2.3.1. Metaphysik der Präsenz

Die erste der uns interessierenden Voraussetzungen des traditionellen Denkens thematisiert Jacques Derrida unter der Überschrift „Metaphysik“ oder „Ontologie der Präsenz“ und meint damit den folgenden Widerspruch:

Die Welt ist „räumlich“ und „zeitlich“ praktisch unendlich ausgedehnt; in diesen Weiten des physikalischen Kosmos entsprechen wir Menschen nicht einmal Staubkörnern, die fest an ihr kitzekleines Hier und Jetzt gebunden sind.

Das ist aber nur die eine Seite; auf der anderen Seite – und völlig unbeeindruckt davon – bilden wir uns ein, nichtsdestotrotz diesen gesamten Kosmos zu kennen. Wir überschauen ihn angeblich von einem Ende zum anderen und von seiner Geburt im Urknall bis zu seinem möglichen Tod, beispielsweise im finalen thermischen Wärmegleichgewicht.

Wie ist das möglich? Wer verhilft uns aus dem winzigen Heimatwinkel heraus zum Wissen des Alls?

Der Nous; entweder er erkennt oder keiner; mit rechten Dingen kann das nicht zugehen.

 

Der Tradition in Antike und Mittelalter war das klar, und die damaligen Denker haben ganz bewußt akzeptiert, daß sie die Hilfe eines Gottes benötigen, der – im Gegensatz zu uns Menschen – den vollständigen „Raum“ und die ganze „Zeit“ überblicken kann, weil er sich außerhalb von ihnen befindet. Bei den Griechen war dies der Nous, und Thomas Nagel nennt dessen Nicht-Perspektive den „Blick von nirgendwo“.

Wer – aber auch nur wer – über einen heißen Draht zum Nous verfügt, weiß alles.

 

Wie soll das bei Vergangenheit und Zukunft überhaupt möglich sein? Jene ist nicht mehr, diese noch nicht und somit absolut offen; da kann auch kein Gott helfen.

Die Tradition bekommt das jedoch trotzdem hin und beansprucht, auch von ihnen zu wissen. Aber dann muß notwendigerweise die „Vergangenheit“ noch und die „Zukunft“ schon erreichbar sein.

Eine „erreichbare Vergangenheit“ ist jedoch keine Vergangenheit sondern das Früher, und analog dazu bildet eine „erreichbare Zukunft“ keine Zukunft, sondern das Später. Die Tradition ersetzt also die wirkliche (Lebens-)Zeit mit ihren Modi durch eine bloße „Zeit“-Wissung, die lediglich die Tempi enthält und folglich zeitlos ist.

 

Der gewaltige Unterschied läßt sich leicht veranschaulichen.

Wir leben in der Zeit, und das bedeutet, daß die Zukunft letztlich als absolut offener oder unverfügbarer Adventus auf uns zukommt. Wir haben zwar Mittel und Wege gefunden, um die Brutalität dieses Widerfahrens zumeist ein wenig abzumildern, aber das bleibt letztlich zeitlich begrenzte Kosmetik.

Die „Zeit“ entspricht dagegen dem Anschauen eines bereits völlig fertiggestellten – und durch unsere Forschung immer bekannter werdenden – Films. Die gerade aktuale Szene ist das Jetzt, der Teil davor entspricht dem Früher und derjenige, der erst noch in den Projektor hineinlaufen muß, stellt das Später dar.

Damit wird klar, daß wir zwar immer nur das Jetzt sehen, der Nous aber die gesamte Filmrolle überschauen kann. Und ich müßte wohl kaum noch erwähnen, daß die Ewigkeit (Gottes) häufig in dieser zeitlosen Form „neben“ der „Zeit“ gedacht wird, was mit seiner wirklichen Ewigkeit jedoch gar nichts zu tun haben kann.

Das ist alles schön anschaulich, besteht aber lediglich in unwirklichen Vorstellungen. Die sind für uns zwar nicht belanglos – wir orientieren uns daran –, besitzen jedoch keinerlei Referenten; so stellen wir uns das vor. Punkt.

 

Der Nous hilft uns also nicht, das Leben zu verstehen, sondern nur der Tradition, ihre Vorstellungen zu ordnen.

Mit seinem Blick von nirgendwo und -wann schaut er ausnahmslos alles von einem Ende bis zum anderen und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das vollständige Weltbild liegt vor dem Nous ausgebreitet und ist für ihn präsent; deswegen „Metaphysik“ oder „Ontologie der Präsenz“.

 

Uns muß nicht interessieren, wie die Tradition den Nous und unseren Kontakt mit ihm erklärt, weil wir beide nicht benötigen. Aber es sollte deutlich werden, daß jeder, der „ganz normal“ oder naiv-realistisch die Welt zu (er)kennen meint, für sich selbst diese göttliche Schau beansprucht – ob er das nun weiß bzw. will oder nicht, ist dabei völlig einerlei.

„Ich kenne die Wahrheit“ ist traditionell äquivalent mit „Ich stehe auf du und du mit einem (zumindest) Halbgott“.

Das traditionelle Denken enthält Michel Foucault zufolge einen „Willen zum Wissen“, der scheinheilig als „Wille zur Wahrheit“ schöngeredet und verharmlost wird, in Wirklichkeit aber Nietzsches „Willen zur Macht“ darstellt.

Das wird spätestens in der Moderne überdeutlich, weil sich nun herausstellt, daß die Objekte des Wissens keine Seienden, sondern Handlungsanleitungen sind. Wer letztere beherrscht, kann unendlich viel machen – und was sonst ist Macht?

Reden wir hier noch von Wahrheit, so ist das entweder naiv oder bösartig.