2.3.2. Die Welt als Hinterwelt

Mit ihren objektiven Seienden kann die Tradition die Intersubjektivität unserer Wahrnehmungen natürlich phantastisch durch adäquates Abbilden erklären. Nur diejenigen, denen das mißlingt, sind anderer Meinung und können mit gutem Recht von den besser Abbildenden korrigiert werden. In dieser unbestreitbaren Intersubjektivität besteht ja auch das häufigste und scheinbar stärkste Argument gegen unseren Verzicht auf Urbilder.

Das wollte ich aber entkräftet haben, indem wir die Seienden durch Anschauungen „ersetzen“. Aus dem „konturlosen helleuchtenden Kreis“ dort kann beispielsweise die Sonne, aber eben auch der Re werden, wenn jener – durch ein Weltbild – auf den Begriff gebracht und damit zu einer Wahrnehmung wird.

 

Das ist jedoch kein einfaches Ersetzen der Seienden durch die Anschauungen im Sinne eines bloßen Austauschs, sondern stellt eine grundlegende Anderung des Weltbilds dar.

Zunächst haben wir  natürlich unsere Hausaufgaben erfüllt; die partielle Intersubjektivität der Wahrnehmungen läßt sich ebensogut durch die subjektiven Anschauungen erklären, wie die Tradition dies mit ihren objektiven Seienden tut.

Aber letztere sind unabhängig von uns, während meine Anschauungen nicht ohne mich existieren; schließe ich beispielsweise die Augen, sind die Sehungen weg. Es gibt sie nicht mehr – nicht nur: ich sehe sie sie nicht mehr. Das ist der Preis, den wir dafür zahlen müssen, die Wahrnehmungen – nicht länger von der Welt, sondern – von uns her verstehen zu wollen. Ohne unser Anschauen – im weitesten Sinne und nicht nur visuell enggeführt – existieren keine Anschauungen.

„Mit diesem Anschauen ersetzen Sie das Schauen des Nous sowie Gabriels ‚Zuschauen der Subjekte‘?“

Sehr schön; dadurch kann alles mit rechten Dingen zugehen, solange wir uns nicht als Subjekte mißverstehen und angeblich selbst kennen.

 

„Aber eine Schwierigkeit sehe ich doch noch.

Für Babys und Tiere gibt es kein Weltbild, so daß sie auch weder die Sonne noch den Re wahrnehmen; der „konturlose helleuchtende Kreis“ als sinnliche Anschauung ist dagegen unproblematisch; den können sie sehen.

Ohne Weltbild existieren aber auch weder „Raum“ noch „Zeit“. Warum schauen Babys und Tiere dann in die richtige Richtung, das heißt dorthin, wo wir die Sonne sehen?“

 

Unser Leben erfolgt nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich. Analog zu den zwei ZEITEN müssen wir also auch zwei RÄUME unterscheiden; neben dem Lebens-Raum stehen beliebig viele mögliche „Raum“-Vorstellungen.

Nur letztere sind – wie die „Zeit“-Vorstellungen – an das Weltbild gebunden und fehlen damit unseren Babys sowie Tieren. Der Raum ist nicht dreidimensional und enthält weder Ebenen noch Punkte; er hat nichts mit Geometrie zu tun, sondern besteht nur in relativen Bezügen zu uns als den – notwendigerweise – Anschauenden. (Kompetende Ausführungen hierzu finden Sie bei Hermann Schmitz.)

Die Babys und Tiere schauen also  nicht zu einer Stelle im „Raum“ – mit den Koordinaten x, y und z –, sondern in eine Raum-Richtung relativ zu ihnen – dort.

 

„Einverstanden; damit Moritz direkt vor mir stehen kann, bedarf es des Raumes, aber keiner ‚Raum‘-Vorstellung . . .

