwäldlerische Seiende.  

 

 

traditioneller Ansatz unser Ansatz              
       
Welt   =   Hinterwelt
————  
Seiende ————  
             Objekte            
Subjekte   =   Objekte
————  
———— +   Innen
————  
  ———— Bewußtsein  
   
  ———— – (substantivisches) Leben  
    { Subjektivität + verbales Leben }  
  adäquate Wahrnehmungen   =   Abbilder
– Wahrnehmungen   =   Bilder
 
  – Moritz – Moritz  
  – Fußball – Fußball  

 

Abbildung 2.2.3.

 

Ihr Fehler, der zum Widerspruch führte, bestand also in der Annahme, dort den Ur-Moritz zu sehen; der besitzt zwar ein Innen, ist aber in seiner Hinterwelt nicht wahrnehmbar.

„Einverstanden; das ist genau die Stelle, die Sie oben bereits einmal als Fehler des Neuen Realismus erklärt hatten. Nur der Nous schaut das Subjekt A oder den Ur-Moritz sowie das Objekt B bzw. den Ur-Fußball, so daß es für uns nicht einmal die Selbstwahrnehmung AA sowie die Fremdwahrnehmung AB geben kann – sondern nur Moritz und den Fußball.

Deswegen beginnen Sie mit den Wahrnehmungen – und nicht bei den Subjektivitäten.“

 

Ja; wir Subjektivitäten können zum einen keine Wissungen sein, das heißt, nicht gewußt werden.

Zum anderen sind wir Subjektivitäten auch nicht die Wissenden, denn es gibt uns nur in Einheit mit dem verbalen im substantivischen Leben. Sind wir aber nicht einmal als Lebende isolierbar, dann erst recht nicht als Wissende.

Im (substantivischen) Leben gibt es Wissungen; wir sind nicht das Subjekt unseres Lebens, sondern resultieren daraus. Und an dieser Konstitution „unserer“ Subjektivität arbeiten auch die Wissungen mit; deswegen können wir keine Wissenden sein.

Wir sind und haben keine Wissungen.

 

„Dann müßte der Satz ‚ich weiß‘ also immer falsch sein?“

Ja; aber „ich weiß nicht“ wäre ebenso unrichtig, weil es allein um das „ich“ geht.

Das ist nicht vorhanden, weder durch die Evolution entstanden noch von Gott geschaffen; es gibt keine Ich-Substanz. Der Glaube daran, scheint mir die große Illusion des Abendlands zu sein, die uns insbesondere vom asiatischen Denken charakteristisch unterscheidet.

Meine Alternative besteht natürlich nicht in einem – mir aus eigener Erfahrung zutiefst widersprechenden – Kollektivismus, sondern in der Priorität des Lebens gegenüber den Subjektivitäten.

 

Gott hat keine Subjektivitäten geschaffen, sondern sich als das (substantivische) Leben für uns hingegeben. Christlich-fromm  ausgedrückt wäre letzteres der Leib Christi oder Weinstock, an dem wir Subjektivitäten wie Rebzweige wachsen können. Der Weinstock ist also keine logistische Zusammenfassung, sondern bildet unser Woher.

In diesem Leben entstehen wir Subjektivitäten durch Fühlen, Nahegehen- oder Betreffen-Lassen; das heißt, wir fühlen nicht und uns kann auch nichts nahegehen oder betreffen – weil wir hierdurch erst „geboren“ werden. Die Subjektivitäten sind das Sich-Fühlen, Sich-Nahegehen- bzw. -Betreffen-Lassen in dem oder durch das (substantivische) Leben.  

Deswegen ist insbesondere „ich weiß“ stets falsch und könnte vielleicht durch die Einheit { ich + wissen } verbessert werden – falls dieses „wissen“ mit einer Subjektivität verbunden ist, das heißt, ein Fühlen, Nahegehen oder Betreffen bewirkt.

 

Ohne Wissende gibt es auch keine Wahrnehmenden.

Die sind aber auch nicht erforderlich, weil wir „erst“ bei den Wahrnehmungen (bzw. Anschauungen) beginnen und sie nicht wie die Tradition durch ein sogenanntes Wahrnehmen aus angeblich ursprünglicheren Seienden herleiten.

„Rein logisch scheint mir das wasserdicht zu sein, und ich kann Ihnen darin auch nicht widersprechen. Aber daß ich Subjektivität keine Sehungen besitze, wenn mein Körper die Augen geschlossen hat, werden Sie doch zugeben?“

Natürlich; aber das bedeutet keinen Widerspruch.

Normalerweise verfügen Sie über Sehungen; diese gehören zu den Wahrnehmungen, mit denen wir stets beginnen. Nun schließen sich die Augen Ihres Körpers, und prompt sind die Sehungen weg; deren notwendige Voraussetzungen sind nicht mehr erfüllt.   

 

Sie denken erstens traditionell:

Ich bin mein Körper; hierauf müssen wir wohl nicht  mehr eingehen.

Und zweitens begehen Sie dabei einen logischen Fehler.

Wenn mein Körper bei geschlossenen Augen nicht sieht, folgt daraus keineswegs, daß er mit offenen Augen sehen würde. Das ist Nonsens, und könnte etwa folgendermaßen korrigiert werden:

Wir verfügen über Sehungen (neben anderen Wahrnehmungen). Etwas Grundlegenderes steht uns nicht zur Verfügung, so daß wir nur bei ihnen beginnen und sie nicht nochmals herleiten können. Im Dunklen entfallen  die Sehungen; daraus folgt aber nicht, daß das Licht sieht, sondern lediglich, daß es eine notwendige Voraussetzung für die Sehungen bildet – ebenso wie geöffnete gesunde Augen.

Mit anderen Worten bestehen zwischen den Wissungen unseres Weltbilds notwendige Bedingungen für die Wahrnehmungen; sind jene nicht erfüllt, entfallen diese, obwohl sie „eigentlich“ möglich wären und auf ihr Sich-Zeigen-Können „warten“.

Greifen wir nicht fest zu, fällt uns der Wassereimer aus der Hand, den wir „eigentlich“ tragen könnten. Bekommen wir schlecht Luft, fehlt uns geistige und körperliche Frische, die „eigentlich“ möglich wäre.

 

Menschen sehen beispielsweise ebensowenig wie Fersehkameras oder Roboter. Läuft einer von letzteren auf die Wand zu, kommen die von ihm nach vorn ausgesandten Wellen sehr schnell zurück, und als Reaktion darauf ändert der Roboter seine Bewegungsrichtung. Der Input führt vollautomatisch und ohne jegliches Bild von der Wand zum passenden Output.

Das wird beim Rasenroboter besonders deutlich, wenn der Input im Anstoßen oder Leitungssignal besteht; für den Roboter endet kein Rasen. Der automatische Blitzer sieht nicht, daß der Verkehrssünder zu schnell fährt, sondern erzeugt ohne jedes Wahrnehmen eine Anschauung, die für Subjektivitäten zu einer Wahrnehmung werden kann.