2.3.1.1. Aufklärung über die „Aufklärung“

Durch den heißen Draht zum Nous ist unsere menschliche Position dem traditionellen Denken zufolge sogar noch viel besser als diejenige eines eventuellen Schöpfer-Gottes: Wir wissen mit ihm – schauen ihm gewissermaßen über die Schulter –, sind jedoch nicht verantwortlich; gemacht hat er es – oder wer auch immer; jedenfalls wir nicht.

Ebenbild „ja“, Mitverantwortung „nein“.

Im traditionellen Denken kommt also ganz massiv ein – verantwortungsloses – Sein-Wollen-wie-Gott zum Ausdruck. Das hat aber meines Erachtens kaum etwas mit Hochmut oder „Sünde“ zu tun, sondern vielmehr mit Denkfehlern und einer unglaublichen erkenntnistheoretischen Naivität.

Wir beleidigen Gott damit auch nicht – was wäre denn das für ein Gott, den wir beleidigen könnten? –, sondern machen nur uns und vielleicht auch ihm das Leben unnötig schwer. Gott ist nicht gekränkt, aber eventuell verzweifelt; „wozu habe ich ihnen bloß die subjektive Vernunft gegeben?“

 

Nach der „Aufklärung“ sprechen wir natürlich nicht mehr von einem Gott oder Nous; sie heißen jetzt – insbesondere bei Descartes, Kant, Hegel und selbst Husserl noch – „objektive Vernunft“ oder „transzendentales Subjekt“. Die Moderne hat den Gott der Philosophen lediglich umgetauft und es damit unter dem Etikett „Aufklärung“ ermöglicht, dem traditionellen Ansatz noch lange Zeit relativ unbemerkt treu bleiben zu können

Aber wo „Aufklärung“ drauf steht, muß keine drin sein; „das moderne Denken ist angewandte griechische Götterlehre“ (Georg Picht). Die für uns notwendige Aufklärung über die „Aufklärung“ bestände darin, dies zu verstehen, das heißt, nicht länger den absurd-mittelalterlichen Absolutheitsanspruch des religiösen Glaubens durch den absurd-modernen der exakten Wissenschaften zu ersetzen – und damit dem alten Gott im neuen Mäntelchen weiterhin dienen zu können.

Beide Totalitarismen verweigern das eigene Denken und sind damit gleich unaufgeklärt; auch „die Wissenschaft denkt nicht“ (Martin Heidegger).

 

Wir müssen (an) den Gott der Philosophen glauben, um die moderne Wissenschaft für wahr halten zu können, denn ohne ihn ließe sich gar nicht erklären, wie wir zu unseren Ergebnissen gelangen sollten.

Diese göttliche Schau heißt nun (im wesentlichen) „Theoretische Physik“. Sie soll die Welt in ihrer gesamten „räumlich“-„zeitlichen“ Erstreckung als mathematisch-naturwisenschaftliche Unverborgenheit aus ihrer sinnlichen Verborgenheit befreien. Wir denken, berechnen oder veranschaulichen, lassen unseren Blick über die Welt schweifen und können dabei prinzipiell jede „Raum“-„Zeit“-Stelle beliebig genau inspizieren.

Rein praktisch bekommen wir es (noch) nicht hin, jedes Ereignis der vierdimensionalen „Raum“-„Zeit“ auszurechnen; und schon gar nicht in Echtzeit. Aber ob wir das schon können oder nicht, ist zunächst einmal sekundär; theoretisch ist es möglich, und das kann es nur sein, weil letztlich ausnahmslos alles in einer  „Metaphysik“ oder „Ontologie der Präsenz“ vor dem geistigen Auge ausgebreitet liegt.

Der Nous schaut es locker, und wir rechnen angestrengt; aber mit der heute leider noch fehlenden „Weltformel“ werden wir ihm vielleicht schon ziemlich nahekommen . . .

 

Anschaulich entspricht die traditionelle Welt demzufolge einem großen Regallager mit drei „räumlichen“ Dimensionen und einer „zeitlichen“ Ausdehnung. So wie rechts und links, oben und unten sowie hinten und vorn gibt es eben auch früher und später; das Jetzt gehört zur Mitte, und ausnahmslos alles ist im Prinzip stets präsent.

Dort befindet sich die Geburt des Sirius, hier oben ist der Bauernkrieg und da hinten rechts wird das letzte Dieselauto verschrottet. Die Welt ist eine Gesamtheit von vierdimensional einsortierten Ereignissen.

In einem statischen oder zeitlosen Lager kann man nicht leben, sondern nur – den Blick über – Vorstellungen wandern lassen; beispielsweise von rechts nach links oder vom Später ins Früher.