. . . Wenn wir in Gott leben, würde dieser Raum jedoch zu ihm gehören und Moritz somit in Gott vor mir stehen?“   

Das klingt natürlich absurd für unsere Ohren; da müßten wir uns einfach entscheiden, ob wir die Allgegenwart Gottes ernstnehmen oder als kultisches Gerede abtun wollen. Immerhin war es mit Newton ein Physiker und kein Theologe, der den „Raum als Sensorium Gottes“ verstand. (Bei ihm war es freilich die „Raum“-Vorstellung; unseren Raum kannte Newton wohl nicht.)

 

Spätestens an dieser Stelle müßte auch überdeutlich werden, daß wir stets das gleiche Denkmodell zugrundelegen:

Auf der einen Seite haben wir Gott, den Ursprung und das Leben – unsere Transzendentalien – sowie die Anschauungen, Raum und Zeit.

Auf der anderen Seite steht all das – und noch vieles mehr – in Form der Wissungen unseres Weltbilds.

Wir halten die beiden Seiten sauber getrennt; weder werden sie miteinander identifiziert, noch verstehen wir die Wissungen als solche von den Entitäten der ersten Seite. Vielmehr interpretieren, deuten oder verstehen wir letztere probeweise mittels der Wissungen, betrachten diese lediglich als Denkwerkzeuge, versuchen herauszubekommen, wohin sie uns führen, und dieses Ziel zu optimieren

 

Die Wahrnehmung Sonne entsteht, indem die unbestreitbare sinnliche Anschauung „konturloser helleuchtender Kreis“ mittels des Begriffs Sonne gedeutet wird. Der alles entscheidende Unterschied gegenüber dem traditionellen Denken besteht darin, daß sowohl die Anschauung als auch der Begriff unserem Bewußtsein angehören.

Das ist bei jenem nicht der Fall, denn exakt die gleiche Wahrnehmung Sonne wird traditionell als eine Abbildung einer seienden oder urbildlichen Sonne behauptet, die nirgends vorkommt und deswegen lediglich einer Hinterwelt angehört.

Diese umfaßt notwendigerweise

– die Seienden – Objekte sowie Subjekte – der Welt,

– den Nous bzw. seine Schau der ewigen Präsenz und

– unseren Zugang zum Nous.   

 

Die traditionelle Welt gehört zur Hinterwelt.

Natürlich ist der Glaube daran widerspruchsfrei; aber in dieser Feststellung drückt sich kein Lob aus, sondern vielmehr die Tatsache, daß nichts an der Hinterwelt wirklichkeitsnahe genug ist, um überhaupt einen Widerspruch erregen zu können.

Woher sollte er kommen, solange nur über prinzipiell Unzugängliches palavert wird?

 

Wir verfügen über ein subjektives Weltbild; hierfür ist keine Welt erforderlich, denn nur traditionell sollten sich diese auf eine angebliche Welt beziehen. 

Wir leben postmodern mit unserem Weltbild und orientieren uns daran, als ob es ein Bild von der Welt wäre.

Exakt so war bzw. ist es auch schon vor der Postmoderne; die Menschen haben ihr Weltbild aber als Bild von einer Welt glauben wollen und dazu letztere als eine Hinterwelt erfinden müssen. Jede Kultur eine andere, aber wir selbst – natürlich – die richtige und damit die einzige Nicht-Hinterwelt

 

Damit können wir auch nochmals den Bogen zum Dualismus der Tradition schagen:

In unserem Bewußtsein befinden sich Wissungen, die von ihr zwar lediglich in Wissung und Gewußtes verdoppelt, aber dann auch noch als grundverschieden behauptet werden. Für zwei total differente Arten von Entitäten sind dann natürlich auch zwei verschiedene Sphären erforderlich; die (Hinter-)Welt für die kopierten und das Innen für die ursprünglichen Wissungen.

Ihre Krönung erfährt diese Unlogik darin, daß die ursprünglichen Wissungen zu bloßen Abbildern und die Kopien zu Urbildern erklärt werden.